Rems-Murr-Kreis

Die besten Weingüter im Rems-Murr-Kreis

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Rainer Schnaitmann an einem trüben Wintertag bei der Arbeit in seinem Weinberg unterm Kappelberg. © Palmizi / ZVW

Fellbach. Rainer Schnaitmanns „Spätburger Großes Gewächs“ hat den Preis stellvertretend für die gesamte Fellbacher Spitzenlage „Lämmler“ erhalten. Keine Weinlage ist in den vergangenen 20 Jahren öfters mit „Hervorragend“ bewertet worden wie der „Lämmler“; und kein Wein höher als Schnaitmanns Spätburgunder.

Der Lämmler am Kappelberg ist Rainer Schnaitmanns Lieblingslage. Schließlich ist der Blick von dort hinunter ins Neckartal und bis nach Stuttgart mit „fantastisch“ nur unzureichend beschrieben. Allerdings, gibt Rainer Schnaitmann bei der Tour durch den rund 60 Hektar großen Weinberg zu, habe er sich zunächst gar nicht mit dem „Lämmler“ anfreunden können und zunächst auf diese Bezeichnung verzichtet.

„Lämmler“ hatte für ihn ein G’schmäckle. Wer in Fellbach einst einen Lämmler bestellte, bekam in den Gasthöfen halbtrockene Trollinger im Henkelglas auf den Tisch gestellt. Inzwischen hat sich Schnaitmann nicht nur mit dem Trollinger ausgesöhnt, verweist er stolz auf seinen Trollinger Alte Reben, sondern erst recht mit dem Lämmler, in dem auch seine „Simonroth“ wachsen, genannt nach dem längst verschwundenen Weiler „Immenrod“.

Der „Eichelmann“, einer der Weinführer, die wir traditionell zum Jahresende näher betrachten, hat in seiner Ausgabe 2019 erstmals eine Württemberger Lage in ihrer „Klassiker-Bibliothek“ ausgezeichnet. Gerhard Eichelmann griff dazu in seine Datenbank mit nunmehr 200 000 Weinen; es stellte sich heraus, dass in Württemberg keine Lage häufiger mit „Hervorragend“ bewertet worden war als der Lämmler. Und welcher Wein? „Wir waren selbst ein wenig überrascht zu sehen, dass es ein Spätburgunder war, fast genauso gut hätte es ein Lemberger oder Riesling sein können.“

„Schnaitmanns Spätburgunder bleibt unerreicht“

Bei der Tour auf den Wegen, die sich durch den Lämmler schlängeln, erinnert Schnaitmann daran, wie mühselig die Arbeit dort einst war. Bis zur Flurbereinigung in den 60er Jahren mussten die Wengerter die Butten bis zu 100 Höhenmeter durch die Steillagen mit ihren Weinbergmäuerle schleppen, zeigt er hoch zu dem Weinberg, wo sein Vater einst auf zwei Hektar den Spätburgunder in der Teillage Simonroth pflanzte. 60 Jahre später nennt der Eichelmann den Wein von dort „klar und zupackend, dezent florar“. Der „Gault Millau“ geizt auch nicht mit Lob für die „Diva“ Spätburgunder: Das Große Gewächs habe „Spannung, Mineralität, Kräuter, ätherische Öle, Zedernholz, aber dann am Gaumen kommt der Schmelz, kommen Frucht, glasklare Stilistik, Potenzial und Länge“. Der Weinführer „Vinum“ meint: „Schnaitmanns Spätburgunder bleibt unerreicht.“

Für Thomas Seibold, den Vorstandsvorsitzenden der Fellbacher Weingärtner, ist der Lämmler eine Lage wie gemalt: Südsüdwestausrichtung, warme Böden und 30 bis 50 Prozent Steigung. Einst konnten die Wengerter vom Lämmler sogar direkt ins Neckarstadion blicken. Rainer Schnaitmann schätzt nicht nur die herrliche Aussicht. Er schwärmt über das einzigartige „Terroir“, wie Weinexperten den Einfluss von Klima und Boden auf den Wein nennen. Am Kappelberg schichten sich Stubensandstein, bunter Merkel, Schilfsandstein und Gipskeuper zu einer Spitzenlage übereinander und lassen „Klassiker“ wachsen.


Remstäler führen die Liga an

Was uns in den drei Weinführern Eichelmann, Gault Millau und Vinum aufgefallen ist

Von vier „Weltklasse“-Weingütern in Württemberg stammen im Weinführer Eichelmann drei aus dem Remstal – davon zwei aus Fellbach. Für den „Gault Millau“ bringt es lediglich das Fellbacher Weingut Gerhard Aldinger zu Weltformat, doch sehen dessen Weinkritiker auch die Winterbacher Jörg und Felix Ellwanger unter den „exzellenten Betrieben“. Fakt ist und bleibt: Die Remstäler Weingüter haben in Württemberg einmal mehr die Nase vorn.

„In den letzten Jahren haben die Württemberger in puncto Qualität einen regelrechten Quantensprung gemacht“, schreibt der Gault Millau. Das Resultat seien exzellente Rieslinge, mineralische Burgunderweine, vor allem aber große Rote aus Lemberger, Spätburgunder, Syrah und den Bordeaux-Sorten. Allerdings trübt für die Weinkritiker um Otto Geisel und Natalie Lumpp ein Trend den insgesamt hervorragenden Eindruck: Immer mehr Weine weisen eine hohe Restsüße auf. Nichts gegen sechs bis sieben Gramm Restzucker, doch diese Weine machten schnell satt und ließen es an „Typizität und Mineralität“ fehlen. „Einen wirklich großen Wein zeichnet ja gerade aus, dass er sein Terroir widerspiegelt“, heißt es unter der Überschrift „Trocken sticht Süß“.

Lemberger oder Blaufränkisch

Gerhard Eichelmann plagt bei Württembergern und Remstälern indes weniger die Restsüße, sondern die Tatsache, dass es keine Leitsorte gibt, die für das Gebiet stehen. „Lemberger hätte sicherlich das Potenzial dazu, die Qualität der Weine wird stetig besser und auch außerhalb der Region beginnt man die Rebsorte zu schätzen.“

Die Württemberger haben offenbar Angst vor der eigenen Courage und wollten am Lemberger festhalten, bei dem es sich um die international bekanntere Rebsorte „Blaufränkisch“ handelt. Moritz Haidle hat im vergangenen Jahr den Vorstoß gewagt und seine Lemberger in Blaufränkisch umgetauft. Prompt wurde er von seinem Verband der Prädikatsweingüter (VdP) bei den Premiumweinen zurückgepfiffen. „Scheut man den Wettbewerb?“, fragt Eichelmann. „Dafür gibt es keinen Grund.“

Württemberg schäumt wieder

„Württemberg schäumt wieder“, schreibt der Weinführer „Vinum“ in seiner zweiten Ausgabe über den Sektboom in Württemberg. Hinter dem Flaggschiff des Fellbacher Weingutes Aldinger, einem Crémant Brut Natur, gebe es nun immer mehr Sekte, die bemerkenswert seien, so zum Beispiel der 2013 Evoé von Schnaitmann oder ein 2013er Pinot Dosage Zero von Knauß.

Im vergangenen Jahr waren Joel B. Payne und Carsten S. Henn sowie der Württemberg-Kritiker Frank Kämmer vom „Gault Millau“ zu „Vinum“ gewechselt und haben die Konkurrenz unter den Weinführern verschärft. Württemberg, so „Vinum“, gehört mit bis zu 70 Prozent Rotwein-Anbau zu den größten Rotweingebieten. Obwohl 80 Prozent der hiesigen Weine von mehr als 50 Weingärtnergenossenschaften vermarktet werden, lässt Kämmer die beiden Remstäler Genossenschaften links liegen – im Gegensatz zu Eichelmann und Gault Millau. Sie sehen zumindest die Fellbacher Weingärtner mit den einst nur privaten Weingütern vorbehaltenen „Großen Gewächsen“ auf einem Niveau mit den guten und sehr guten Weingütern, wie die zweieinhalb Sterne im Eichelmann ausweisen, ein halber Stern mehr als 2018.

Die Qualitätsoffensive unter dem Kappelberg nach dem Hagel 2001 trägt Früchte. „Die Fellbacher Weingärtner hinterlassen unter den vielen starken Württemberger Genossenschaften derzeit den stärksten Eindruck“, so Gerhard Eichelmann: „Mit der neuen Kollektion legen sie nochmals zu“, wird auf sieben „bärenstarke Rotweine“ verwiesen. Der Gault Millau nennt die Fellbacher „eine der modernsten und innovativsten Genossenschaften des Landes“.

Zwei Weingüter dürfen sich im Eichelmann zu den Gewinnern zählen. Das Weingut Escher in Schwaikheim (vier Sterne) und Albert Häußermann aus Waiblingen-Neustadt (zweieinhalb Sterne). Häußermanns Kollektion vom Söhrenberg sei noch spannender als die vom Vorjahr und bietet „einige hochinteressante Weine“. Als Beispiel nennt Eichelmann den Riesling „wild + frei“. Christian Escher macht ebenfalls einen halben Stern gut („hervorragender Erzeuger“). 2013, vor der Übernahme durch den ebenso ehrgeizigen wie redegewandten Sohn, zählte Escher noch zu den zuverlässigen Erzeugern. 2019 heißt es: „Klasse Kollektion!“ Von „Gault Millau“ und „Vinum“ wird Escher nicht gar so enthusiastisch gefeiert, gleichwohl aber geschätzt.

Aufsteiger im Gault Millau

Beim Gault Millau verdienten sich die Weingüter Maier aus Schwaikheim und Knauß in Weinstadt „besondere Aufmerksamkeit“. Michael Maier, weil er „dynamisch und sympathisch“ ist und „unglaubliches Gespür“ habe, den Spätburgunder mit all seiner „Vielschichtigkeit, Finesse und Langlebigkeit“ auszubauen. Andreas Knauß verdiente sich seinen Aufstieg nicht nur durch den architektonisch ansprechenden Neubau mit Sichtbeton, Glas und Holz in Strümpfelbach, sondern mit seinem Händchen für die in Holzfässern ausgebauten Weine. „Andy Knauß arbeitet extrem fein mit Holz.“ Das Ergebnis ist ein Pinot mit einer „Geborgenheit wie ein tolles Gericht aus Kindheitstagen“.

Schwegler ist „Weingut des Jahres“

„Vinum“ hat drei Weingüter hochgestuft: erstens Aaron Schwegler, der das Korber Nebenerwerbsweingut seines Vaters Albrecht nun in die deutsche Spitze geführt hat (4 Sterne). Für Vinum ist es das „Württemberger Weingut des Jahres“ mit seinem „Kultwein Granat“. Zweitens auf dreieinhalb Sterne Jörg und Felix Ellwanger aus Winterbach, deren 2015er-Zweigelt schlicht „betörend“ sei. Und drittens das Weingut Knauß aus Strümpfelbach, dessen Weine Frank Kämmerer überrascht und begeistert haben.

Der Gault Millau macht einen auffälligen Trend zu ausgefallenen und pfiffigen Etiketten aus. Die würden insbesondere Weineinsteiger ansprechen. Zu den Weinrevoluzzern dürfen sich David und Markus Siegloch aus Winnenden zählen, die ihre Weine „Trinkhilfe“ oder „Vogelfrei“ nennen. Doch die originellen und provokativen Namen schützten die jungen Wengerter nicht vor der Herabstufung im Gault Millau. Statt als gute Erzeuger mit zwei Trauben zählt das „Megateam, die beiden!“ nun als verlässlicher Erzeuger, der jedoch besondere Aufmerksamkeit verdiene.


Die Weinführer

Der Eichelmann 2019 hat eigenen Angaben zufolge 10 150 Weine von 980 Weingütern aus 13 Regionen verkostet. Das auf über 1300 Seiten gewachsene Werk kostet 35 Euro. Nach der Auszeichnung einzelner Weingüter und Beschreibung der Regionen folgen Porträts der Weingüter samt Bewertung der Weine nach Parker-Punkten.

Der jetzt von Britta Wiegelmann herausgegebene Gault-Millau-Weinguide 2019 kostet 39,99 Euro. Auf 1060 Seiten werden über rund 10 400 Weine der „1000 besten Weinerzeuger“ ausgewählt und bewertet. Darunter befinden sich mehr als 4000 Weine für unter zehn Euro. Lesestoff bieten Artikel wie „Der Langstreckenläufer“ über den Silvaner oder „Warten lohnt sich“ über langlebige Weine zu Trends und Moden in der Branche.

Seit 2018 auf dem Markt ist der Vinum- Weinguide Deutschland. Es erscheint im Christian-Verlag und wird Joel B. Payne und Carsten S. Henn herausgegeben, die zuvor den Gault-Millau-Weinguide verantworteten. „Bewertet werden 11 000 Weine von über 1000 Gütern. Der Vinum kostet 35 Euro (1020 Seiten).

Mit 19,90 Euro ist der Falstaff nicht nur preisgünstigster, sondern auch dünnster Weinführer (640 Seiten) mit rund 3700 Weinempfehlungen von 480 Weingütern sowie 200 Gasthäusern in den Weinregionen. Die Falstaff-Jury hat den Stettener Moritz Haidle zu einem von drei Winzer-Talenten erklärt. Als Rapper und DJ mit dem Künstlernamen Ritz präge er das Bild des württembergischen Weinhauses mit und verbinde „Lockerheit und Qualitätsanspruch“.