Rems-Murr-Kreis

Corona im Rems-Murr-Kreis: So verhindern wir die zweite Welle

Corona Test Coronavirus Symbol Symbolbild
Ein Mundabstrich-Set für Coronatests. © ZVW/Benjamin Büttner

Die Zahl der Neu-Infektionen ist momentan derart niedrig, dass es fast wirkt, als sei Corona schon vorbei – aber was, wenn die Öffnungen von Lokalen, Läden, Bädern, Kindertagesstätten, Schulen eine zweite Welle auslösen? Lässt sich das verhindern?

Es gibt Grund zur Zuversicht – das liegt weniger an Bund und Land als am Kreis und seinen Städten und Gemeinden.

Corona, Frage 1: Wie lautet die Zauberformel im Kampf gegen die zweite Welle?

Wenn sich binnen sieben Tagen in einem Landkreis 35 Leute pro 100 000 Einwohner neu anstecken, springt die Corona-Warnlampe auf Gelb – bei 50 schaltet sie auf Rot. Für den Rems-Murr-Kreis mit etwa 426 000 Einwohnern heißt das: Vorwarnung bei 150 Neu-Infektionen, Vollalarm bei 213. Insofern kann die folgende Zahl uns gelassen stimmen: Nur 19 Infektionen gab es vom 23. bis zum 29. Mai im Rems-Murr-Kreis.

Der goldene Schlüssel, um die Lage auch in den kommenden Wochen im Griff zu behalten, die Zauberformel, um zu sichern, dass aus einzelnen Ansteckungen keine Infektionsketten werden, das Alpha und das Omega, um eine unkontrollierte Ausbreitung des Virus zu verhindern, lautet ganz einfach: Kontakte nachverfolgen. Es gilt, die Menschen zu ermitteln, mit denen ein Betroffener eine enge, sprich, mehr als 15 Minuten lange Face-to-Face-Begegnung hatte. Um diese Leute alle anzurufen, gegebenenfalls zu testen und in häusliche Isolation zu schicken, braucht man viel Personal.

Corona, Frage 2: Wie personalintensiv ist die Kontaktverfolgung?

Pro 20 000 Einwohner braucht man „ein Kontaktnachverfolgungsteam aus fünf Personen“: So steht es in einem Papier des Landes-Sozialministeriums. Das Personal sollen die Kreisgesundheitsämter stellen, zur Not mit Verstärkung aus den Landratsämtern: So stellt das Land es sich vor. Was die Landespolitik „in hoher Flughöhe“ entscheidet, passt allerdings nicht immer zur „praktischen Realität vor Ort“, sagt Landrat Richard Sigel. Fünf Personen pro 20 000 Leute? „Wir bräuchten 105 Mitarbeiter“ allein dafür! Ob das Land den Gesundheitsämtern Verstärkung schickt, werde sich wohl „irgendwann nach der Sommerpause“ offenbaren, sagt Sigel. Passieren muss aber jetzt etwas. Also: was tun?

Corona, Frage 3: Schafft der Landkreis das dennoch? Und wenn ja, wie?

21 Fünfer-Teams zur Kontaktnachverfolgung braucht der Rems-Murr-Kreis – und alle 21 stehen bereits! Wie das? Ein spektakulärer Schulterschluss macht das Unmögliche möglich: Jedes Team formiert sich aus zwei Leuten vom Gesundheitsamt – und drei Beschäftigten der Städte und Gemeinden, Leuten der Ortspolizeibehörden.

Die Kommunen also engagieren sich fulminant mit, obwohl sie dafür dem Papier nach gar nicht recht zuständig wären. „Wir müssen die aktuell ruhige Phase nutzen, um uns zu wappnen“, sagt die Fellbacherin Gabriele Zull, Sprecherin der Oberbürgermeister aus den Großen Kreisstädten. Und der Welzheimer Thomas Bernlöhr, Sprecher der Bürgermeister aus den kleineren Gemeinden, betont: Lokales Personal sei bei der Kontaktnachverfolgung sowieso „schlagkräftiger“, weil diese Leute die „Strukturen und Netzwerke im Dorf oder in der Stadt“ besser kennen.

Da bleiben für Landrat Sigel nur noch drei Worte übrig: „Ich bin begeistert.“

Corona, Frage 4: Und was, wenn die Infektionsampel dennoch auf Gelb springt?

Viel spricht dafür, dass die 21 Kontaktverfolgungsteams im Kreis es schaffen werden, Ansteckungsketten zu zerreißen – aber was, wenn die Infektionszahl rems-murr-weit doch alarmierend steigt? Dann könnte der Kreis theoretisch den Kommunen vorschreiben, wo's langgeht – praktisch aber haben Landrat und Bürgermeister sich darauf geeinigt, im Krisenfall eine gemeinsame „Task Force“ zu bilden mit Vertretern beider Lager. Mit anderen Worten: Die Kommunen sind bereit, mitzuhelfen – dafür dürfen sie auch mitbestimmen.

Corona, Frage 5: Was funktioniert leider nicht so richtig?

Stellen wir uns vor, in einer Schule oder Kindertagesstätte gäbe es einen Ansteckungsfall – wäre es nicht sinnvoll, dort schnell viele Leute zu testen, um das Ausmaß der Ausbreitung zu erkennen? Natürlich! Nur sind die Testkapazitäten nicht unerschöpflich. Deshalb haben die Landkreise Rems-Murr, Ludwigsburg, Esslingen, Göppingen und Böblingen bereits Anfang Mai einen nachgerade genialen Vorschlag ausgeheckt und ihn dem Verbraucherschutzminister Peter Hauk unterbreitet ...

Hauks Ministerium hat die „Untersuchungsämter für Lebensmittelüberwa-chung und Tiergesundheit“ unter sich. Sie wären, argumentieren die Landräte, „nach unserem Kenntnisstand in der Lage, täglich mehrere Hundert Testungen auf Corona durchzuführen“. Es gebe dort, erläutert Richard Sigel, „hoch spezialisierte Labore“, die derlei kompetent und kostengünstig hinkriegen würden; und obendrein „motivierte Leute, wie er wisse – sie stünden bereits „Gewehr bei Fuß“.

Diese Untersuchungsämter also könnten quasi im Akkord Kindertagesstätten durchscannen – die „Chefärzte unserer kommunalen Kinderkliniken“ aber „wären bereit, dieses Modellprojekt medizinisch-wissenschaftlich zu begleiten und den wissenschaftlichen Rahmen zu entwickeln.“ Und die Uni Tübingen ließe sich auch einbinden.

Das wäre ein fulminanter Doppelschlag: So ließe sich erstens die Öffnung der Kindertagesstätten in der Region Stuttgart absichern – und zweitens würden auch noch wertvolle Forschungserkenntnisse abfallen für die Seuchenbekämpfung der Zukunft.

Es dauerte fast einen Monat, bis Minister Peter Hauks Antwort kam: Er habe den Vorschlag „mit Interesse zur Kenntnis genommen“. Allerdings falle derlei „federführend in die Zuständigkeit“ von Sozial- und Kultusministerium – er habe das Papier dorthin „zur Prüfung weitergeleitet“.

Corona, Frage 6: Wie zufrieden sind Kreis und Kommunen insgesamt mit dem Land?

Diplomatisch ausgedrückt: geht so. In einer gemeinsamen Pressemitteilung schreiben sie: „Es reicht nicht aus, wenn das Land Dank und damit verbunden hohe Erwartungen an die kommunale Familie formuliert.“ Nötig sei konkrete Hilfe: schnelle personelle Stärkung der Gesundheitsämter – und mehr Geld.

„Die bisherigen Soforthilfen über 200 Millionen Euro und die jüngst angekündigten Liquiditätshilfen in Höhe von 500 Millionen Euro“ reichten nicht einmal aus, um „die hohen Steuer- und Gebührenausfälle der Städte und Gemeinden zu kompensieren“, heißt es in dem Schreiben; und „tragen schon gar nicht dazu bei“, die zusätzlichen „Kosten“ zu decken, die bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie auf lokaler Ebene anfallen.