Rems-Murr-Kreis

Das Handicap stört beim Kraulen nicht

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Gruppenbild mit den "Goldfischen" und dem "Special Team". © Ramona Adolf

Fellbach. Nicht jeder lernt gleich schnell, gerade Menschen mit Handicap haben oft Schwierigkeiten, mit dem üblichen Lerntempo mitzuhalten. Viele lernen deshalb nie das Schwimmen – was gefährlich sein kann. Bei der DLRG Fellbach gibt es genau deswegen zwei Mannschaften für Menschen mit Handicap, insgesamt 36 Kinder, Jugendliche und Erwachsene trainieren jeden Samstag im F 3. Preise haben sie auch schon gewonnen.

Noch ist nicht viel los im Familienbad, es ist ja auch gerade erst zehn Uhr morgens. Die „Goldfische“, wie die sechs bis 13-Jährigen ihre Mannschaft getauft haben, machen sich bereit für das wöchentliche Training. Das findet natürlich im Schwimmerbecken statt, zwei Bahnen haben sie für sich - eine davon ist noch mal unterteilt in einen Schwimmer- und einen Nichtschwimmerbereich. „Trainiert in drei Gruppen: Die Fortgeschrittenen haben die ganze Bahn, die im tiefen Bereich der unterteilten Bahn können schwimmen, brauchen aber noch viel Aufmerksamkeit – das ist unsere Fördergruppe. Im Nichtschwimmerbreich sind die ganz Kleinen, die Schwimmanfänger,“ erklärt Yvonne Meinert. Sie ist Trainerin bei der DLRG-Ortsgruppe Fellbach und außerdem der Kopf hinter dem Projekt.

Vor elf Jahren fiel ihr ein geistig beeinträchtigter Schwimmer im normalen Schwimmkurs auf. Sie erkannte, dass er besondere Zuwendung brauchte. Um solchen Teilnehmern in Zukunft bessere Hilfestellung leisten zu können, ließ sie sich zur Schwimmlehrerin für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung ausbilden. Die Ortsgruppe ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und rief das Schwimmtraining für Menschen mit Handicap ins Leben.

Rettungsschwimmer sind immer dabei

Die Kinder sind währenddessen ganz wild darauf, endlich ins Wasser zu kommen. Schon ist einer im Wasser - und muss wieder rausgebeten werden, schließlich hat das Training noch gar nicht angefangen. „Das macht der immer, das ist so ein Quatschkopf“, kichert ein anderer Junge. Natürlich sind noch nicht alle so sichere Schwimmer. Damit sie allen gerecht werden können, gibt es ein siebenköpfiges DLRG-Betreuerteam. Davon sind heute insgesamt fünf Betreuer dabei. Drei davon haben die Ausbildung zum Rettungsschwimmer schon absolviert, Schulpsychologin Magrit Hebel und Schüler Paul Durz agieren als Co-Trainer und sind somit noch selbst in der Lernphase.

Im Nichtschwimmerbereich legen zwei kleine Jungen gerade den Schwimmgurt ab. Jetzt sollen sie lernen, sich selbstständig im Becken zu bewegen und auch im flachen Wasser Gegenstände hochzutauchen. Die große Herausforderung: dabei die Hand der Betreuerin loszulassen und der eigenen Koordination zu vertrauen. Das ist gar nicht einfach – gerade, wenn die Koordination auch außerhalb des Beckens noch nicht so toll ist.

"Goldfische" und "Special Team"

Viele der „Goldfische“ sind Trisomie-21-Kinder oder einfach lernschwach, aber auch andere, schwerer definierbare Handicaps sind dabei. Über so manches Kind, das jetzt selbstbewusst und sicher seine Bahnen schwimmt und nach Ringen taucht, hat ein Arzt gesagt, dass sie wohl niemals schwimmen lernen würden. Diese Sicherheit im Wasser ist das ganz große Plus dieses Mannschaftsschwimmens, aber im Vordergrund steht natürlich der Spaß. Bei manchen steht der sogar so sehr im Fokus, dass Co-Trainer Paul eine ganz besondere Aufgabe bekommt: Während Meinert mit den Fortgeschrittenen Froschbeine und Kraul-Schwimmen übt, schickt sie ihn zum anderen Ende der Bahn. „Ich brauch da wen, sonst kommen die nicht zurück, sondern machen da hinten Quatsch.“

Nachdem die Kinder fertig sind, kommt die Gruppe mit den älteren Schwimmern dran, stolz nennen sie sich das „Special Team“. Auch hier gibt es eine Fördergruppe, die meisten schwimmen aber in der Leistungsgruppe: Hier wird gekrault wie der Weltmeister, von Handicaps ist hier nichts zu sehen. Medaillen haben sie auch schon gewonnen.

Einige Schwimmer trainieren auch in den regulären Kursen mit

Nach dem Training kann man natürlich auch noch im Schwimmbad bleiben, nebenan springen einige der „Goldfische“ mit viel Spaß vom Drei- und Ein-Meter Brett. „Einige Schwimmer in beiden Teams trainieren auch unter der Woche in den regulären Kursen mit Schwimmern ihrer Altersgruppe mit. Manche wollen das aber auch gar nicht, das macht jeder, wie er will“, sagt Meinert. Wie alle anderen Schwimmgruppen sind auch die „Goldfische“ und das „Special Team“ Teil der DLRG-Familie, sie sind bei allen Veranstaltungen dabei, treten bei Wettkämpfen an und helfen auch beim Fellbacher Herbst und ähnlichen Festivitäten tatkräftig mit. Inklusion wird hier also gelebt - und das macht „mega, mega Spaß“


Mit Medaillen

Bei den Special Olympics im Mai 2018 in Kiel nahm die Ortsgruppe Fellbach mit neun Schwimmern teil. Sie brachten mehrere Gold-, Silber- und Bronzemedaillen mit nach Hause.

Im Juni 2018 gewann die DLRG Fellbach zusammen mit fünf weiteren, ehrenamtlichen Institutionen den Bürgerpreis Rems-Murr 2018 und damit 3 000 Euro - das größte Preisgeld. „Wir haben wirklich nicht damit gerechnet, zu gewinnen. Das war eine schöne Überraschung“, so Meinert. Was sie mit dem Preisgeld machen, wissen sie noch nicht genau. Wahrscheinlich einen Ausflug mit beiden Teams.