Rems-Murr-Kreis

Das zahlen die Firmen im Rems-Murr-Kreis

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Mit der S-Bahn zur Arbeit? Mit dem Firmen-Jahresticket gibt’s Rabatt – und die Unternehmen können ihren Mitarbeitern so viel sie wollen zuschießen. © ZVW/Gabriel Habermann (Archiv)

Waiblingen. Es reicht nicht mehr, auf den großen Gesetzesentwurf zu warten. Wir alle müssen was tun, damit der Treibhausgas-Ausstoß unsere Erde nicht untergehen lässt. Doch welcher Arbeitgeber versüßt seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die bittere Pille, die fürs Wohlergehen des Weltklimas geschluckt werden muss? Und wie viel Zucker gibt er drauf? Eine Umfrage im Kreis.

Ließe man dem Klimawandel seinen Lauf, würde der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um mindestens einen Meter steigen. Damit wären nicht mehr nur irgendwelche Südsee-Inseln unter Wasser, sondern auch Deutschland betroffen. Hamburg zum Beispiel wäre Geschichte.

Um gegen den Klimawandel zu kämpfen, darf der Bürger nicht immer nur nach der großen Lösung durch die Länderregierungen rufen, sondern jeder muss bei sich selbst anfangen. Wenn’s nur nicht immer so anstrengend, so unangenehm wäre.

Bitteres schluckt der Mensch leichter, wenn’s auf einem Zückerle serviert wird. Dieses Zückerle können zum Beispiel Arbeitgeber beisteuern.

Die tägliche Blechlawine auf den Bundesstraßen

Im Rems-Murr-Kreis wälzt sich jeden Werktag eine Blechlawine auf den beiden Bundesstraßen. In den meisten Autos sitzt eine Person. Unzählige Menschen sind gleichzeitig noch auf Kreis- und Landesstraßen auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause. Im Rems-Murr-Kreis fahren zwei S-Bahn- und viele Buslinien. Gut, hier gibt’s erhebliche Mängel: Die Pünktlichkeit lässt zu wünschen übrig, die Taktung auch, zu Stoßzeiten geht die Bequemlichkeit gen null. Doch im Hinblick auf die Vermeidung von Treibhausgasen sind die öffentlichen Verkehrsmittel unschlagbar. Ein Ansatzpunkt? Wollen im Kreis ansässige Firmen ihre Leute von der Straße holen?

Nachgefragt bei den zehn größten Unternehmen im Rems-Murr-Kreis, die bei der Industrie- und Handelskammer gelistet sind, ist Erfreuliches zu vernehmen. Das aber hat eine weite Spanne. Die Süddeutsche Krankenversicherung SDK zum Beispiel zahlt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mit dem VVS-Firmenticket zur Arbeit kommen, 80 Prozent der monatlichen Kosten. Das ist absolute Spitze, auch wenn der Betrag bei 120 Euro gedeckelt wird.

Was machen die öffentlichen Arbeitgeber?

Auch Kärcher in Winnenden zeigt sich großzügig: Mitarbeiter erhalten 60 Prozent Ermäßigung auf alle Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr. Auszubildende bekommen die Kosten für die Monatskarte sogar ganz erstattet. Andere Unternehmen legen einen Betrag fest: Die Stuttgarter Gebäudereinigung, wie die SDK in Fellbach ansässig, beteiligt sich mit jeweils 20 Euro pro Monat am VVS-Monatsticket, die Rems-Murr-Kliniken zahlen 15 Euro dazu, Kreissparkasse, Stihl, Tesat jeweils 10 Euro. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die weiter anreisen müssen, haben hier freilich das Nachsehen.

Und was machen die öffentlichen Arbeitgeber? Hier sollte der Druck, ein gutes Vorbild abzugeben, ja noch deutlich höher sein. Und ja, manche erfüllen diese Verpflichtung: Die Kreisverwaltung schießt den Mitarbeitern zum VVS-Firmenticket 50 Prozent zu, Azubis bekommen das Netzticket kostenlos. Die Stadt Fellbach legt noch eine Schippe drauf und gewährt einen Zuschuss in Höhe von 75 Prozent des VVS-Firmentickets. Schorndorf zahlt 20 Euro zu, Waiblingen 15 Euro.

Fahrräder zu Sonderkonditionen und E-Bike-Leasing

Der ÖPNV ist jedoch nicht alles. Das Fahrrad, auch eines, dessen Elektromotor mit grünem Strom betrieben wird, wäre ein CO2-neutrales Transportmittel zum Arbeitsplatz, das sogar noch für körperliche Fitness sorgt. Volksbank und Peter Hahn sehen das auch so und bieten ein Fahrrad- und E-Bike-Leasing an. Peter Hahn übernimmt die Versicherungs- und Wartungskosten komplett, die Volksbank zahlt monatlich 8 Euro zur Vollkaskoversicherung dazu. Stihl will Mitte 2019 mit dem E-Bike-Leasing an den Start. Tesat hat eine Kooperation mit einem ortsansässigen Fahrradhändler, der Sonderkonditionen gewährt. Einige Firmen bieten außerdem Dusch- und Umkleideräume und überdachte oder gar abgeschlossene Abstellplätze an.

Kärcher lockt die Mitarbeiter mit einem Glücksspiel aufs Fahrrad: Jede Arbeits-Radfahrt wird in eine Stempelkarte eingetragen, am Ende jedes Jahres gibt’s Preise zu gewinnen. Ähnlich verfahren das Landratsamt und die Stadt Winnenden.

Die Kreisverwaltung als Vorbild

Und dann gibt’s da noch die dienstlichen Fahrten. Diese Strecken belasten den Geldbeutel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht, Boni können sie diesbezüglich also nicht zur Veränderung, zum klimaneutralen und verantwortlichen Handeln bringen. Die Arbeitgeber müssen alleine Flagge zeigen. Hier können sich Unternehmen ein Vorbild an der Kreisverwaltung nehmen: 13 zusätzliche Elektrofahrzeuge wurden für Dienstfahrten angeschafft, Pedelecs stehen zur Verfügung. Winnenden bietet seit 15 Jahren zwei Dienstfahrräder an, seit 2011 gibt’s außerdem ein E-Bike und ein Pedelec. Fellbach, Weinstadt, Schorndorf und Waiblingen punkten mit Pedelecs und Elektroautos. Waiblingen hat sogar schon ein Wasserstoff-Fahrzeug.

Die Unternehmen setzen bei Dienstreisen vor allem auf öffentliche Verkehrsmittel, für kürzere Strecken kommen zunehmend Elektroautos in die Firmengarage.

Kein Arbeitgeber aber macht zeitgleich zum guten Angebot so viel Druck wie die Kreisverwaltung. Die nämlich hat, einhergehend mit dem Bau des neuen Verwaltungsgebäudes in der Rötestraße, die Anzahl der Parkplätze für die Mitarbeiter drastisch reduziert. Den Leuten bleibt also – wenn sie nicht, auf der Suche nach einem Parkplatz, endlos Runden um den Block drehen wollen – gar nichts anderes übrig, als öffentlich zu kommen oder zu radeln.


Der Klimawandel

Die CO2-Konzentration ist heute um 40 Prozent höher als vor Beginn der Industrialisierung um 1750. Durch die rapide Zunahme der Treibhausgaskonzentrationen wird der Treibhauseffekt verstärkt. Dies hat zur Folge, dass sich die Durchschnittstemperatur auf der Erdoberfläche erhöht.

Um den Klimawandel wenigstens einzudämmen, den Temperaturanstieg auf nur zwei Grad gegenüber vorindustriellen Werten zu begrenzen, müssen die globalen Emissionen bis 2050 um mindestens 50 Prozent gegenüber 1990 reduziert werden. Und damit beginnen müsste der Mensch sofort – nein, es hätte längst passiert sein sollen.

Passiert nichts, wird es insbesondere in den warmen äquatorialen Klimazonen wahrscheinlich zu einer zunehmenden Austrocknung der Böden und zu einem spürbaren Rückgang der Nahrungsmittelproduktion und Artenvielfalt kommen. Mit der Klimaerwärmung werden Tropenkrankheiten in bisher nicht betroffene Gebiete vordringen können. Nicht zuletzt rechnen die Klimaexperten mit einer Häufung extremer Wetterereignisse wie Hitzewellen, Starkniederschläge und Dürreperioden. Vieles davon ist heute schon und auch bei uns zu spüren. Quelle: Bundesministerium für Umwelt und Naturschutz