Rems-Murr-Kreis

Der Gesellschaft etwas zurückgeben

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Annette Krönert, als Enkelin der Stifter Vorstandsmitglied und Leiterin der Geschäftsstelle in Dresden. © Büttner / ZVW

Schorndorf. Mit Stefica Galic aus Bosnien und Josephine Achiro Fortelo Olum aus dem Südsudan werden am Sonntag zwei Journalistinnen mit dem mittlerweile neunten Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit ausgezeichnet. Die Palm-Stiftung, vom Schorndorfer Apotheker-Ehepaar Dr. med. Maria und Philipp Palm 1995 als gemeinnütziger Verein gegründet, hat in den 23 Jahren ihres Bestehens aber – von Bildung über Sport bis Demokratieförderung – noch viel mehr Gutes für Schorndorf und die Oberlausitz getan.

Die Bandbreite ist enorm: Bildung und Erziehung, Jugend und Sport, Wissenschaft und Forschung, Denkmalschutz und Heimatpflege, Alten- und Behindertenhilfe, Demokratieförderung und bürgerschaftliches Engagement sowie diakonische Aufgaben der evangelischen Landeskirche in Württemberg. Bis auf Kultur ist die Palm-Stiftung eigentlich in fast allen gesellschaftlichen Bereichen aktiv.

„Das spiegelt“, sagt Annette Krönert, „das Leben meiner Großeltern wieder“. Vielfältig interessiert und engagiert, so kennen alte Schorndorfer das Apotheker-Ehepaar. Im Jahr 2004 ist Philipp Palm gestorben, vier Jahre später seine Ehefrau Dr. Maria Palm. Der Gesellschaft etwas zurückzugeben, das war ihnen zeit ihres Lebens wichtig.

Noch zu Lebzeiten ihrer Großmutter hat Annette Krönert, fast direkt nach Abschluss ihres Ethnologiestudiums, die Leitung der Geschäftsstelle übernommen, um der Stiftung zu mehr Ansehen zu verhelfen. Zunächst in Schorndorf, seit zwölf Jahren im Home-Office in Dresden: „Seither führe ich eine Fernbeziehung mit meinem Job“, sagt die 39-Jährige, die auch Mitglied im Stiftungsvorstand ist.

Denkmalschutz und Schülerpreis im strukturschwachen Osten

Und die Außenstelle in Dresden hatte auch Einfluss auf den Wirkungskreis: Seit zwei, drei Jahren versucht die Stiftung, in der alten Heimat von Dr. Maria Palm Fuß zu fassen – „auch um Geschlechter-Gerechtigkeit reinzubringen“, wie es Annette Krönert formuliert. Ohne als „reicher Wessi“ auftreten zu wollen, war es ihr ein Anliegen, auch in der strukturschwachen Oberlausitz Gutes zu tun.

Vor allem, weil die Dichte an Wohltätern – im Gegensatz zu den unzähligen Stiftungen, die es allein in Schorndorf gibt – viel geringer ist. Eintrittskarte in die Region war ein historisches Gebäude in Ebersbach-Neugersdorf, das der Familie nach der Wende zurückgegeben und von der auf Immobilien spezialisierten Palm GmbH & Co. KG für altersgerechtes Wohnen umgebaut wurde.

Seither vergibt die Palm-Stiftung, wie an der Schorndorfer Johann-Philipp-Palm-Schule, auch an der Andert-Oberschule in Ebersbach-Neugersdorf Schülerpreise für den besten Abschluss und für soziales Engagement. Für die Zukunft schwebt Annette Krönert ein Jugendbeteiligungs-Projekt vor.

Informelle Patenschaft mit der kaufmännischen Schule

Wie Bildung überhaupt eine wichtige Rolle spielt: Die Palm-Stiftung unterstützt Streitschlichter- und Schüleraustausch-Projekte, sie hat in Zusammenarbeit mit dem Sprachenzentrum der Universität Stuttgart Praktikantenplätze in der Vorbereitungsklasse der Palm-Schule geschaffen.

So wie es eine informelle Patenschaft mit der kaufmännischen Schule gibt, mit regem Kontakt zum Förderverein und zur Schulleitung, was sich jedes Jahr am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, an einer Schüler-Kunstausstellung und einer Podiumsdiskussion zeigt.

Und als nächstes Ziel hat Annette Krönert vor Augen, in Schorndorf mit einem Pilotprojekt Schülerzeitungen wieder in den Fokus junger Menschen zu rücken. Schließlich geht es ihr – und der Schorndorfer Geschäftsstellenleiterin Marieluise Beckhoff – auch immer um diese Frage: Wie lässt sich das Presse- und Meinungsfreiheitsthema vor Ort präsentieren?

Deutschlandweit vergibt die Stiftung auch zwei Stipendien

In Schorndorf engagiert sich die Palm-Stiftung in Sachen Denkmalschutz und Heimatpflege in erster Linie für die 375 Jahre alte Palm’sche Apotheke sowie das Gebäude Marktplatz 5 – „und immer wieder für die Stadtkirche“, zählt Annette Krönert auf.

Deutschlandweit vergibt die Stiftung außerdem zwei Stipendien für Studierende der Kommunikationswissenschaften an der Uni Hohenheim und eines für den Human-Rights-Studiengang an der Universität Nürnberg/Erlangen.

Erst vor wenigen Wochen hat die Stiftung die Publikation „Erschreckend einwandfrei. Die NS-Zeit und ihre Folgen an der Universität Hohenheim“ der Historikerin Dr. Anja Wasser mit 5000 Euro unterstützt. Dazu kommt alle zwei Jahre der mit 2500 Euro dotierte Palm-Preis auf dem Inn-Kurzfilmfestival in Braunau.

Der Palm-Preis als größtes Aushängeschild der Stiftung

Zum Hintergrund: In der Stadt am Inn wurde der 1766 in Schorndorf geborene Freiheitskämpfer Johann Philipp Palm 1806 hingerichtet. „Unser Ansporn ist es“, sagt Annette Krönert, „nicht das zu tun, was alle machen, sondern in die Lücke zu gehen“. Dabei sieht sie die Kernkompetenz der Palm-Stiftung – nicht ohne Pathos – „in der Freiheit“.

Und eine gewisse Freiheit besteht auch in finanzieller Hinsicht: Durch Mieteinnahmen aus dem Immobilienbesitz ist die Palm-Stiftung von der Zinsentwicklung weitgehend unabhängig. Und als gemeinnütziger Verein ist die Satzung nicht auf ewig festgelegt: Die Mitgliederversammlung könnte Sinn und Zweck der Stiftung ändern.

Größtes Aushängeschild ist und bleibt aber der Palm-Preis, der zum 25-jährigen Bestehen der Stiftung im Jahr 2020 zum zehnten Mal vergeben wird.


Verleihung des Johann-Philipp-Palm-Preises

Der Festakt zur Verleihung des neunten Johann-Philipp-Palm-Preises für Meinungs- und Pressefreiheit findet am Sonntag, 2. Dezember, von 11 Uhr an in der Barbara-Künkelin-Halle statt.

Es begrüßt als Vertreter der Familie Prof. Dr. Ulrich Palm. Oberbürgermeister Matthias Klopfer spricht das Grußwort der Stadt Schorndorf. Die Festrede mit dem Titel „Kein Friede ohne Meinungsfreiheit. Politische Vertrauensbildung in einer Kultur öffentlicher Rede“ hält Prof. Dr. Dr. h.c. Heiner Bielefeldt vom Lehrstuhl für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Im Anschluss werden die Preisträgerinnen Stefica Galic, Journalistin und Menschenrechtsaktivistin aus Bosnien, von Andrea Beer vom ARD-Studio Osteuropa Wien und Josephine Achiro Fortele Olum, Radiojournalistin und Medientrainerin aus dem Südsudan, von Sheila Mysorekar von der Deutschen Welle Akadamie Bonn gewürdigt. Das Musikprogramm gestaltet die Mezzosporanistin Truike von der Poel. Nach der Preisverleihung gibt es einen Stehempfang im Foyer.