Rems-Murr-Kreis

Darum will Wohninvest die Namensrechte am Weserstadion

Der Poker um das Weserstadion_0
Das Bremer Weserstadion: Das Foto entstand im April beim DFB-Pokal-Match gegen Bayern München. © Fotoagentur Camera4

Fellbach/Bremen. Die Nachricht sorgte vergangene Woche für mächtig Wirbel: Das Fellbacher Immobilienunternehmen Wohninvest wird die Namensrechte am Bremer Weserstadion kaufen. Noch ist der Vertrag offenbar aber nicht unterschrieben. Vorläufige Antworten auf Fragen rund um den Multi-Millionen-Deal.

Ein Bundesligaverein ist wie ein Bottich mit vielen notdürftig gestopften Löchern – irgendwas trült immer raus. Zwar haben, wie es heißt, Werder Bremen und der Fellbacher Wohninvest-Chef Harald Panzer Stillschweigen vereinbart, bis der Deal fix ist, und Panzer hält sich auch daran: Er teilt mit, dass er sich aktuell noch nicht äußern könne. Der Plan aber ist durchgesickert; irgendein Eingeweihter, vermutlich aus dem Werder-Umfeld, hat einen Pfropfen gelöst: Für 30 Millionen Euro – zehn Jahre lang je drei – soll das Weserstadion in „Wohninvest Weserstadion“ umbenannt werden.

Warum macht Werder das?

Fast alle Bundesligisten haben die Namen ihrer Stadien zu Geld gemacht. Wer es nicht tut, hat im Profi-Business einen Wettbewerbsnachteil. In Bremen kommt erschwerend hinzu: Die Weserstadion-Gesellschaft – sie gehört je zur Hälfte Stadt und Verein – ächzt seit dem Umbau der Arena unter hohen Schulden.

In der Bundesliga spielt nur Hertha BSC noch im Olympiastadion, Aufsteiger Union Berlin in der Alten Försterei – und Mönchengladbach hat darauf verzichtet, einen Elfmeter zu verwandeln: Als der ehrwürdig-baufällige Bökelberg abgerissen wurde, hätte sich der Name des an anderer Stelle hochgezogenen Neubaus wohl ohne große Fanproteste verkaufen lassen; der Verein zog es vor, die identitätsstiftende Sport-Kathedrale Borussia-Park zu taufen.

Was erhofft sich Wohninvest?

Ein Stadion als Werbeträger zu nutzen, sei Quatsch, sagen manche. Damit bringe man Fans gegen sich auf, die viel auf Tradition halten und die Durchkommerzialisierung des Fußballs verachten. Und der neue Name setze sich ja nicht mal durch, auch wenn er schön beleuchtet überm Eingang prangt: Man spiele „auf Schalke“ und nicht in der Veltins-Arena, und wer den VfB verlieren sehen wolle, gehe ins „Neckarstadion“.

Andererseits: Profi-Fußball ist nicht nur ein Freizeitvergnügen, sondern auch eine große Kontaktbörse. In Stadion-Logen werden Beziehungen gepflegt und Geschäfte angebahnt. Sich über einen Arena-Namen zu positionieren, kann in wichtigen Wirtschaftskreisen durchaus die Bekanntheit steigern und Türen öffnen. Wohninvest ist bisher vor allem im süddeutschen Raum aktiv – der Weserstadion-Coup könnte Teil einer Expansionsstrategie sein.

Szene-Experten kalkulieren: Sollte es Wohninvest gelingen, dank der Werder-Prominenz pro Jahr auch nur ein einziges zusätzliches Immobiliengeschäft mit einem Volumen von 30 Millionen Euro und einer Umsatzrendite von zehn plus x Prozent zu akquirieren, dann sei die Stadion-Investition schon wieder locker drin. Siehe dazu „Die Kontroverse“.

Umbenennung – warum erst jetzt?

Weserstadion: Lange galt der unbefleckte Name als heilig, Hüter der reinen Lehre war der einstige Werder-Manager Willi Lemke, SPD, der das Image des bodenständigen, sozial engagierten Vereins hingebungsvoll – und geschäftstüchtig – kultivierte. Schließlich verkaufte Werder die Namensrechte doch: an die Energieversorgung Weser-Ems. Witz an der Sache: EWE warb zwar mit seiner Rolle als Werder-Partner und installierte im Stadion eine riesige Fotovoltaik-Anlage, die 300 Haushalte mit Strom versorgen kann, verzichtete aber darauf, das Recht auf den Stadionnamen zu nutzen! Bremer Journalistenkollegen mutmaßen: EWE fürchtete wohl, dass Kunden bei einer Strompreiserhöhung schimpfen könnten: „Aber fürs Stadion blast ihr Millionen raus!“ Werders Vertrag mit EWE lief 2018 aus. Seither steht das Thema Namensrecht „ganz oben auf unserer Agenda“, sagte einmal Marco Bode, Werder-Aufsichtsratsvorsitzender und Ex-Nationalspieler. Werder suchte zunächst wohl regionale Kooperationspartner, wurde aber nicht fündig.

Drei Millionen pro Jahr, ist das viel?

Mit dem Wohninvest-Deal stieße Bremen bei der Vermarktung des Stadionnamens ins obere Bundesligadrittel vor. Bayern München (Allianz-Arena) erhält 6 Millionen im Jahr, 6 kassiert auch Schalke (Veltins-Arena), 5,8 macht Dortmund (Signal-Iduna-Park), 4,5 streicht Hoffenheim ein (PreZero-Arena) – und Düsseldorf (Merkur- Spiel-Arena) bekommt, man staune, 3,75 Millionen im Jahr. Dahinter käme schon der Bremer Jährlich-Drei-Millionen-Deal, gleichauf mit Frankfurt (Commerzbank- Arena) und Hannover (HDI-Arena). Zum Vergleich: Mercedes hat 20 Millionen für 30 Jahre Namensrecht am ehemaligen Neckarstadion hingeblättert; macht knapp 700 000 per anno. Allerdings steckt Mercedes als Anker-Investor noch viel mehr in den VfB.

Wie reagieren die Fans?

Die eher links angehauchte Bremer Ultra-Szene lief bereits 2012 Sturm, weil Werder als Trikotsponsor den Geflügelmäster Wiesenhof gewann, der Woche für Woche Millionen von Hühnchen schlachtet – nun haben alle Werder-Ultra-Gruppen gemeinsam einen offenen Protestbrief gegen den Wohninvest-Plan verfasst: Werder betone doch, „stets die eigenen Werte dem Geld vorzuziehen“ – das erweise sich als „Scheinheiligkeit“. Ein Immobilienunternehmen sei ein „zwielichtiger Sponsor“, die „soziale Verantwortung“ des Vereins habe „das Nachsehen“. Siehe „Die Kontroverse“.Eindeutig ist das Stimmungsbild aber durchaus nicht. In einem Werder-Fanforum läuft seit längerem eine Online-Umfrage. Namensrecht verkaufen? 35 Prozent klickten an: „für kein Geld der Welt“. 25 Prozent: eher dagegen. Dafür oder eher dafür: 40 Prozent. Weitere Zitate aus dem Fan-Forum: Werder, 2004 noch Deutscher Meister, habe „massiv an sportlicher Bedeutung eingebüßt“ – mit „3 Mio im Jahr“ wäre der Club doch „gut bedient“. Ein anderer: Wohninvest Weserstadion klinge immerhin besser als Monsanto-Arena. Ein Dritter: Es sei doch „völlig wumpe, was drübersteht“.

Eine Bremer Zeitung kommentiert gelassen: Als Dortmund das sagenumwobene Westfalenstadion schnöde in Signal-Iduna-Park umbenannte, waren die Anhänger auch „kurz erzürnt“; danach „haben sie wieder ihre Mannschaft bejubelt“.


Die Kontroverse

Ein Deal mit einem Immobilien-Unternehmen – das stößt den Werder-Ultras sauer auf. In ihrem offenen Brief schreiben sie: Die Immobilienbranche sei „maßgeblich am sozioökonomischen Strukturwandel von Stadtteilen beteiligt und dafür verantwortlich, dass ganze Bevölkerungsgruppen verdrängt werden“. Investoren kauften unabhängigen Vermietern „Häuser in guten Lagen“ ab – die nach der Sanierung massiv erhöhten Mieten seien für die bisherigen Mieter „nicht mehr bezahlbar“, nur noch Wohlhabende könnten es sich leisten, hier zu leben. Die Forschung bezeichnet diesen Prozess als Gentrifizierung (vom englischen Gentry, niederer Adel).

Die in Bremen entbrannte Kontroverse um Wohninvest muss dem Unternehmen aber nicht schaden, deutet der Fußballfunktionär Heribert Bruchhagen im Interview mit dem Weser-Kurier an – im Gegenteil, womöglich entfaltet der Fan-Aufstand gar Werbewert: „Das führt dazu, dass auf einmal viele Menschen in Norddeutschland mit dem Namen Wohninvest etwas anfangen können. Wahrscheinlich wird es eine länger andauernde Diskussion geben, die über traditionelle PR-Maßnahmen nicht zu entfachen gewesen wäre.“