Rems-Murr-Kreis

Der Kinderschutz und seine Grenzen

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Kindesmissbrauch
Kinder sind zu schützen - sagt das Gesetz. © Pixabay.com
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Jugendberufsagentur
Holger Gläss, Leiter des Kreisjugendamts. © ALEXANDRA PALMIZI

Waiblingen. Im Schwarzwald prügelt ein Stiefvater einen Dreijährigen tot, in Staufen wird ein Junge von der eigenen Mutter Männern zur Vergewaltigung überlassen, und in NRW sind offenbar mehr als 30 Kinder auf einem Campingplatz schwer missbraucht worden. Was geht dem Waiblinger Jugendamtsleiter durch den Kopf, wenn er solche Nachrichten hört?

Holger Gläss vergleicht das Jugendamt in puncto Qualitätssicherung mit einem Hochrisiko-Unternehmen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, sagt der Amtsleiter – aber es gibt Mechanismen, die zumindest für ein hohes Maß an Sicherheit sorgen.

Ganz offensichtlich waren im Schwarzwald, in Staufen und jetzt auch in NRW die Mechanismen nicht das Papier wert, auf dem sie festgeschrieben waren. In allen diesen Fällen gab es Hinweise auf Kindeswohlgefährdung.

"Wir reagieren auf jeden Hinweis"

Was heißt das für den Rems-Murr-Kreis? Holger Gläss könnte jetzt mit dem Finger auf Kollegen in weit entfernten Jugendämtern zeigen und versichern: Bei uns könnte so etwas nicht passieren.

Holger Gläss ist aber ein bedächtiger Mensch, einer, der für die Kinder- und Jugendhilfe brennt, sehr, sehr lange Erfahrung in diesem Feld vorweisen kann und auf Landesebene in Gremien mitwirkt, die den Kinderschutz immer weiter verbessern wollen. Vor diesem Hintergrund erläutert der Jugendamtsleiter geduldig und sachlich, auf welche Eckpunkte man beim Kinderschutz im Rems-Murr-Kreis Wert legt.

„Wir reagieren auf jeden Hinweis“: Gläss weiß, dass manch ein Hinweisgeber das in Zweifel zieht. Ein Nachbar, der das Jugendamt auf Gewalt in einer Familie aufmerksam macht, würde gern wissen, WAS das Jugendamt nach solch einem Hinweis unternommen hat. Hier muss das Amt den Nachbarn enttäuschen. Datenschutz.

Wenn Kind Missbrauch ausgesetzt ist, greift stufenweises Verfahren

Einen Hinweis auf Gewalt oder sexuellen Missbrauch klopft das Jugendamt ab auf die Frage: Was steckt dahinter? Gibt es gewichtige Anhaltspunkte, dass ein Kind tatsächlich einem Missbrauch ausgesetzt ist? Wenn ja, greift ein haarklein beschriebenes, stufenweises Verfahren.

Ein Beispiel: Eine Lehrerin schildert bei der Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt ein aus ihrer Sicht auffälliges Verhalten eines Schülers. Bei der Anlaufstelle teilt man die Befürchtungen der Lehrerin. Das Jugendamt wird dann mit der Mutter des betreffenden Schülers sprechen. Es folgt eine „Gefährdungseinschätzung“, das heißt: Die Behörde sammelt Informationen, vielleicht in der Schule, wenn es geht bei Ärzten und auch, wenn es sinnvoll scheint, im Gespräch mit dem Kind selbst. Die Familie erhält Hilfsangebote. Es muss die Kontrolle folgen, ob Hilfe auch wirkt, betont Gläss. Man kann nicht davon ausgehen, dass Eltern, die vordergründig wunderbar mit dem Amt kooperieren, auch wirklich die Dinge umsetzen, Auflagen einhalten. Eine solche Auflage könnte lauten: kein Kontakt mehr zu der Person, die im Verdacht steht, das Kind zu missbrauchen.

Und dann? Was folgt aus dem Verdacht? Eine Strafanzeige?

Vielleicht ja. Vielleicht nein. Es kommt darauf an.

An dieser Stelle des Gesprächs stockt einem als Laie kurz der Atem. Wie jetzt? Selbst wenn es deutliche Hinweise auf einen Missbrauch gibt, lässt man den mutmaßlichen Täter ungestraft davonkommen?

Diese Fälle gibt’s, ja. Das hat viele Gründe, wie Holger Gläss erläutert. Man muss abwägen in jedem einzelnen Fall, und immer steht der Kinderschutz an oberster Stelle. Kinderschutz kann auch bedeuten, ein Gerichtsverfahren zu vermeiden, das mangels Beweisen mit einem Freispruch enden könnte. Das Jugendamt muss keine Strafanzeige stellen – aber es kann.

"Es ist immer eine komplizierte Abwägungssache"

Handelt es sich beim mutmaßlichen Täter – manchmal sind das auch Frauen – um eine Person, die viel mit Kindern zu tun hat – dann sieht der Fall natürlich anders aus. „Es ist immer eine komplizierte Abwägungssache“, sagt Holger Gläss: „Man überlegt in jedem einzelnen Fall genau, welchen Weg man geht.“

Ein großer Fehler wäre, Fehler totzuschweigen

Eine Entscheidung für diesen oder jenen Weg kann sich hinterher als falsch erweisen. Damit man das früh erkennt und unbedingt umsteuert, braucht es in Hochrisikounternehmen und damit auch im Jugendamt eine „ausgeprägte Fehler- und Kritikkultur“, wie Holger Gläss sagt. Das heißt: Man darf Fehler machen. Aber man darf sie nicht totschweigen, sondern muss daraus lernen.

Auch bedarf es einer Korrektur, wenn ein Gericht den Fehler gemacht hat. Jugendämter sitzen in Fällen, die vor Gericht entschieden werden, „viel zu sehr wie das Kaninchen vor der Schlange“, findet Holger Gläss. Sie müssen aus seiner Sicht Beschwerde einlegen, wenn sie eine Entscheidung für falsch halten.

Falsch oder richtig oder irgendwas dazwischen – man möchte nicht in der Haut desjenigen stecken, der das dauernd entscheiden muss. Holger Gläss steckt in genau dieser Haut – und das aus Überzeugung: Er kennt all die vielen Fälle, die nie in den Nachrichten auftauchen. Weil sie unspektakulär gut enden.


Fakten

In den Jahren 2016 und 2017 hat das Jugendamt in 156 beziehungsweise 157 Fällen ein Prüfverfahren angestoßen, weil es gewichtige Anhaltspunkte gab für eine Gefährdung eines Kindes. Bei fast der Hälfte der Prüffälle (bei 79 in 2016 und bei 63 in 2017) stellte sich laut Jugendamtsleiter Holger Gläss heraus, dass tatsächlich eine Gefährdung vorliegt. Was dann geschieht, um den Schutz des Kindes zu gewährleisten, hängt vom Einzelfall ab: Schutzvereinbarungen mit den Familien, Information des Familiengerichts oder gar sofortige Inobhutnahme der betroffenen Kinder. Inobhutnahme heißt, das Kind wird aus seiner Familie genommen und lebt, zunächst für eine begrenzte Zeit, in einer Einrichtung oder bei einer Art Pflege-Familie.

Im Jahr 2017 gab es bei der Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt insgesamt 140 Anfragen. Bei 72 der Fälle war davon auszugehen, dass tatsächlich ein sexueller Missbrauch vorliegt.

Die Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt gehört zum Jugendamt. Sie ist in Waiblingen (Tel. 0 71 51/5 01-14 96), Schorndorf (Tel. 0 71 81/ 9 38 89-50 24) und Backnang (Tel. 0 71 91/8 95-40 58) ansässig.

Holger Gläss bezeichnet sich selbst als „Fan“ des Sozialgesetzbuches (SGB) VIII, das in sehr guter Weise den Spagat hinbekomme, klare und einheitliche Qualitätsstandards zu formulieren, ohne den sozialpädagogischen Fachkräften mit Überregulierung das Leben schwerzumachen. Außerdem gilt in Deutschland der Grundsatz: „Schutz durch Hilfe.“

Bald erhalten alle Einrichtungen im Rems-Murr-Kreis, die mit Kindern zu tun haben, Post vom Jugendamt. Zusammen mit neuen Vereinbarungen, wie im Fall der Fälle vorzugehen ist, fragt die Behörde ab, wer welche Beratung braucht und wer sich fortbilden möchte.