Rems-Murr-Kreis

Die Regeln im Rotlicht-Milieu

Prostitution
Symbolbild. © Ramona Adolf

Waiblingen. Prostituierte müssen sich seit einiger Zeit offiziell anmelden und eine Gesundheitsberatung durchlaufen. Der Andrang ist groß: Die nächsten freien Termine gibt’s beim Landratsamt im März 2019. Bisher hat noch keine Frau gewagt, eine Notlage beim Amt zu offenbaren. Die Anmeldung dient auch dazu, die Hemmschwelle dafür zu senken.



Das Ordnungs- und das Gesundheitsamt am Landratsamt Rems-Murr reservieren einen Vormittag pro Woche für Prostituierte. Pro Vormittag sind laut einer Sprecherin etwa vier Termine vorgesehen. Den nächsten freien Termin gibt’s erst in gut einem halben Jahr. Die Frauen dürfen trotzdem arbeiten. Es reicht, wenn sie bei einer Kontrolle eine Bescheinigung vorweisen, wonach sie sich bereits um einen Termin bemüht haben.

Immer wieder warten die Mitarbeiter der Ämter allerdings vergebens auf die Damen: Einige erscheinen einfach nicht – ohne abzusagen, berichtet die Sprecherin. Ein Grund könnte sein, dass sich die Frauen schon gar nicht mehr in Deutschland aufhalten; „sofern die Bordelle nicht stattdessen eine andere Frau schicken, laufen die Termine dann ins Leere.“

Neues Gesetz zum Schutz der Frauen

Ein großer Teil der Prostituierten kommt aus Rumänien, so die Sprecherin weiter. An zweiter und dritter Stelle der Herkunftsländer stehen Bulgarien und Ungarn.

Alle müssen sich beim Amt anmelden, so schreibt es das Prostituiertenschutzgesetz vor. Es gilt erst seit gut einem Jahr. Sinn und Zweck ist unter anderem, die Frauen zumindest für den Amtstermin aus ihrem Umfeld zu holen: Sie könnten dort offenbaren, was ihnen widerfährt, wer sie zwingt.

„Damen-Archiv“ lädt Männer zur Vorauswahl ein

Im Rems-Murr-Kreis hat das bisher keine getan. Es wäre mehr als naiv zu glauben, dass sich keine der Frauen in einer Notlage befindet. Vermutlich machen die Machthaber in der Branche den Frauen vor dem Termin unmissverständlich klar, was passiert, wenn sie beim Amt nicht die Klappe halten.

„Alle Mädels bei uns besitzen ein gültiges Gesundheitsattest“, so wirbt ein Bordell in Schorndorf auf seinen Internetseiten um Kunden. Der Menüpunkt „Damen-Archiv“ lädt Männer zur Voransicht ein: „Kindfrau Cassy“, „Anfängerin Klara“, die „ausgebildete Masseurin“ Emi, Roxana mit den Riesenbrüsten, Greta, Jasmin, Charlene oder Lucka sind auf Fotos zu besichtigen. Am Freitagnachmittag stehen Steffi, Kitty und Andreea zu Diensten, erfährt der Interessent mühelos per Klick. Ein deutlich größeres Bordell in Waiblingen nimmt potentiellen Freiern, die knapp bei Kasse sind, die Scheu: „Sollten Sie mal nicht genügend Bargeld dabei haben, ist es Ihnen möglich an unserem EC-Automaten anonym Bargeld abzuheben.“

Bordelle suchen dauerhaft neue Frauen

Die Bordelle suchen, sofern die Infos auf den Internetseiten stimmen, laufend neue „girls“. Beispielsweise ein Haus in Backnang mit einer nach eigenen Angaben „riesigen Stammkundschaft“ heißt „ständig neue, hübsche und zuverlässige Frauen zwischen 18 bis 50 Jahren willkommen.“

Keine der Frauen darf im selben Zimmer wohnen, in dem sie arbeitet. So sehen es die Vorschriften vor. Doch sehr einfach lässt sich fürs rechte Erscheinungsbild nach außen sorgen: Für 99 Euro gibt’s Adressen zu kaufen, mit deren Hilfe man Kontrolleure leicht an der Nase herumführen kann.

Wie oft die Kondompflicht eingehalten wird, wissen nur die Frauen

Eine weitere Regel sieht vor, dass die Frauen nicht dasselbe Badezimmer benutzen müssen wie die Freier. In ihren Zimmern muss ein Notfallknopf angebracht sein, und via Aushang muss ein Bordell die Kunden über diese Regel informieren: Ohne Kondom geht rein gar nichts.

Papier ist geduldig. Wie oft - oder selten - die Kondompflicht eingehalten wird, weiß außer den Frauen selbst kein Mensch.

Betriebe im Kreis werden derzeit nach den neuen Vorschriften überprüft

Ohne je mit einem Amt in Berührung zu kommen, dürften viele Frauen im Rems-Murr-Kreis auf eigene Rechnung in privaten Wohnungen ihrem Gewerbe nachgehen. „Diese Damen sind bei uns nicht erfasst und melden sich auch nicht bei uns“, so die Sprecherin des Landratsamts.

Kreisstädte im Rems-Murr-Kreis prüfen aktuell, ob die Bordellbetriebe in ihrer Stadt den neuen Vorschriften gemäß Prostiuiertenschutzgesetz genügen. Im Moment sieht’s nicht so aus, als ob einer der offiziell sieben Betriebe im Rems-Murr-Kreis dichtmachen müsste, weil aktuelle Auflagen nicht eingehalten sind: Dem Landratsamt ist momentan nichts in dieser Richtung bekannt.

Bordellbetreiber in Waiblingen haben die wichtigsten Verpflichtungen umgesetzt

Bisher gab es beispielsweise bei den drei Bordellbetrieben in Waiblingen keine Beanstandungen im Zuge von Kontrollen, so Oliver Conradt, der Leiter der Abteilung Ordnungswesen. Die Bordellbetreiber haben demnach „die wichtigsten neuen Verpflichtungen“ bereits umgesetzt.

Außer den Ordnungsbehörden kontrollieren Hauptzollamt und Polizei die Bordellbetriebe. Um deren Sicht der Dinge geht es in weiteren Artikeln dieser Serie.


Viele warten noch auf Anmeldebescheid

97 Prostituierte haben laut einer Auskunft des Landratsamtes seit November 2017 im Rems-Murr-Kreis eine Anmeldebescheinigung erhalten. Diese Bescheinigung bekommen Prostituierte erst, wenn sie an einer zwingend vorgeschriebenen Gesundheitsberatung teilgenommen haben.

Im ersten und zweiten Quartal 2018 haben 142 Prostituierte die gesundheitliche Beratung durchlaufen, teilt das Landratsamt weiter mit.

Das Prostituiertenschutzgesetz gilt zwar bereits seit Juli 2017. Angelaufen sind die Anmeldungen aber erst später. Das Ausführungsgesetz zum Prostituiertenschutzgesetz ist erst zum 1. November 2017 in Kraft getreten.