Rems-Murr-Kreis

Der selbst ernannte Pädophilenjäger

Der selbst ernannte Pädophilenjäger_0
Auch die Polizei macht im Internet Jagd auf Pädophile – allerdings überträgt sie ihre Aktivitäten nicht live via Internet-Show. © dpa/Peter Kneffel

Waiblingen. Er entlarve Pädophile, live im Internet, sagt Giovanni, 26. Seine Online-Fangemeinde geht in die Tausende. Er nennt sich „Privat-Ermittler“ und findet: „Ich tu was Gutes.“ Die hohe Schule der Rechtsstaatlichkeit ist es allerdings mitnichten, was der junge Mann da treibt. Weshalb ihm jetzt Ärger mit der Polizei ins Haus steht.

Wenn Giovanni auf die Pädo-Pirsch geht, heißt er Laura und ist 13 Jahre alt. Tummelt er sich unter dieser Tarnidentität in den sozialen Netzwerken, dauere es „keine zwei Minuten“, bis er die ersten Anfragen erhalte. Hier zum Beispiel – er zeigt auf seinem Handy einen Whatsapp-Austausch: Ein Herr mittleren Alters schickt ein Nacktfoto und empfiehlt sich mit den Worten, er habe „schon einige Girls entjungfert“.

„Heute 21.00 Uhr decken wir einen heftigen Pädo auf"

Wenn Laura einen am Haken hat, vereinbart sie mit ihm einen Telefonflirt – und Giovanni kündigt auf seiner Facebook-Seite vollmundig-hochdramatisch an: „Heute 21.00 Uhr decken wir einen heftigen Pädo auf – wer ist dabei?“

Um 21 Uhr dann sieht, wer „dabei“ ist, live auf dem Video-Kanal „younow“, wie Giovanni, die Baseballkappe verkehrt auf dem Kopf, mit säuselnder Naivchenstimme dem Fremden Nettes ins Ohr flötet; was zurückkommt, sind „schmutzige Sachen“. Giovanni hört zu, wispert, er habe eine Überraschung, „aber du darfst nicht böse sein mit mir“ – und verkündet mit tiefer Anklägerstimme: „Wir sind verdeckte Ermittler! Jetzt hast du richtige Probleme, mein Junge!“

Mit der Show habe er „krasse Reichweite“: mal „1000 Zuschauer“, mal „5000“. Danach rappelt es im Kommentarspalten-Karton, „die feiern das“: Giovanni „deckt auf“, schwärmen die Leute, er sei „so super“. Und: „Todesstrafe für Mörder und Kinderficker!“ So funktioniert das, erklärt Giovanni, „und dann ist das Ding geklärt.“

Wobei: Er achte darauf, dass der Fremde seinen Nachnamen nicht preisgebe. So bleibe dessen Identität geschützt.

Äh, Moment – und was soll das bringen außer Klickzahlen und Krawall, angstlüsternem Gegeifer und Selbstjustiz-Geblök? Erstens, antwortet Giovanni, sagen am Telefon manche Entlarvten: „Es tut mir leid.“ Die wären dann womöglich zur Vernunft gebracht. Zweitens wolle er „die Leute draußen aufwecken“, damit sie die Gefahr erkennen und begreifen: Da leistet einer „Top-Arbeit“ und „rettet unsere Kinder!“

„Schon über hundert Autogrammkarten rausgeschickt“

Giovannis „Fame-Status“ wächst: „Heute Abend habe ich einen Termin in Köln bei RTL Spezial. Es gibt Mütter, die sich mit mir treffen wollen. Ich habe schon über hundert Autogrammkarten rausgeschickt.“

Auch solche Stimmen allerdings gibt es in den Kommentarspalten: Er wolle doch nur „unter dem Vorwand, Pädophile zu verfolgen, Geld verdienen“, das sei ein „neues Ausmaß“ an „Raffgier“ und „Dummheit“; wer sich so als „Super-Pädo-Hunter“ aufspiele, sei „dümmer als ein Hund, der seinen Schwanz jagt“. Halt, widerspricht Giovanni, er mache das „ehrenamtlich“: Er verdiene „wirklich null Komma null Cent auf Facebook“. Und auf „younow“, wo die Show läuft, während Facebook ja nur als Werbepodium dient? Ach, „viele denken“, da ließen sich „Millionen machen“ – in Wahrheit sei es „wirklich minimal“, was da hängenbleibe, „sonst wär ich ja reich“ und müsste nicht als Gebäudereiniger arbeiten.

So weit, so schräg, ließe sich das abhaken, ein weiterer Auswuchs des Social-Media- Zeitalters, Schwamm drüber. Nur: Ganz so harmlos ist die Show auch wieder nicht.

Sich selbst in den Mittelpunkt stellen

Dieser Tage stieß Katrin Filthaus, Redakteurin beim Main-Echo in Aschaffenburg, in einer lokalen Facebook-Gruppe auf eines dieser Enthüllungsvideos, es wurde dort fleißig geteilt. Sie schaute sich den Clip an: Laura/Giovanni fragte den Mann aus, entlockte ihm Vornamen, Wohnort – ein kleiner Flecken, wo jeder jeden kennt –, Arbeitsstelle, Privates – verheiratet, zwei Kinder.

Es sei, sagt Filthaus, „eine Recherche von zwei Minuten, um diesen Mann eindeutig zu identifizieren“. Ruckzuck kursierte der Vollname nebst Adresse im Netz, „verbreitete sich wahnsinnig schnell“, und „die ersten schrieben: Wir fahren da hin.“ Die „Selbstdarsteller-Show“ drohte einen „Mob loszutreten“. Bloßgestellt sei nun nicht nur der Mann. Auch seine Kinder sehen sich in die Öffentlichkeit gezerrt, „seine ganze Familie ist betroffen.“

Das Main-Echo berichtete über den Fall und kommentierte: „Ginge es wirklich darum, Pädophile zu enttarnen, und nicht darum, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, wäre es ganz einfach: Beweise sichern, der Polizei zur Verfügung stellen und ansonsten die Klappe halten. Das wäre dann auch glaubwürdig.“

Indem Giovanni stattdessen auf Sendung gehe, erreiche er das Gegenteil, glaubt Filthaus: Jeder, der einen solchen Anruf erhalten hat, werde vermutlich danach „sofort alle Dateien auf dem Rechner, alles Beweismaterial vernichten“.

Die Kripo Waiblingen meldet sich bei Giovanni

Nachdem der Zeitungsbericht online erschienen war, „haben die uns zugespammt“, erzählt Filthaus: Giovannis Fans schickten in so kurzer Zeit so viele „Lügenpresse“- und Todesstrafe-für-Kinderschänder-Kommentare, dass beim Main-Echo „das System am Zusammenbrechen“ war.

Und Giovanni? Alle, die bezweifeln, dass er eine „Top-Arbeit“ macht, seien Leute, „die niemand was gönnen“ und „für die Pädos sind“, findet er. Mittlerweile habe sich die Kripo Waiblingen bei ihm gemeldet: „Die haben mich so runtergemacht!“

Ach, seufzt der selbst ernannte Pädo-Jäger, wenn er doch in den USA leben würde oder „von mir aus in der Türkei“ – da würde er gewürdigt, da könnte er „mit der Polizei zusammenarbeiten“.


"Wir brauchen keine Hobbypolizisten"

Live-Überführung von wirklichen oder mutmaßlichen Pädophilen via Internet-Show? „Wir halten davon absolut gar nichts“, sagt Ronald Krötz, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Aalen, „das ist der völlig falsche Weg. Wir brauchen keine Hobbypolizisten“, es gelte in Deutschland immer noch „die Gewaltenteilung“.

Es handle sich bei Shows wie der von Giovanni um eine „neue Art des Prangers“. Fatal sei, dass solche Sendungen Selbstjustiz-Aktionen auslösen können. Und obendrein: Wer garantiert, dass ein in so einer Live-Schalte von Laura/Giovanni Befragter richtige Angaben zu seiner Person macht? Was, wenn der Fremde stattdessen den Vornamen und Wohnort eines missliebigen Nachbarn oder Arbeitskollegen angibt? So können „unbescholtene Leute in den Fokus“ des Online-Mobs geraten.

Die Polizei habe deshalb gegen Giovanni ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen Paragraf 201 des Strafgesetzbuches eingeleitet: „Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes – mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer unbefugt das nichtöffentlich gesprochene Wort eines anderen auf einen Tonträger aufnimmt oder eine so hergestellte Aufnahme gebraucht oder einem Dritten zugänglich macht.“

Im Übrigen: Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg hat gegenüber dem Main-Echo bestätigt, dass auch Kripo-Ermittler sich in Chatportalen bisweilen als junge Mädchen ausgeben, um Verdächtigen auf die Spur zu kommen – nur tun Polizisten das in enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft nach allen Regeln des Rechtsstaats; und weder übertragen sie ihre Aktivitäten live im Internet, noch werben sie dafür auf Facebook.

Anmerkung der Redaktion:

Redaktionsintern haben wir diskutiert, ob wir Giovannis Videos im Artikel verlinken oder einbetten sollen. Da auch die Polizei in den Videos strafrechtlich relevante Inhalte sieht, haben wir uns dagegen entschieden. Wir können und wollen für den Inhalt der Videos keine Verantwortung übernehmen.