Rems-Murr-Kreis

Bezahlbare Wohnungen sind kaum zu bekommen

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Keine Wohnung – und jetzt? Wer auf eine Sozialwohnung im Rems-Murr-Kreis hofft, bleibt oft auf gepackten Koffern sitzen. © Pixabay.com/The digital way

Waiblingen. Die Wohnungsnot im Rems-Murr-Kreis ist groß. Menschen, deren monatlich verfügbare Geldsumme überschaubar ist, die womöglich mehr als ein Kind haben oder die eventuell nicht so gut Deutsch sprechen, haben kaum eine Chance auf dem Markt. Da helfen auch nicht einmal die offiziellen Stellen in Städten und im Kreis. Entspannung gibt’s erst in der Zukunft.

Ach – so dachte sich eine sozial engagierte Frau, die Familien betreut, die’s wirklich schwer haben bei der Wohnungssuche –, da gibt’s doch die Kreisbaugesellschaft. Das sind keine Haie, deren „oberstes Ziel“ ist es nicht, wie die Sprecherin der Kreisbau selbst sagt, die „Gewinne zu maximieren“. Da kann man sich doch bestimmt auf eine Liste setzen lassen und auf die nächste freie Sozialwohnung warten. Die Ernüchterung war groß. Wohnungen zogen die Frau und ihre Familien auf diese Weise nicht an Land. Dafür machte sich das Gefühl breit: Menschen, die’s wirklich nötig haben, haben keine Chance auf steuerlich geförderten Wohnraum. Die Frau hatte Wohnungen der Kreisbau im Internetportal Immoscout24 gesehen. Und solche Angebote sind innerhalb kürzester Zeit wieder weg.

Kreisbau stellt nur reguläre Mietwohnungen online

Stimmt. Aber nur teilweise. Die Kreisbau stellt viele ihrer Wohnungen – wenn sie denn neu vermietet werden können – in Immoscout. Aktuell findet sich dort diesbezüglich allerdings nichts. Nur Objekte, die gekauft werden können. Und die Kreisbau stellt auch nur ihre regulären Mietwohnungen online. Also die Wohnungen, die nicht steuerlich bezuschusst werden und für die potenzielle Mieter keinen Wohnberechtigungsschein brauchen. Allerdings haben auch diese Wohnungen den unbestreitbaren Vorteil, verhältnismäßig günstig zu sein.

Die Kreisbaugesellschaft hat aktuell 724 Mietwohnungen im Bestand. 484 davon sind reguläre Mietwohnungen, 240 sind Sozialwohnungen. Der Bau der Sozialwohnungen wird vom Land gefördert. Dafür wird die Miete um rund ein Drittel im Vergleich zur ortsüblichen Miete gesenkt. Aktuell im Bau beziehungsweise für die nächsten zwei Jahre geplant sind weitere 186 Sozialwohnungen. Doch wer auf diese spekuliert, ist mit einer Bewerbung bei der Kreisbaugruppe trotzdem falsch. Denn: Die Sozialwohnungen werden von den Städten und Gemeinden verwaltet. Wer einen Wohnberechtigungsschein hat, muss sich beim entsprechenden Amt seiner Heimatstadt melden. Welches das ist, muss erfragt werden: In Weinstadt beispielsweise ist das Liegenschaftsamt zuständig, in Waiblingen die städtische Wohnungsvermittlung.

Politik habe nicht auf die Wohnungsnot reagiert

Die Städte können auf Wohnungen der Kreisbau zurückgreifen, für die sie ein Belegungsrecht haben. Manche Städte haben außerdem eigene Wohnungen und weitere Wohnungen von anderen Gesellschaften oder sogar Privatpersonen im Portefeuille. Und trotzdem sieht’s nicht gut aus. Weinstadt beispielsweise hat insgesamt 42 Sozialwohnungen zu vergeben. „Alle belegt.“ Waiblingen mit seinen Ortschaften vermietet 464 Sozialwohnungen, keine davon ist frei. 289 Haushalte stehen aber schon auf der Warteliste. Fellbach vermietet 238 öffentlich geförderte Wohnungen, „die derzeit alle belegt sind“. Auch hier wird eine Warteliste „der Bedürftigen und Wohnungssuchenden“ geführt.

Martin Schmidt von der Schorndorfer Stadtbau GmbH erläutert die Misere so: Jahrelang habe die Politik versäumt, auf die sich verschärfende Wohnungsnot zu reagieren. Vielmehr wurden kommunale Bestände noch verkauft. Und auch Unternehmen, die früher oft Wohnungen, ja ganze Häuserzeilen für ihre Arbeiter hatten, trennten sich von ihren Immobilien. Das sei zwar alles lang her, doch letztlich der Auslöser für die Situation von heute. Jetzt werde erwartet, dass die Wohnungsbaugesellschaften die Sache richten. „Das geht aber nicht so schnell!“ Schorndorf kann über 210 Sozialwohnungen verfügen.

Mittels Punktesystem werden die Bewerber eingeordnet

Wer in Schorndorf eine Sozialwohnung haben will, bewirbt sich beim Sozialamt darum. Dort wird eine Liste geführt: Die Situation der einzelnen Bewerber wird mit einem Punktesystem bewertet. Hat beispielsweise die Stadtbau – oder eine andere Wohnbaugesellschaft – eine freie Wohnung in petto, geht ein Formular mit einer Beschreibung der Wohnung ans Sozialamt. Dort wird geguckt: Für wen könnte die Wohnung passen? Ein paar Bewerber bekommen eine Einladung zur Besichtigung. Gleichzeitig werden die Bewerber genauer angeschaut. Denn, sagt Schmidt, die Leute müssten auch ins Haus passen.

Auf der Schorndorfer Warteliste stehen zurzeit 112 Haushalte. Es seien schon mal mehr gewesen, sagt Schmidt. Und nicht alle Leute seien in Not. Es gebe ja auch zum Beispiel die Situation, dass ein junges Paar aus einer Zwei-Zimmer-Wohnung raus und in eine Drei-Zimmer-Wohnung rein wolle, weil ein Kind unterwegs sei.

Doch in Schorndorf wie in allen anderen Städten und Gemeinden gibt’s nicht nur zu wenige Sozialwohnungen, sondern die vorhandenen werden auch immer weniger. Denn die Mietpreisbindung ist nach üblicherweise 15 bis 25 Jahren hinfällig. Dann können die Wohnungen zu den ortsüblichen Mietpreisen angeboten werden. Aber, sagt Martin Schmidt, „jetzt wird ja neu gebaut“.

Viele neue Wohnungen sind zumindest geplant

Bis 2022 will Schorndorf 60 neue geförderte Wohnungen haben. Fellbach guckt auf das alte Hallenbad-Areal, bei dessen Bebauung rund 40 Prozent der Wohnfläche mietreduziert angeboten werden soll. Und Weinstadt, bislang Schlusslicht in Sachen Sozialwohnungen, hat beschlossen, dass zukünftig im sogenannten „Geschosswohnungsbau“, also in Vielfamilienhäusern, 25 Prozent der Wohnungen als Sozialwohnungen zu laufen haben. Das wird die Anzahl, zusammen mit den 28 Wohnungen, die die Kreisbau aktuell baut, innerhalb relativ kurzer Zeit um 68 nach oben gehen lassen.

Auch der Kreistag hat, schon im Dezember 2017, ein Investitionsprogramm für bezahlbaren Wohnraum beschlossen: 500 bezahlbare Wohnungen sollen von der Kreisbau gebaut werden – Sozialwohnungen und reguläre Mietwohnungen. Eingestellt wurden dafür im Haushalt fürs vergangene Jahr eineinhalb Millionen Euro, für die folgenden Jahre ist jeweils eine halbe Million eingeplant. Angefangen zu bauen hat man schon. Erreicht sein soll das Ziel im Jahr 2028.


Wohnberechtigungsschein

Der Wohnberechtigungsschein ist eine amtliche Bescheinigung in Deutschland, mit deren Hilfe ein Mieter nachweisen kann, dass er berechtigt ist, eine mit öffentlichen Mitteln geförderte Wohnung, also eine Sozialwohnung, zu beziehen. Der Wohnberechtigungsschein bedeutet aber nicht, dass es einen Anspruch auf eine Sozialwohnung gibt.

Wer einen Wohnberechtigungsschein erhalten will, darf bestimmte Einkommensgrenzen nicht überschreiten.

Ein Wohnberechtigungsschein ist maximal ein Jahr gültig. Danach muss er erneut beantragt werden.

Wer einen Wohnberechtigungsschein beantragen will, muss Einkommensnachweise aller auf dem Wohnberechtigungsschein aufgeführten Personen vorlegen.

Ausländische Mitbürger brauchen außerdem die Aufenthaltserlaubnis beziehungsweise die Freizügigkeitsbescheinigung.

Der Wohnberechtigungsschein enthält auch Angaben über die angemessene Wohnungsgröße. So darf eine vierköpfige Familie beispielsweise in einer Wohnung bis zu 90 Quadratmeter und mit bis zu fünf Wohnräumen leben.