Rems-Murr-Kreis

Bestatter: Das Geschäft mit dem Tod

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Nico Laible auf dem Schwaikheimer Friedhof. © Ramona Adolf
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Seit über zehn Jahren arbeitet Nico Laible als Bestatter.

Schwaikheim. Mit 13 hat Nico Laible (32) zum ersten Mal eine Leiche gesehen. Bis heute hat er sicher schon mit 2 000 Toten zu tun gehabt. Der Bestatter aus Schwaikheim spricht über weit verbreitete Irrtümer, Vorurteile, fehlende gesetzliche Vorschriften und skurille Kunden.



Der Tod ist ein Thema, über das selten gesprochen wird. „Zu selten“, wie Bestatter Nico Laible findet. Vorurteile und Ammenmärchen sind weit verbreitet. „Einmal hat mir eine Frau den Handschlag verweigert, weil ich ihr erzählt habe, was ich beruflich mache“, erzählt der 32-Jährige. „Manche reagieren angeekelt. Aber die meisten Leute sind erst überrascht und dann neugierig.“ Laible spricht gerne über seine Arbeit. Vor allem auch, um Unwahrheiten aus dem Weg zu räumen.

Strenge Hygienevorschriften

Ein weit verbreiteter Mythos sei zum Beispiel noch immer das sogenannte „Leichengift“, das Gerüchten zufolge nach dem Tod aus dem Körper austritt und Krankheiten überträgt. Ein gesunder Verstorbener ist aber genauso giftig wie zum Beispiel ein totes Tier, dass später noch gegessen wird. „Wir arbeiten unter strengen Hygienevorschriften“, erklärt Laible. (Mehr Irrtümer haben wir hier aufgeklärt.)

Trotz der strikten Vorgaben kann prinzipiell jeder ein Bestattungsunternehmen eröffnen. Eine verpflichtende Ausbildung oder Prüfung gibt es bislang nicht. Laible sieht das als Problem. Betrugsfälle mit vertauschten Leichen oder Billigsärgen statt der bezahlten Edelvarianten, die in den letzten Jahren durch die Presse gingen, zerstörten den Ruf der Branche. Laible fordert einheitliche Vorschriften. "Zumindest in Hygiene und Trauerpsychologie sollte jeder geschult sein." Er selbst ist geprüfter Bestatter.

Der Beruf ist körperlich und geistig fordernd

Trauernde Menschen gehören zum Berufsalltag. In über zehn Jahren Berufserfahrung im Familienbetrieb hat Laible schon viele Schicksale miterlebt. Er schafft es einerseits, den Angehörigen mit ihrer Trauerbewältigung zu helfen und ihre Emotionen andererseits nicht an sich heran zu lassen. „Man darf das nicht mit Heim nehmen. Ich kann die schlimmsten Sachen sehen und zehn Minuten später ganz normal mit meinen Kumpels ein Bier trinken gehen.“

Auch körperlich kann der Bestatter-Beruf eine Herausforderung sein. Bestatter kommen immer zu zweit, um einen Toten abzuholen. Alleine könnten sie sonst oft schon die Leiche nicht manövrieren und vor allem den Sarg nicht tragen. Laible ist es schon passiert, dass sie Verstärkung anfordern mussten, weil der Verstorbene schlicht zu schwer war. Zu kämpfen haben sie auch mit dem Verwesungsgeruch. Viele beschreiben diesen als „süßlich“, Laible widerspricht vehement. „Der Geruch ist mit nichts zu vergleichen. Süß verbinde ich mit etwas Gutem. Und das riecht nicht gut.“ Man entwickle mit der Zeit spezielle Techniken, um den Geruch nicht direkt einzuatmen. Nicht nur zum Selbstschutz, sondern auch, damit es einen vor den Angehörigen nicht würgt.

Der letzte Wille sollte geregelt sein

Weil so selten über den Tod gesprochen wird, wissen viele auch nicht, was sie tun sollen, wenn ein Angehöriger stirbt. „Oft rufen die Leute erst uns an. Wir dürfen aber erst kommen, wenn der Arzt den Tod festgestellt hat“. Generell rät er dazu, sich früh mit dem Tod auseinanderzusetzen und in einem letzten Willen festzuhalten, wie man bestattet werden will. Hält man sich an gewisse Formvorgaben, ist dieser rechtlich bindend. Laible bietet hierzu kostenlose Beratungsgespräche an, bei denen auch bereits die Finanzierung der Beerdigung geregelt werden kann. So müssen sich die Angehörigen nicht mehr darum kümmern.

Beratungsgespräche werden zur Zeit noch hauptsächlich von alten oder kranken Menschen wahrgenommen. Eine ältere Dame hat in so einer Beratung verfügt, dass ihre Asche in einen Schmuckstein gepresst wird, der dann als Halskette getragen werden kann. Die Dame ist die erste, die diese Neuerung im Angebot der Laibles vorbestellt hat. Besser angenommen, wohl auch wegen des nicht ganz so hohen Preises, wurde die Möglichkeit, den Fingerabdruck des Toten auf ein Schmuckstück zu übertragen. Mit Angeboten wie diesen versucht die traditionsgeprägte Branche, die an Bestattungsgesetz und Friedhofsordnungen gebunden ist, neue Bereiche zu erschließen.

Pommes auf dem Friedhof

Generell befindet sich die Branche im Wandel. "Die Trauerkultur hat sich aufgelockert. Auf Beerdigungen werden immer öfter trauerfremde Lieder gespielt. Es gibt Beamer mit Videos. Oder Aussegnungen werden per Stream in die USA übertragen, weil Angehörige von dort nicht kommen konnten." Laible rät davon ab, sich an Bräuche zu halten, nur weil die sich eben so gehörten. Er ermuntert die Angehörigen stets zu tun, was sie selbst für richtig halten.

Alle Wünsche kann Laible seinen Kunden allerdings nicht erfüllen. Als ein Kunde den sonderbaren Wunsch äußerte, Laible solle das Zahngold seiner verstorbenen Frau aus deren Mund holen, verweigerte er schlicht. Ein anderer Kunde hatte die Idee, einen Pommeswagen auf dem Friedhof aufzustellen. So hätte sich die Trauergemeinde nach der Beerdigung anstelle des traditionellen Leichenschmauses schnell eine Portion mit nach Hause nehmen können. Laible musste seine Illusion zerstören: Nahrungsmittelzubereitung ist auf dem Friedhof verboten.

Die eigene Beerdigung

Und wie will ein Bestatter selbst beerdigt werden? "Da ändere ich jedes Jahr meine Meinung. Vielleicht ist ja bis ich sterbe zum Beispiel die Friedhofspflicht aufgehoben. Sicher ist nur, dass ich mich nicht irgendwo anonym vergraben lassen will."


Zur Person

Nico Laible ist gelernter Groß- und Einzelhandelskaufmann. Obwohl er nach der Ausbildung eine Festanstellung bekam, verließ er nach zwei Jahren den Betrieb, um bei seinem Vater Thomas Laible und seinem Onkel Gernot Laible ins Familienunternehmen einzusteigen. "Ich wollte immer was Soziales machen. Man hat den ganzen Tag fast nur mit Menschen zu tun. Tote sind der kleinste Teil."

Mit 13 Jahren hat Laible zum ersten Mal eine Leiche gesehen. "Mein Vater hatte mich gefragt, ob ich das mal sehen will. Das war eine alte Frau, natürlich verstorben." Bis da hatte Laible, trotz des Berufs des Vaters, wenig mit dem Tod zu tun gehabt, noch nicht einmal einen Todesfall in der Familie gehabt. "Ich fand die Leiche anzuschauen nicht schlimm, sondern interessant."

Laible ist geprüfter Bestatter. Ein Jahr hat die Ausbildung gedauert, vorausgesetzt hierfür sind fünf Jahre Berufserfahrung. Gelehrt wird unter anderem Recht, Floristik, Warenkunde (wie werden zum Beispiel Särge hergestellt), Friedhofstechnik, Bestattungskultur (wie wird zum Beispiel in unterschiedlichen Religionen bestattet), Betriebswirtschaft, Hygiene, Mikrobiologie, Bestattungsarten und Trauerpsychologie.

Sein "Näsle für Verwesungsgeruch" konnte er erst kürzlich unter Beweis stellen. Als er nach Hause kam, war er sicher: "Hier ist etwas gestorben". Er folgte seinem Riecher und fand schließlich eine tote Maus, die seine Katze in die Wohnung gebracht hatte.