Rems-Murr-Kreis

Der Radschnellweg könnte Realität werden

Der Landkreis radelt in die Zukunft_0
Sie sind klimafreundlich unterwegs: Radler zwischen Winterbach und Hebsack. © ZVW/Gaby Schneider

Waiblingen. Uralt-Vorurteil: Radeln sei was für Sonntagsausflügler, aber nicht für Berufspendler. Doch in Zeiten der drohenden Klimakatastrophe vollzieht sich ein Bewusstseinswandel: Das Fahrrad wird endlich als umweltfreundliches Verkehrsmittel ernstgenommen. Jüngste Hoffnungsbotschaft: Aus dem Radschnellweg Fellbach-Schorndorf könnte tatsächlich was werden.

Es ist noch gar nicht so lange her – ziemlich genau fünf Jahre –, da erregte eine Idee des grünen Landesverkehrsministers Winfried Hermann schwerstes Stirnrunzeln im Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistages: Was will dieser Müsli – „alltagstaugliche“ Radwegnetze?! Strecken, die nicht nur Freizeit-Pedaleure ansprechen, sondern auch Berufspendler? Trassen, die nicht nur Leuten mit Zeit und Muße für Umwege und Schlenker gefallen, sondern auch Geschäftigen, zielstrebig strampelnd von A nach B?

Das Rad als Verkehrsmittel, als saubere Alternative zum Auto und nicht bloß als sonntägliches Lustgefährt? So ein Ökokolores! Ein Kreisrat stöhnte auf: „Alltagstauglich!“ Fassungslos wiederholte er mehrmals das Wort, als bezeichne es eine therapiebedürftige Denkverirrung. Der damalige Landrat Johannes Fuchs musste den Verstörten beruhigen: Na na, ganz so schnell werde das ja wohl nicht kommen.

Der Radschnellweg könnte Realität werden

Richtig. Aber: Die Zeiten ändern sich. Immer mehr Leuten dämmert, dass in Sachen Erderhitzung dramatischer Handlungsbedarf besteht. Und dank des E-Bikes hat sich der alte Einwand erledigt, dass radelnde Pendler, kaum im Geschäft angekommen, doch erst mal duschen müssten.

Am Montag tagte wieder mal der Umwelt- und Verkehrsausschuss – und Karen Fischer, Radwege-Koordinatorin im Landratsamt, berichtete: Der Radschnellweg von Fellbach nach Schorndorf könnte wirklich und wahrhaftig Realität werden. Eine Machbarkeitsstudie offenbarte „hohes Potenzial – an die 3000 Radfahrer im Schnitt pro Tag auf der gesamten Achse“.

Radschnellwege ermöglichen deutlich schnelleres Vorankommen als herkömmliche Trabbelrouten. So eine Express-Trasse – manche verwenden dafür den eher dämlichen Ausdruck Rad-Autobahn, treffender wäre Rad-Hauptstraße – hat ein paar Besonderheiten:

  • Sie ist mehrere Meter breit – genug Platz für Begegnungsverkehr und Überholen.
  • Sie hat einen richtigen Straßenbelag.
  • Nur Zweiräder sind darauf zugelassen, weder Autos noch Fußgänger.
  • Die Strecke wird möglichst kreuzungsfrei geführt, zum Beispiel dank Unter- oder Überführungen. Kommt es doch zu Überschneidungen, hat der Radler Vorfahrt.
  • Ein Radschnellweg wird vom Winterdienst geräumt.

Auch die Tatsache, dass der Schnellweg Fellbach-Schorndorf 32 Millionen Euro kosten dürfte, ist kein K.o.-Kriterium:

  • Das Land, berichtete Radwege-Fachfrau Fischer, habe zugesagt, für den Streckenabschnitt Fellbach-Weinstadt „die Baulast zu übernehmen“. Der Kreis müsste dafür also nichts bezahlen.
  • Für den Abschnitt Weinstadt-Schorndorf müsste zwar der Kreis ran – darf sich aber Hoffnung auf spektakuläre Fördergelder machen: vom Bund 75 Prozent der Kosten, vom Land weitere 12,5.

„Wir sind guter Dinge“: Landrat Richard Sigel klang im Ausschuss regelrecht beschwingt. Sobald es Förderbescheide für die Planung gibt, will der Kreis die konkrete Streckenführung austüfteln: Wo lassen sich bereits bestehende Wege nutzen und ausbauen? Wo gilt es, Lücken zu schließen?

Stadtradeln: Eine tonnenschwere CO2-Bilanz

Wie klimafreundlich es ist, in die Pedale zu treten, anstatt den Bolidenmotor anzuwerfen, hat im Juli die Aktion „Stadtradeln“ offenbart. Die Teilnehmer versuchten, drei Wochen lang möglichst viele Kilometer, privat wie beruflich, per Rad statt mit dem Auto zurückzulegen. Der Landkreis formierte gemeinsam mit den Kommunen Aspach, Backnang, Schwaikheim, Rudersberg, Urbach und Weinstadt ein Rems-Murr-Team – Bilanz: Mehr als 1000 Leute beteiligten sich, erstrampelten rund 265 000 Kilometer und vermieden damit 37,7 Tonnen CO2. Auf eigene Rechnung am Start waren obendrein die Städte Schorndorf (rund 32 500 Kilometer – 4,6 Tonnen), Waiblingen (etwa 124 700 Kilometer – 17,7 Tonnen) und Fellbach (rund 55 300 Kilometer – 7,8 Tonnen).

Zusammengezählt macht das rems-murr-weit fast 68 Tonnen CO2-Ersparnis binnen nur drei Wochen. Zum Vergleich: Die CO2-Emission pro Kopf und Jahr lag 2016 in Deutschland bei etwa neun Tonnen.


Mosaiksteine

Drei Projekte, um das Radfahren sicherer und attraktiver zu machen, plant der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Rems-Murr: Er will einen Dunkeltunnel anschaffen, um Sicherheitsschulungen für Schüler und Senioren abzuhalten; ein Codiergerät kaufen (Leute können damit ihre Räder codieren lassen, die dann im Falle eines Diebstahls identifizierbar sind); und fünf Servicepunkte an vielbefahrenen Radwegstrecken installieren (an den Stationen finden Radler das Notwendige, um Pannen zu beheben).

Der Landkreis fördert die drei Vorhaben mit insgesamt gut 20 000 Euro.