Rems-Murr-Kreis

Besuch in Bordellen in Waiblingen und Fellbach

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Die Prostitution in Deutschland ist ein einträgliches Geschäft. © Fotolia/Dan Race

Waiblingen/Fellbach. Die Würde des Menschen ist antastbar. Das Ideal unseres Grundgesetzes reicht nicht bis in die Prostitutionsstätten, wie sie amtlich heißen. Welche Frau kann diese Arbeit freiwillig wollen? Hier ein Blick in zwei Laufhäuser in Waiblingen und in den FKK-Saunaclub in Fellbach.

Schüttelgrabenring im Waiblinger Gewerbegebiet Eisental

Müssten die Schwaben das Laufhaus neu erfinden, würde es wohl so ausschauen. Nahezu nichts zeigt außen an, dass es sich um ein Bordell handelt. Es leuchtet zwar rot aus dem Lichtband des Treppenhauses, aber nicht in Herzform. Die Schrift am Haus führt in die Irre: „Café Eisental“. Es hängt sogar eine Preisliste aus mit Getränken. Aber spätestens an der Tür ist Schluss mit der Einladung an alle Menschen. „Frauen, die hier nicht arbeiten, Eintritt verboten.“ Im Erdgeschoss hinten links zeigt sich dann doch eine Theke, als Attrappe. Der Belegungs-Monitor drüber gibt die eigentliche Auskunft darüber, was es hier zu konsumieren gibt: Frauen. Die Auswahl besteht aus Martina aus Italien, Nicole aus Rumänien oder Lisa aus Polen. Frauen im Dutzend.

Hinweise zur Kondompflicht müssen aushängen

Die Betreiber haben in jeder Etage das Plakat eines Kondomherstellers an die Wand geklebt. Da wird in neun Sprachen angezeigt, dass es ohne Kondom hier nicht geht. Nicht offiziell. Seit 1. Juli 2017 sei das so. Hinweise zur Kondompflicht müssen freilich aushängen - sonst ist die Konzession bedroht. Offenbar zur Fassade eines gut geführten Hauses gehören die „Elf Bordell-Gebote“ am Eingang zu den beiden Etagen. Da findet sich der Rat, Mann soll „seiner Lady“ offen sagen, was er mag. Damit helfe Mann „vor allem denjenigen, die noch nicht so lange im Geschäft sind“. Eine schöne Methode der Illusionserzeugung. So zu tun, als ob es bei dieser Fließbandarbeit der Bedürfnisbefriedung doch so etwas wie Individualität gibt. Und jeder Freier womöglich noch zur Bildung beiträgt.

Da wäre es dann doch ehrlicher, gleich zur Sache zu kommen. Frage an Nicole aus Rumänien, was sie denn verlangt. Sie nennt die beiden Standardpraktiken. 30 Euro für jede. Zusammen, mit Rabatt, macht es 50. Auf diesen Preis scheint man sich geeinigt zu haben im Raum Stuttgart.

Die Hoffnung, dem Nachbarn nicht über dem Weg zu laufen

Ganz hinten rechts findet sich doch noch eine Anbieterin aus Deutschland: „Bella“. Sie liegt auf dem Bett, knappes Trikot am Leib, wie alle. Mit ihr sind vier Sätze möglich. Wo denn der nächste Einsatzort sein wird? Weder tourt sie in der Region, noch ist sie übermorgen weit weg zugange, gibt’s zur Antwort. Sie arbeite nur samstags, sonntags und montags. Der Satz, den sie hintendreinschickt, hat immerhin etwas Herzerfrischendes: „Ich bin zu alt für diese Scheiße“, also fürs Verkaufen des Körpers Tag für Tag. Da blitzt das auf, was einem Polizisten sagen. Die Prostitution in Deutschland ist ein einträgliches Geschäft. Die ganz wenigen, die es geschafft haben mögen, das Anschaffen als so weit selbstbestimmte Sexarbeit zu betreiben, verdienen auch gut. Die Prominenz der Bordellbetreiber will gerne die Sage aufrechterhalten, in ihren Häusern verdiene sich eben auch die Hausfrau von nebenan was dazu. Soll heißen: Schaut her, so normal ist das. Bellas Deutsch ist indes frei von jedem schwäbischen Zungenschlag. Die Anonymität einer fremden Umgebung schützt. Zunächst. Aber wer soll diese Unbehaustheit eines Lebens im Laufhaus längere Zeit aushalten?

Die Gänge sind schmal. Die Männer müssen aneinander vorbeikommen. Wäre das Freudenhaus wirklich ein Ort der Freude, würde nicht jeder krampfhaft einen Bogen um den anderen machen. Bloß nicht aufblicken. Jeder setzt darauf, dass es nicht sein Nachbar ist, der ihm in den Weg läuft. Es ist ein trostloser Ort.

Düsseldorfer Straße 4 in Waiblingen

Alles größer, moderner. Weniger verdruckt, würde der Schwabe sagen. Außen finden wir das rot leuchtende Herz und die eindeutige Ansage „Eroscenter“. Die Zimmer, so der Blick durch die Tür halbwegs frei ist, zeigen Klimaanlagen mit provisorisch befestigten Schläuchen. Auf den kleinen Bildschirmen neben der Tür läuft eine Bilderfolge. Die besten Ansichten der Zimmerbewohnerin. Manchmal taucht Text auf. Dann geht es um Exotik. Die Exotik der Herkunft, die Exotik der Praktiken, wenn zugezahlt wird. 53 Namen führt der große Bildschirm am Eingang auf, Osteuropa ist flächendeckend vertreten.

Auffallend, dass hier der Gang ins Bordell offenbar zum Akt der Mannwerdung und Mannbehauptung gehört. Es tauchen Grüppchen an diesem Sonntagabend auf. Die Laufhausgänger sind öfters so jung, dass es sich um den informellen Junggesellenabschied handeln kann. Man trifft sich im Gemeinschaftsraum mit den Spielautomaten. Stimmengewirr erfüllt ab und an die Gänge. Den einsamen Wolf unter den Freiern, älteren Alters, gibt es schon auch noch.

Schaflandstraße in Fellbach

Der FKK-Safari-Saunaclub wirbt mit seinen über 2000 Quadratmeter Dienstleistungsfläche. Mit seiner Vergangenheit kann er nicht werben. Das Geschäftsmodell früherer Jahre hat die Widerlichkeit der Branche aus jeder Pore gedrückt. Ob mit oder ohne Schwitzbad. Frauen aus Osteuropa als neokoloniale Verfügungsmasse. Das Flat-rate-Bordell hat dabei vom Raubtier-Kapitalismus gelernt. Nehmen, was man bekommt. Es fängt mit dem All-inclusive-Urlaub an und zeigte sich doppelt verwirklicht im ehemaligen Pussy-Club: Das Buffet ist reich gedeckt, aber auch in den Zimmern galt „All you can eat“.

Jeder kann wissen, was er da betritt. „Anbahnungsgaststätte für sexuelle Dienstleistungen“, signalisiert das Schild links neben dem Eingang. Wer neu ist, wird trotzdem zurückschrecken. Für den Weg von den Zimmern zum Buffet und der Chill-Lounge werfen sich die Frauen nichts über. Begegnungsverkehr der jähen Art. Die Frau an der Theke gebraucht klare Ansagen. Das Du in der Ansprache dient der Unmissverständlichkeit.

50 Euro die Tageskarte, der Besuch bei den Frauen kostet extra

50 Euro die Tageskarte, so geht das Geschäft. Essen und saunieren, so lange man will. Der Besuch bei den Frauen kostet extra. Wer zögert, wer sich erst einmal umschauen will, bekommt diese Ansage: „Du kannst da nicht reingucken, alle sind nackt.“

Dabei müsste uns das Grausen ganz anders packen. Wegen der nackten Existenz derer, die da ihre Haut verkaufen müssen.