Rems-Murr-Kreis

Corona-Demos, Impfgegner und die "kleine Kristallnacht" von Stuttgart: Warum "Judensterne" und NS-Vergleiche Antisemitismus verharmlosen

ARCHIV - 16.05.2020, Hessen, Frankfurt/Main: "Ungeimpft" steht auf einem nachgebildeten Judenstern am Arm eines Mannes, der vers
"Ungeimpft" steht auf einem nachgebildeten Judenstern am Arm eines Mannes, der versucht hatte, sich unter die Teilnehmer einer Demonstration zu mischen, die sich auch gegen Verschwörungstheorien zum Corona-Virus wendet. © Boris Roessler/dpa

„Jetzt hat auch Stuttgart seine kleine Kristallnacht erlebt.“ Mit diesen Worten kommentierte „Welt“-Reporter Henryk M. Broder auf seinem Blog „Die Achse des Guten“ unlängst die Geschehnisse der sogenannten Stuttgarter Krawallnacht. In der Nacht auf den 21. Juni hatten dort mehrere Gruppen von Jugendlichen Polizisten angegriffen, Scheiben eingeschlagen und Geschäfte geplündert.

„Kleine Kristallnacht“ - ein Vergleich, der aufhorchen lässt. Bei der vom nationalsozialistischen Regime organisierten Reichspogromnacht wurden vom 9. auf den 10. November 1938 viele jüdische Geschäfte, Friedhöfe und Wohnungen zerstört. Wegen der zersplitterten Fensterscheiben und Kronleuchter ist dafür auch die umstrittene Bezeichnung Kristalnnacht geläufig. 

Hunderte Juden wurden alleine in dieser Nacht getötet. Tausende wurden in der Folge verhaftet und starben später in Konzentrationslagern.

"Judensterne" auf Demonstrationen

„In aktuellen Debatten werden immer wieder Vergleiche zur antisemitischen Politik im Nationalsozialismus gezogen“, schreibt die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS).

„Die Verharmlosung des Antisemitismus und der staatlichen antisemitischen Politik im Nationalsozialismus, die in der Schoa und damit der Ermordung von Millionen von Menschen gipfelten, ist all diesen Vergleichen gemein“, heißt es in einer Stellungnahme, mit der RIAS auch auf die Äußerungen von Henryk M. Broder reagierte. Mit dem Begriff Schoa wird im Judentum der Holocaust bezeichnet.

Die Liste derer, die solche Vergleiche anführen, ist lange. Verbreitet sind beispielsweise „Judensterne“, die von der jüdischen Minderheit im Dritten Reich unter Zwang getragen werden mussten. Deren Träger wurden ausgegrenzt, zwangsdeportiert, getötet.

Heute werden den Judensternen nachempfunde Symbole mit Aufschriften wie „Dieselgegner“ oder „Ungeimpft“ auf Demonstrationen getragen. Zuletzt bei den sogenannten „Corona-Demos“.

Häufung solcher Vergleiche während der Pandemie

„Insbesondere im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie fanden bagatellisierende Vergleiche eine sehr große Verbreitung“, sagt Alexander Rasumny, Referent für Öffentlichkeitsarbeit beim RIAS-Bundesverband. „Post-Schoa-Antisemitismus kommt in über 60 Prozent aller antisemitischen Vorfälle mit Bezug zu Covid-19 vor.“

Zu Post-Schoa-Antisemitismus zähle unter anderem das Relativieren, Leugnen oder Verfälschen der Schoa. „Es handelt sich dabei um die aktuell am meisten verbreitete Form des Antisemitismus.“

Zahlen belegen das. Im Bericht dokumentierter antisemitischer Vorfälle 2019, den der Bundesverband im vergangenen Mai erstmals veröffentlichte, kommt Post-Schoa-Antisemitismus in 46 Prozent der dokumentierten 1253 Vorfälle vor.

"Hurra, der Faschismus ist wieder da"

Solche Fälle gibt es auch im Rems-Murr-Kreis. Heiko M. aus dem Großraum Waiblingen, der der Reichsbürgerszene nahesteht, veröffentlicht auf seinem Telegram-Kanal regelmäßig selbstgedrehte Videos. Sie handeln fast ausschließlich von den Maßnahmen zur Eindämmung des Virus.

"Willkommen im KZ BRD", kündigt er die Videos an, "Hurra, der Faschismus ist wieder da. Wann rollen die Züge wieder?" oder "schon bei den Nazis mussten nutzlose Esser früher weg".

Über die Gründe - und die Folgen

Was treibt Menschen dazu, solche Vergleiche zu ziehen? Die Urheber würden versuchen, sich selbst als marginalisierte Gruppe zu inszenieren, heißt es in der Stellungnahme von RIAS. Das habe Folgen.

„Die fortwährenden Bagatellisierungen verändern auf Dauer die Grenzen des Sagbaren. Öffentliche Relativierungen, aber auch NS-Vokabular, halten zunehmend Einzug in die Mitte der Gesellschaft.“

Jüdische Geschichte würde so auf die Schoa reduziert, Jüdinnen und Juden nicht als Teil der Gesellschaft gesehen – und ihre Wahrnehmungen damit unsichtbar gemacht. Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus verlange laut RIAS deshalb „nicht nur Solidarität mit Betroffenen, sondern auch eine ständige Reflektion der eigenen Sprache und der damit evozierten Ressentiments.“

Antisemitische Vorfälle melden

Der im Oktober 2018 gegründete Bundesverband von RIAS verfolgt das Ziel, mit Hilfe des Meldeportals www.report-antisemitism.de bundesweit eine einheitliche zivilgesellschaftliche Erfassung und Dokumentation antisemitischer Vorfälle zu gewährleisten.

In Baden-Württemberg können antisemitische Angriffe, Bedrohungen und Beleidigungen auch bei der „Meldestelle #Antisemitismus“ des Demokratiezentrums gemeldet werden.