Rems-Murr-Kreis

Der Toten gedenken - in Mexiko ein buntes Fest

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Zuckertotenköpfe auf dem Markt in Mérida, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaats Yucatán. © Utz/ZVW
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Skelette in bunten Farben sind an jeder Ecke zu sehen.
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Der „Paseo de la Ánimas“, der Gang der Seelen, am Abend vor Allerheiligen auf dem Hauptfriedhof von Mérida.

Waiblingen. Sonntag ist Totensonntag. Ein stiller Feiertag, der dem Gedenken an die Verstorbenen gewidmet ist. Klingt traurig, ist traurig – zumindest im evangelisch geprägten Rems-Murr-Kreis. Doch das muss nicht so sein. In Mexiko erlebte unsere Autorin einen ganz anderen, für sie sehr tröstlichen Umgang mit dem Gedenken an die Toten.

Leuchtend orangefarbene Ringelblumen schmücken die Friedhöfe, fröhliche Kinder essen bunt bemalte Totenköpfe aus Zucker und Marzipan und die Marktstände brechen unter der Last der vielen süßen Hefebrote mit knochenförmiger Dekoration fast zusammen. Mérida, die Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaats Yucatán, bereitet sich gutgelaunt auf den Tag der Toten vor - dem großen Festtag, der dem Gedenken an die Verstorbenen gewidmet ist.

Drei Wochen später in Deutschland: Gleicher Anlass, völlig anderer Brauch. Am Sonntag vor dem ersten Advent wird schwarz getragen, die Menschen gehen auf den Friedhof und trauern um die Angehörigen, die nicht mehr am Leben sind. Düstere Stimmung zu einer düsteren Jahreszeit.

Lachen und singen bei Kerzenschein

Doch warum ist auf der anderen Seite des Atlantiks, einige Grad weiter südlich, dieses Gedenken kein Anlass für Traurigkeit? Es erscheint auf den ersten Blick etwas makaber, wenn sich die Mexikaner an Allerheiligen mit Blumenranken verzierte Totenkopfgesichter aufmalen und in fröhlichen Paraden durch die Städte ziehen. Wenn sie sich abends bei Sonnenuntergang auf den Friedhöfen versammeln, um an den mit Blumen und den Lieblingsspeisen der Toten beladenen Gräbern zu feiern und zu picknicken. Wenn bei Kerzenschein gemeinsam gesungen und gelacht wird, so dass kein Raum für Trauer und Tränen bleibt.

Es ist die Vorfreude auf den Tag, an dem die Familie wieder zusammen kommt - ob tot oder lebendig. Nach altmexikanischem Glauben kehren die Verstorbenen für einen Tag zurück unter die Lebenden, tanzen, essen und erfreuen sich der Hinterbliebenen, die an sie denken. An diesem Tag der Toten, dem Día de los Muertos, stellen die Menschen sogenannte Ofrendas auf. Das sind reich geschmückte Altäre mit den Fotos der Verstorbenen. Orangefarbene Blütenblätter sollen den „Ánimas“ (Seelen) der Verstorbenen den Weg weisen. Melancholisch und zugleich lebensbejahend fühlt sich dieses Fest an, eine Stimmung, die wohl kaum einer nachvollziehen kann, der sie nicht selbst erlebt hat.

Kein Wunder also, dass dieses Fest inzwischen auch den Weg in die Region gefunden hat. Inès de Castro, Direktorin des Lindenmuseums Stuttgart, organisiert jährlich so ein Fest in der Landeshauptstadt. Sie sagt: „Der indigene Brauch ist besonders in ländlichen Gegenden Mexikos noch in sehr unterschiedlichen, aber ursprünglichen Formen zu beobachten. In den Großstädten wandelt er sich durch Tourismus und Medien.“ Eins bleibt gleich: Durch die Idee des Wiederkehrens ist der Tod nicht so endgültig, eher ein fließender Übergang. „Das nimmt die Angst davor“, findet de Castro.

Diese positive Auseinandersetzung mit dem Tod wirkt tröstlich. Erinnert das Fest doch an die schönen Momente mit den geliebten Menschen, derer man an diesem Tag gedenkt. Und einmal im Jahr am Grab des Vaters sein Lieblingsgericht, einen großen Teller Käsespätzle, zu verspeisen und bei einem Viertele auf das Leben anzustoßen? Eine wunderbare Vorstellung.

Der Totensonntag

1816 ordnete der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III ein „allgemeines Kirchenfest zur Erinnerung an die Verstorbenen“ an. Ein evangelischer Feiertag, denn im Kalender der Protestanten fehlte bis dato ein solcher Tag.

Der Totensonntag ist besonders geschützt: Laut Feiertagsgesetz gilt der Tag in Baden-Württemberg als stiller Tag, an dem laute Musik und Tanzen an öffentlichen Orten und in Gaststätten ab fünf Uhr morgens verboten sind.