Rems-Murr-Kreis

Das sagen AOK und Rems-Murr-Kliniken

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In den Rems-Murr-Kliniken gibt es nur noch einen Schalter für die Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte und die Notaufnahme des Krankenhauses. © Habermann / ZVW

Winnenden/Schorndorf. Eine Gebühr für die Notaufnahme? Wer 50 Euro zahlen muss, überlegt sich zweimal, ob er ins Krankenhaus geht oder nicht doch lieber auf einen Termin beim Haus- oder Facharzt wartet. Der Vorschlag des Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, ist aber umstritten.

Auf unserer Facebook-Seite wird die Gebühr für die Notaufnahme kontrovers diskutiert. Stefan Schlachter schrieb: „Die Ursache des Problems ist das Hausarzt-System, der Mangel an Hausärzten, die Wartezeit auf Facharzt-Termine und viele Menschen, die das System nicht verstehen oder einfach nur zu bequem sind, sich damit zu beschäftigen. Nur für Letztere mag die Gebühr eine sinnvolle Hürde sein.“

"Der Dumme ist der Patient"

Es gibt vielerlei Gründe, dass immer mehr Menschen selbst bei kleinen Wehwehchen ihr Heil in der Klinik suchen. Das Gesundheitssystem macht es Patienten nicht einfach, wo sie abends oder am Wochenende am besten aufgehoben sind, wenn der Hausarzt Feierabend hat. Also gehen sie ins nächste Krankenhaus, zumal sie als gesetzlich Versicherte oft wochenlang auf einen Termin beim Facharzt warten müssen.

Chris Raven hält die Gebühr deswegen für einen „völligen Quatsch“. Selbst wenn man als Patient sich als Erstes an seinen Hausarzt wendet und eigentlich in gar keine Notaufnahme ins Krankenhaus möchte, habe man - egal wie – „immer die A-Karte gezogen. Der Dumme ist der Patient, denn er ist weder in der Hausarztpraxis noch in der Facharztpraxis noch in den Notaufnahmen der Kliniken willkommen, weil jeder schon längst am Limit arbeitet.“

Das Thema ist nicht neu

Auf Facebook richtete sich der Ärger wegen der Gebühr für die Notaufnahme weniger gegen die Krankenhäuser als gegen die Ärzte. „Hm, als ich gestürzt bin, hab’ ich beim Orthopäden angerufen, der meinte „diese Woche nicht mehr ... nächste Woche“, war die Erfahrung von Meike König. „Wenn’s schlimmer wird, dann gehen Sie in die Notaufnahme!“ – Tina Pohl beklagt sich indes über unfähige Hausärzte, die Patienten ins Krankenhaus schicken, bloß weil ein paar Fäden gezogen werden mussten. „Wenn ich eine dritte Hand gehabt hätte, hätte ich mir die Fäden selbst gezogen.“

Das Thema Praxisgebühr in der Notaufnahme ist nicht neu, erinnert sich Kathrin Schick: „Eine Gebühr von damals zehn Euro für Notfallpraxen am Wochenende hatten wir doch schon einmal!“ Tatsächlich mussten Patienten von 2006 bis 2013 einmal im Quartal zehn Euro berappen. Wer am Wochenende oder abends eine Notfallpraxis aufsuchte, zahlte nochmals. Pünktlich zu den Bundestagswahlen schaffte FDP-Gesundheitsminister Bahr zum 1. Januar 2013 die Praxisgebühr wieder ab.

Kliniken als Konkurrenz von niedergelassenen Ärzten?

Hintergrund des Vorstoßes von Andreas Gassen ist, dass die niedergelassenen Ärzte befürchten, dass ihnen Patienten davonlaufen und Kliniken immer mehr zur Konkurrenz werden. Noch trennt das Gesundheitssystem strikt zwischen der stationären Versorgung in den Krankenhäusern und der ambulanten durch niedergelassene Ärzte. Gassen sagte in einem Interview: „Wenn sich bestimmte Patienten dem Angebot der niedergelassenen Ärzte dauerhaft entziehen und das System nach Gusto nutzen, wie es ihnen gerade einfällt, muss das finanzielle Sanktionen nach sich ziehen.“ Die Kassenärztliche Vereinigung in Niedersachsen brachte den Betrag von 50 Euro ins Spiel.

Doch die Grenze zwischen der ambulanten und stationären Versorgung ist fließend. Nicht zuletzt, weil sich die Patienten selbst nicht darum scheren und niedergelassene Ärzte Wochenend- und Nachtbereitschaften zu den Notfallpraxen verlagert haben. Mit der Zusammenlegung der Notaufnahmen und der Notfallpraxen in gemeinsamen Räumen sind die Rems-Murr-Kliniken eigenen Angaben zufolge „neue und innovative Wege gegangen, um das erhöhte Patientenaufkommen in den Notaufnahmen gemeinsam zu steuern“.

Notfallversorgung aus einer Hand

Die Notfallversorgung aus einer Hand sorge dafür, dass alle Patientinnen und Patienten in den richtigen Behandlungsweg gelotst werden: Patienten mit weniger schwerwiegenden Erkrankungen werden zur Behandlung in die Notfallpraxis weitergeleitet; auf lebensbedrohliche Erkrankungen und Verletzungen, bei denen dringender Behandlungsbedarf besteht, konzentriert sich hingegen unser interdisziplinäres Ärzteteam der Notaufnahme.“ Das Modell habe sich an den Rems-Murr-Kliniken bewährt: „Neben der Entlastung der Notaufnahmen verzeichnen wir seit der Einführung kürzere Wartezeiten und eine niedrige Beschwerdequote.“

Martina Wittmann bringt bei der Gebühr einen sozialen Aspekt ins Spiel und meint: „Keine gute Idee. Es gibt genug, die sich nicht eben so eine Gebühr leisten können ... Die Armen trauen sich nicht mehr (in die Notaufnahme), ob Notfall oder nicht.“

Strukturen verbessern statt Gebühren verlangen

Die AOK Rems-Murr hält nichts von dem Vorstoß: „Anstelle der Einführung von Gebühren für Versicherte sollten die Strukturen rund um eine sektorenübergreifende, regionale Versorgungs- und Bedarfsplanung auch für ambulante Notfallzentren an Krankenhäusern verbessert werden“, erklärte ein Sprecher auf Anfrage. Dazu gehöre die Weiterentwicklung der Präsenz- und Abrechnungsregelungen für ambulante Ärzte sowie der Krankenhaus- und Rettungsdienstfinanzierung. „Die hausarztzentrierte Versorgung in Baden-Württemberg zeigt, wie es erfolgreich gelingen kann, die zentrale Steuerungs- und Koordinierungsfunktion des Hausarztes nachhaltig zu stärken.“