Rems-Murr-Kreis

Brexit: Britischer Schwabe begeistert von Backnang

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David Whitehead, Backnang, leitet die Städtepartnerschaft Chamfort-Backnang, ist Brexitgegner und bekennender Backnangfan. © Joachim Mogck

Backnang. David Whitehead lebt Europa. In Chelmsford, der Partnerstadt von Backnang, aufgewachsen, wohnt und arbeitet der 41-Jährige seit zwei Jahrzehnten an der Murr. Mit seinem sechsjährigen Sohn spricht er englisch, seine Frau redet mit dem Kind deutsch. Besucht er seine Familie in England, fühlt er sich daheim. In Backnang aber ist er zu Hause.

Der Brexit zerreißt David Whitehead das Herz – und er hat doch ein gewisses Verständnis für das Votum seiner Landsleute. Europa? Die europäische Union? In Chelmsford, einer Stadt in der Grafschaft Essex in England, ungefähr 45 Kilometer nordöstlich von London gelegen, ist Europa weit weg. Als noch weiter entfernt wird der Kontinent gar im Norden Englands empfunden. Großbritannien lag schon immer am Rande von Europa.

Nach dem Sieg der Brexiteers beantragte Whitehead die deutsche Staatsbürgerschaft

Die Erinnerung an das einstige britische Weltreich tut ein Übriges, dass sich viele Briten nicht als Europäer fühlen. „Die EU ist nicht zu sehen“, bedauert Whitehead. Allenfalls jemand, der genauer hinschaut, erkennt, wo und welche Rolle die EU auch in England spielt. Doch selbst sein Vater, viele Jahre lang Stadtrat in Chelmsford, habe 2016 für den Brexit gestimmt, wundert sich der Sohn. Nach dem knappen Sieg der Brexiteers beantragte David Whitehead umgehend die deutsche Staatsbürgerschaft.

Dass es 2016 überhaupt zum Referendum gekommen ist, war einer Fehleinschätzung des damaligen konservativen Premierministers David Cameron geschuldet. Cameron ging davon aus, die Abstimmung zu gewinnen. Und einer Austrittskampagne, die es mit der Wahrheit nicht so genau nahm, „um das L-Wort zu vermeiden“, sagt David Whitehead. Unterm Strich aber fehlte Europa eine positive Botschaft, ein gewinnbringendes Image. Heute, drei Jahre später habe sich das Blatt gewendet. Eine deutliche Mehrheit der Briten würde für den Verbleib in der EU stimmen, ist sich Whitehead sicher.

Dass nun ausgerechnet Ex-Ukip-Mann Farage mit seiner neuen Brexit-Partei in den Umfragen zur Europawahl die Konservativen und Labour abhängt, sei kein Wunder. Diese etablierten Parteien seien über den Brexit zerstritten und haben keine klare Position. Selbst die totgesagten Liberalen, klar pro EU positioniert, sind im Aufwind. Die Kommunalwahlen kürzlich in England gaben einen Vorgeschmack dessen, wie das Referendum und der lähmende Streit über den Brexit seither die politische Landschaft umpflügen. Die Konservativen in Chelmsfort, die zuvor 52 der 57 Stimmen im Stadtrat hatten, stürzten jäh ab. Auch Stadtrat Roy Whitehead verlor sein Amt. Ein Opfer des Brexits.

„Das kleine Stück Erde miteinander teilen“

David Whitehead beobachtet etwas ratlos, wie wenig die Bürger Europa und die Wahlen zum Parlament am 26. Mai kümmert. Es klinge wie „ein mächtiges Ja und?“ Viel mehr als das große Ganze interessieren sich die Menschen für das Naheliegende, das lokale Geschehen. Schlechte Busverbindungen, fehlende Parkplätze. Whitehead schließt sich gar nicht aus. Der Landkreis sagt ihm, der im Süden von Backnang wohnt und lebt, „meinem Revier“, wenig. Waiblingen? Alfdorf? Weit weg. Dass es eine europäische Identität gibt, kann er sich kaum vorstellen. Zu verschieden seien Deutsche und Engländer, Bayern und Baden-Württemberger, Württemberger und Badener ... Und doch gebe es eine Gemeinsamkeit: „Das kleine Stück Erde miteinander zu teilen“, sagt Whitehead mit Blick auf die drohende Klimakatastrophe.

Er selbst engagiert sich für die Städtepartnerschaft mit Chelmsford. Solche Partnerschaften haben sich nicht überlebt, seien aber in die Jahre gekommen. Er will sie beleben. Dass sich über die Jahrzehnte ein paar Freundschaften über den Kanal entwickelten, genüge auf Dauer nicht. Es geht um den regelmäßigen Austausch. Direkte Kontakte. Er sieht sich als Vernetzer, der diese Kontakte vermittelt. Vor allem von jungen Leuten.

Zwischen Schulen. Unter Vereinen und Kirchen. Er empfiehlt jedem, die Partnerstädte zu besuchen. Wer sich in Chelmsford als Backnanger, in Mayenne als Waiblinger oder in Gorron als Schwaikheimer zu erkennen gibt, der werde ganz anders empfangen, als ein Besucher aus Detmold oder Hameln. So fern den Bürgern in Chelmsford Europa und Deutschland erscheinen mögen: Von Backnang haben sie schon gehört.


Waiblingen. Großbritannien ist für die baden-württembergische Wirtschaft das sechstgrößte Exportland. Vor allem bei einem ungeordneten Austritt aus der EU ist der wirtschaftliche Schaden hier wie dort nicht absehbar, sagt Markus Beier, Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr.

Herr Beier*, ist der Brexit in den Unternehmen zwischen Rems und Murr noch aktuell oder ist das Thema bis 31. Oktober ad acta gelegt?

Das Thema ist nach wie vor aktuell in den Firmen, da ja noch alles offen ist. Deshalb rät die IHK Region Stuttgart den Mitgliedsunternehmen, sich weiterhin auf einen ungeordneten Austritt vorzubereiten, soweit das eben möglich ist. Die Firmen, die enge Handelsbeziehungen und Niederlassungen in Großbritannien haben, sind nach unserem Eindruck aber bereits entsprechend vorbereitet. Die Warenlager im Vereinigten Königreich sind gefüllt, die Mitarbeiter entsprechend präpariert. Schließlich musste ja bereits zum 29. März beziehungsweise 12. April mit einem ungeordneten Austritt gerechnet werden.

Wie können die Firmen das halbe Jahr bis zur Entscheidung Ende Oktober nutzen, um sich auf den Austritt Großbritanniens aus der EU vorzubereiten?

Die Firmen, die sich bis jetzt noch nicht vorbereitet haben, sollten die Zeit nutzen sich auf mögliche neuen Bedingungen einzustellen. Insbesondere im Hinblick auf den Warenverkehr, auf Verträge, Lieferketten, den Datenschutz, Umsatzsteuerprobleme und weitere außenwirtschaftliche Vorgaben. Wenn am 31. Oktober 2019 kein geordneter Brexit erfolgt, das heißt ohne Übergangsphase und ohne ein entsprechendes Handelsabkommen, wird mit einem erheblichen Zeit-, Kosten- und bürokratischen Mehraufwand gerechnet werden müssen. Die Außenwirtschaftsexperten der IHK stehen den Mitgliedsunternehmen auch weiterhin beratend zur Seite.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit den Verhandlungen und Beratungen zwischen EU und Großbritannien beziehungsweise in Großbritannien bis zum 31. Oktober?

Dass die politisch Verantwortlichen in Großbritannien im Interesse der Menschen und Unternehmen dies- und jenseits des Ärmelkanals sich doch noch zu einem geordneten Austritt mit einem vernünftigen Freihandelsabkommen durchraufen. Die EU hat solche Abkommen ja mit zahlreichen Ländern. Jüngstes Beispiel ist das im Februar 2019 geschlossene Freihandelsabkommen mit Japan, durch das die größte Wirtschaftszone der Welt mit einem Drittel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts entstanden ist.

Was wären die Folgen eines Brexits für Großbritannien?

Das Vereinigte Königreich wird alleine massiv an wirtschaftlichen Vorteilen und Einfluss verlieren, davon bin ich überzeugt. Derzeit ist Großbritannien für baden-württembergische Unternehmen das sechstwichtigste Exportland. Bereits jetzt ist durch die Ungewissheit der bilaterale Handel massiv beeinträchtigt, Investitionsentscheidungen in Großbritannien auf Eis gelegt oder bereits in andere Regionen der Welt umgelenkt. Bei einem ungeordneten Austritt ist der wirtschaftliche Schaden noch nicht absehbar. Ich hoffe sehr, dass sich die Menschen am 31. Oktober nur wegen schauriger Halloweenkostüme, nicht aber wegen eines chaotischen Brexits fürchten müssen.

*Markus Beier ist Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr. Der Kammer gehören im Rems-Murr-Kreis rund 27 000 Mitglieder an, davon 7400 eingetragene Firma und 19 300 Gewerbetreibende.