Rems-Murr-Kreis

Die Remstalkellerei wird 80: Es müssen nicht immer Trollinger und Riesling sein

weinprobe
Jubiläumsweinprobe mit Helen Schmalzried und Peter Jung live aus dem Holzfass. Foto: © Winterling

1 + 7 = 80. Auf diese Formel lässt sich die Jubiläumsweinprobe der Remstalkellerei bringen. Die Genossenschaft feiert in diesem Jahr 80-jähriges Bestehen bestehen. Coronabedingt musste die Remstalkellerei die Verkostung ins Internet, auf Facebook und Instagram verlegen. Mit einem Piccolo eröffneten Helen Schmalzried und Peter Jung am Freitag den Abend – und den beiden Moderatoren ist schon etwas Routine anzumerken, die sie in den vergangenen Wochen und Monaten bei den virtuellen Verkostungen entwickelt haben. Anfang April setzten sich der Vorstandsvorsitzende Peter Jung und die Chefin der Direktvermarktung Helen Schmalzried erstmals im Holzfasskeller vor eine Kamera und stellten Weine vor, die die Kellerei den Zuschauern nach Hause geliefert hatte.

Bei einem Sekt und sieben Weinen bei der Jubiläumsweinprobe erzählten Helen Schmalzried und Peter Jung schon recht routiniert in einem riesigen Holzfass sitzend in gut zwei Stunden die 80-jährige Geschichte der Genossenschaft und zeigten Fotos von früher. Mit zwei Trollingern und zwei Rieslingen waren auch die beiden Rebsorten vertreten, mit denen die Genossenschaft über Jahrzehnte hinweg und in großen Mengen gute Geschäfte machte. Der edle 2018-er Cabernet Sauvignon „im Barrique gereift“ zum Abschluss wies in die Zukunft, in die sich womöglich die Weinwirtschaft insgesamt und die Remstalkellerei bewegt: internationale Rebsorten, Ertragsreduzierung – und hochpreisig. „Wir können kräftig!“ beschrieb Helen Schmalzried die tiefrote Probe in ihrem Glas. Ja, das kann die Remstalkellerei. Kompliment.

Nostalgische Rückblicke statt schnödem Alltag 

Doch die wirtschaftlich gebeutelte Remstalkellerei steht im Jubiläumsjahr 2020 auch am Scheideweg. In welche Richtung geht's angesichts von unzufriedenen Mitgliedern, abtrünnigen Ortsgenossenschaften und sinkender Ertragsflächen. Davon sollte beim Umtrunk mit dem 80-jährigen Senior jedoch keine Rede sein. Wer will sich schon bei einer Geburtstagsfeier vom schnöden Alltag die Laune verderben lassen. Stattdessen nostalgische Blicke zu den Hochzeiten der Genossenschaft bis zurück zu den Anfängen im Jahr 1940, als im Gasthaus Lamm in Schnait die Remstalkellerei gegründet wurde. Auslöser waren Hagelschäden, ein verheerender Frühfrost im September 1939 und in der Folge ein miserabler Jahrgang. Die sogenannten Weinherren verweigerten den Wengertern mangels Qualität den Ankauf des Mostes. Also gründeten sie in ihrer Not eigene Ortsgenossenschaften und begannen, ihren Wein selbst auszubauen, abzufüllen und zu vermarkten. Mit Erfolg. Die Remstalkellerei waren geboren. Das Geschäftsprinzip ist bis heute geblieben. Rund 750 Weingärtner liefern ihre Trauben an die Genossenschaft ab, die für alles Weitere sorgt. Immerhin bewirtschaften die Genossen mit rund 500 Hektar etwa die Hälfte der Rebfläche im Remstal und prägen diese Kulturlandschaft.

Aus den Zeiten der Gründung der Remstalkellerei stammte auch die erste Rebsorte. Ein Kerner, Kreuzung aus Trollinger und Riesling aus dem Jahr 1929. „Neuzüchtung“ war einmal. Heute gelte es, den Kernen neu zu entdecken. Die kalt gestellte „Lerche“ des Jahrgangs 2019 war nach dem Schlückchen Sekt ein süßer Einstieg in die Verkostung. Aufgrund der ausgeprägten Pfirsichnoten sah eine Mitverkosterin diesen Kerner eher in einer Pfirsich-Bowle gut aufgehoben als in ihrem Glas.

Masse statt Klasse: Das hat seinen Preis

Das krasse Gegenteil zum halbtrockenen Kerner stellte die zweite Probe dar, ein Drei-Sterne-Riesling. Wie der Schwabe sagt: furztrocken. Drei Sterne stehen für Ertragsreduzierung, hohe Reife und optimaler Lesezeitpunkt. Klasse statt Masse, die ihren Preis hat.

Ein kleiner Ausschnitt aus unserer Zeitung im Booklet für die Jubiläumsweinprobe zeigt, zu welch goldenen Masse-Zeiten die Remstalkellerei einst lebte: „Run nach Weißwein hält weiter an“, lautete die Schlagzeile anno 1973. Innerhalb von drei Tagen waren 30 000 Flaschen des frisch abgefüllten „Remstal-Stoffel“ ausverkauft. Von einem solchen Run auf seine Weine kann Peter Jung heute nur träumen.

Bei aller Qualitätsorientierung. Eine Genossenschaft wie die Remstalkellerei kann halt nicht wie ein Selbstvermarkter nur edle Tropfen für einen ausgesucht kaufkräftigen Kundenkreis produzieren. Für das Brot-und-Butter-Geschäft steht heute der „Gaispeter“. Dieser Schillerwein für 4,60 Euro in der Literflasche ist das absatz- und umsatzstärkste Produkt im breiten Sortiment der Remstalkellerei, merkte Peter Jung an. Dieser Mut ist zu loben, auch einen einfach gestrickten Wein in die Geburtstags-Kollektion aufzunehmen. Der Gaispeter schrie geradezu nach saurem Sprudel, um genossen zu werden.

Mutig zeigte sich die Kellerei, den Käufern zwei angestaubte Weine aus der Schatzkammer der Kellerei mitzuliefern. Im Paket steckte entweder ein 1985-er Riesling Stettener Pulvermächer Spätlese oder ein 1983er Trollinger Steinreinacher Hörnle Spätlese trocken. Um die bösen Wörtchen „ungenießbar“ und „braune Plörre“ zu vermeiden: Der 1983-er-Trollinger zeigte leider nicht mehr die Frische seines Kollegen aus dem Jahr 2018. „Ich bin gespannt, was ihr zu diesem Trollinger sagt!“ stellte Helen Schmalzried den Drei-Sterne-Trollinger als fünfte Probe vor. Unsere Antwort: Drei eingefleischten Trollinger-Verächter vor dem Laptop waren angenehm überrascht, ließen sich gleichwohl nicht von ihren Vorurteilen abbringen. Der Trollinger-Liebhaber war begeistert. Einig hingegen war sich das Quartett wieder beim Finalwein, dem Cabernet Sauvignon aus dem Eichenfass und pflichtete Peter Jung bei: „Einfach super!“

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Beachparty mit der Remstalkellerei

Die Remstalkellerei geht im Juli baden: Die nächste virtuelle Weinprobe der Remstalkellerei ist für den Juli angekündigt. Motto: „Beachparty“.