Rems-Murr-Kreis

Die seltsamen Stufenpyramiden an B14 und B29? Darin lebt's!

Wildbienen
Im Hintergrund leuchten die weißen Margeriten, auf dem Erdhügel knallt das Gelb des Ackersenfs. Martin Weiß, Biologe und Botaniker, bei der Begehung der Blühfläche bei Haubersbronn. © Benjamin Büttner

Die seltsamen Stufenpyramiden an den Auffahrten zur B 14 und zur B 29? Die sind, das ist längst klar, Teil des großen Blühflächen-Projekts des Landratsamts. Mit viel Mühe und hinzugezogenem Biologen-Sachverstand wurden sie aufgehäuft, drumrum erstens die Erde abgemagert und zweitens eine bunte Wiese eingesät. Schön sieht’s aus, wenn man

so mit dem Auto vorbeifährt. Gerne würde man einen längeren Blick drauf werfen. Geht aber nicht. Ist unbegehbares Gebiet. Die betreuenden Biologen Karin und Martin Weiß allerdings schauen sich Stufenpyramiden und Blühflächen immer wieder genau an.

Der Erdboden sieht für den Laienblick erst mal ziemlich trostlos aus, ganz gleich, ob’s an den erst im letzten Jahr angelegten Flächen etwa bei der B-14-Ausfahrt Korb oder der Auffahrt bei Schwaikheim ist. Unendlich viele Steinchen mischen sich in die Erde, die sehr oft recht nackt und unbewachsen ausschaut. Nur aus der Ferne wirkt das Ganze wie ein farbiger Blütenteppich. Ist die Blühwiese misslungen? Mitnichten! Genau so muss das sein.

Der blaue Natternkopf hat sich prächtig entwickelt

Dass die Bepflanzung und damit auch die Besiedelung erfolgreich war, zeigt die große Fläche, die beim Park&Ride-Parkplatz bei Haubersbronn schon ein Jahr länger wachsen durfte.

Blühwiesen
Auch wenn er „Trauerrosenkäfer“ heißt: Die Margerite scheint es diesem kleinen Kerl sehr angetan zu haben. © Gabriel Habermann


Hier blühen Margeriten in Hülle und Fülle, dazwischen gelber Stein- und Hornklee und der Rotklee, außerdem die nickende Distel, die – Landwirte können sich beruhigen – mit dem gefürchteten Unkraut auf dem Acker nichts zu tun hat. Glockenblumen, Witwen- und Flockenblumen nicken mit lilafarbenem Köpfchen, die wilde Möhre zeigt ihre weißen Dolden. Und auch der blaue Natternkopf - trotz des Namens ganz ungefährlich - hat sich prächtig entwickelt. Nur Mohn- und Kornblume tun sich hier inzwischen etwas schwer: Diese beiden Publikumslieblinge brauchen viel Licht und immer wieder Bewegung im Boden.

Blühwiesen
Diese Wildbiene, die an der Kornblume sitzt, ist eine Steinhummel. Sie baut ihr Nest oft unter Steinhaufen. © Gabriel Habermann


Deshalb sind sie vor allem an den Stellen zu finden, die frisch angelegt worden sind. Haubersbronn ist schon zu etabliert. Schwaikheim und Korb sind dafür noch perfekt. Und wenn sich im Herbst das Kreis-Straßenbauamt an die dritte Runde macht und etwa beim Teiler von B 14 und B 29, bei Fellbach-Schmiden und zwischen Winnenden und Affalterbach nochmals Flächen anlegt, dann wird es im kommenden Frühjahr dort rot und blau leuchten.

Wildbienen graben sich in Ritzen und Spalten von offenen Lehmflächen 

Mitten drin in der blühenden Fläche bei Haubersbronn steht eine der Stufenpyramiden. Fast nackt. Was hier sprosst, wurde nicht eingesät, sondern hat sich von selbst ausgesamt. Martin Weiß empfiehlt, dass alle zwei Jahre die Erde wieder freigejätet wird. Die Wildbienen brauchen offene Bodenflächen für ihre Nisthöhlen. Sie graben sich in die Ritzen und Spalten und legen dann ihre Eier ab. Um die Larven ernähren zu können, braucht’s dann den Pollen, der ringsherum in Hülle und Fülle im Angebot ist. Wer ganz genau gucken könnte — geht ja nicht an den Bundesstraßen —, könnte feinste Erdbröselchen und dabei ein kleines Loch entdecken. Und wer dann noch viel Zeit mitbrächte, könnte daraus hin und wieder eine Wildbiene schlüpfen sehen.

Wildbienen
Gucken Sie genau: Im Eck links unten ist in der feingebröselten Erde das kleine, dunkle Einflugloch der Wildbiene zu entdecken. © Benjamin Büttner


Je größer die Blühflächen sind, desto besser für die Bienen. Wenn die Tiere alles, was sie brauchen, auf dieser einen Fläche finden, auf der sie gerade sind, dann bleiben sie dort und brechen nicht in die Umgebung auf der anderen Straßenseite auf. „In ihrem kurzen Leben wollen die Wildbienen möglichst viel sammeln und wenn das mit kleinen Wegen und kurzen Flugzeiten geht, dann machen die Wildbienen das auch so. Jeder weite Sammelflug verbraucht wieder Energie.“ Und damit landen sie nicht an den Frontscheiben der vorbeirauschenden Autos. Natürlich verunfalle ein Teil der Bienen, sagen Karin und Martin Weiß, es sei aber ein geringer Teil. „Eine hohe Prozentzahl der Individuen überlebt.“

Wildbienen
Auf der Blüte dieser nickenden Distel fühlen sich sowohl eine Honigbiene als auch zwei Wildbienen wohl. © Benjamin Büttner


Ob noch Schmetterlinge kommen? Da kann man nur hoffen

Auch eine Feldwespe hat schon ihre Spur im Blumenfeld hinterlassen. An einem Stängel klebt ihr Nest: Von diesem aus steht ein ganz zarter Stiel ab, auf dem sich, geformt wie eine Dolde, die Waben ausbreiten. Die Wespen bauen ihr Nest, indem sie Pflanzenmaterial zerkauen und zusammenkleben.

Nur die Schmetterlinge sind noch rar. Sowohl bei den neu angelegten Flächen als auch dort, wo’s schon zwei Jahre wächst. Da kann man nur hoffen.

Die Pflege der Blühflächen

Zwar müssen die Blühwiesen sehr viel seltener gemäht werden, als man’s am Straßenrand gewohnt ist, doch das Mähen sei, so Frank Kössler vom Straßenbauamt, aufwendiger.

Eine „einmalige Mahd im Spätherbst, oder noch besser im Frühjahr“ wird im Samen-Bestellkatalog empfohlen. Denn dann bleiben sogenannte „Wintersteher“ stehen und bieten Vögeln Futter und Ansitzwarten. Außerdem verkriechen sich Insekten in die abgestorbenen Stängel und überwintern dort.

Wenn dann allerdings gemäht wird, muss der Gärtner mit dem Balkenmäher rein. Und das Abgeschnittene muss abtransportiert werden.

Keinesfalls darf gemulcht werden. Mulchen schreddert erstens die Tiere und bringt zweitens zu viele Nährstoffe in den Boden.

Diese Arbeit sei etwa dreimal so teuer wie die früher übliche Mahd.