Rems-Murr-Kreis

Die S-Bahn soll pünktlicher und attraktiver werden

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Symbolbild © ZVW/Gaby Schneider

Waiblingen. Den großen Wurf bei der S-Bahn in der Region Stuttgart wird es nicht geben. Mehr Züge und eine neue Technik sollen jedoch dafür sorgen, dass die S-Bahn pünktlicher, verlässlicher und attraktiver wird. Den Rems-Murr-Kreis wird dies ab 2021 etwa zwei Millionen Euro im Jahr kosten. „Gut angelegtes Geld“, sagte Verkehrsdezernent Dr. Peter Zaar im Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistages.

„Aufgrund einer gestörten Weiche am Hauptbahnhof Tief in Richtung Bad Cannstatt sowie in Richtung Stuttgart Nord kommt es zu Verspätungen, Teilausfällen und Umleitungen auf allen Linien in beiden Richtungen“, meldete der Verkehrsverbund Stuttgart am Montag Nachmittag eine der fast alltäglichen Störungen. Zur gleichen Zeit ließen sich im Landratsamt in Waiblingen die Kreisräte über die Investitionsvorhaben bei der S-Bahn Stuttgart informieren. Die S-Bahn ist Opfer ihres eigenen Erfolges geworden. Sie fährt längst an und oft jenseits der Grenzen ihrer Kapazität.

VVS-Tarifreform bringt noch mehr Fahrgäste in die S-Bahnen

Rund 435 000 Fahrgäste zählt der Verkehrsverbund an einem durchschnittlichen Werktag in den S-Bahnen, beschrieb Martin Beyer vom Verband Region Stuttgart (VRS) die Ausgangssituation. Rund 100 000 mehr als im Jahr 2010 und schon deutlich mehr, als noch vor wenigen Jahren für 2025 prognostiziert worden ist. Vor allem die Stammstrecke zwischen Stuttgarter Hauptbahnhof und Schwabstraßen ist so überlastet, dass es regelmäßig zu längeren Halts als geplant kommt. Die Sekunden schaukeln sich auf und führen zu Verspätungen auf allen Linien.

Die marode Infrastruktur der Deutschen Bahn, auf deren Schienen die S-Bahn läuft, tut ein übriges, dass die S-Bahn unzuverlässiger denn je geworden ist. Die Fahrverbote in der Landeshauptstadt, aber auch die Reform der VVS-Tarifzonen zum 1. April lassen ungeachtet der Probleme die Fahrgastzahlen weiter steigen. Der Verband Region Stuttgart will deshalb das Angebot ausbauen und ganztägig einen Viertelstundentakt einführen. Am 30. Januar beschloss die Regionalversammlung ein Milliardenprogramm.

Extra Tunnel laut Beyer nicht fianzierbar

Der ganz große Wurf, also der Ausbau der Stammstrecke mit zusätzliche Außenbahnsteigen oder ein extra Tunnel, ist nicht finanzierbar, sagte Martin Beyer nun im Umwelt- und Verkehrsausschuss. Um dennoch die Qualität des S-Bahnverkehrs zu verbessern, hat der VRS als Träger der S-Bahnen beschlossen, 58 neue Züge zu kaufen und eine neuen, digitalen Leit- und Sicherungstechnik zu installieren, das European Train Control System, ETCS Level 2. Dank ETCS können die Züge in kürzeren Abständen durch die Stammstrecke geschleust und so notwendige Zeitpuffer beim Ein- und Aussteigen geschaffen werden; dank der neuen 58 Züge wird es möglich, dass in den Hauptverkehrszeiten auf allen Linien sogenannte Langzüge unterwegs sind und somit die Kapazität deutlich erhöht wird. Allein die 58 Züge vom Typ ET 430, wie sie heute auf den Linien S2 und S3 unterwegs sind, kosten 422 Millionen Euro, von denen 106 Millionen das Land übernimmt. In das ETCS und ein neues Stellwerk wollen Bahn, Bund und Land etwa 600 Millionen Euro investiereren. Summasummarum handelt es sich also um ein Milliardenprogramm für die S-Bahn.

Dieses Programm sei ein Zeichen, dass es an der Zeit war, den öffentliche Personennahverkehr in den Mittelpunkt zu stellen, sagte Landrat Dr. Richard Sigel mit Verweis auf die VVS-Tarifreform zum 1. April, die den Landkreis ebenfalls mehrere Millionen Euro im Jahr kosten wird. „Jetzt ist die Schiene dran“, ergänzte Verkehrsdezernent Peter Zaar. Denn tagtäglich kämpfen die Fahrgäste in Bussen und Bahnen mit den Verspätungen und Ausfällen bei der S-Bahn. Der Kreis könne sich bei den Bussen noch so anstrengen: Wenn die Anschlüsse nicht stimmen, ist der Verdruss groß, zumal zum jahresanfang neue Busbündel an den Start gingen und die neuen Busunternehmen gerade in Waiblingen und Backnang mit enormen Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen hatten.

Kreisrat: „Ich ärgere mich jeden Tag!“

„Ich ärgere mich jeden Tag“, sagte der grüne Kreisrat Willy Härtner über verspätete Busse, aber auch über S- und Regionalbahnen. Härtner pendelt zwischen Aspach und Stuttgart. Christoph Jäger, Sprecher der CDU-Fraktion im Verkehrsausschuss, wertete das Investitionsprogramm für die S-Bahn als positiv, da es anbetrachts der Misere überfällig sei: „Besser später als nie.“ Der Waiblinger SPD-Kreisrat Klaus Riedel bleibt in Sachen Bahn in und rund um Stuttgart Pessimist: „Man kann nur hoffen, dass es funktioniert.“

Für den S21-Gegner bleibt insbesondere das Projekt Stuttgart 21 ein Unsicherheitsfaktor. Was passiert, wenn S21 im Jahr 2025 nicht in Betrieb geht? Dann wird es auch kein ETCS geben, sagte VRS-Vertreter Martin Beyer klipp und klar. Die Antwort auf die Frage nach dem Integraltakt blieb Beyer hingegen schuldig, was Riedel für höchst bemerkenswert fand. Denn der von der Bahnspitze angekündigte Integraltakt im Fern- und Regionalverkehr sei in Stuttgart aufgrund der zu geringen Kapazitäten des künftigen Tiefbahnhofs gar nicht möglich.


Deutsche Bahn investiert 265 Millionen Euro

Die Deutsche Bahn investiert rund 265 Millionen Euro in die S-Bahn, nachdem der Verkehrsvertrag zwischen dem Verband Region Stuttgart und der S-Bahn Stuttgart vorzeitig bis 2032 verlängert wurde. Davon fließt ein großer Teil ab 2023 in ein Redesign der Fahrzeuge, um unter anderem die Fahrgastinformation und die Aufenthaltsqualität in den Zügen zu verbessern. Zusätzlich wird für die künftig deutlich größere Flotte die Werkstatt der S-Bahn in Plochingen erweitert. Dort erfolgt auch die Ausrüstung aller Fahrzeuge mit der Technik ETCS/ATO GoA 2, für die die S-Bahn einen Kostenanteil übernimmt. Die moderne Leit- und Sicherungstechnik ermöglicht kürzere Zugfolgen und höhere Streckenkapazitäten.

Für eine stabile Betriebsqualität investiert die Bahn ferner ins Schienennetz. Erstens seien im Rahmen der Investitionsoffensive der DB Netz AG die eingesetzten Mittel für Regelinstandhaltung, Prävention und Bestandsnetzinvestitionen in den vergangenen Jahren deutlich erhöht worden. Und zweitens zeigen die in den Schwerpunktbereichen „Fahrbahn“, „Oberleitung“ und „Leit- und Sicherungstechnik Stammstrecke“ umgesetzten Maßnahmenpakete Wirkung. Die Anzahl an Infrastrukturstörungen sei hier in Summe weiter rückläufig. „Wir sind uns bei der DB einig, dass wir die Intensität der Maßnahmen beibehalten und im nächsten Schritt auch zwingend auf weitere lokale Bereiche ausweiten müssen“, erklärte ein Bahnsprecher auf Anfrage zu den Maßnahmen der Bahn für eine bessere S-Bahn.