Rems-Murr-Kreis

Die Tücken des Messengers

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Aus gutem Grund muss eigentlich 16 sein, wer Whatsapp nutzen will. An die Altersbegrenzung hält sich nur kein Mensch. © ZVW/Benjamin Büttner

Waiblingen. Kann es ein Leben geben ohne Whatsapp? Für Jugendliche ist das praktisch nicht denkbar. Wer den Dienst nicht nutzt, droht den Anschluss zu verlieren. So große Macht hat die Nutzerschar dem Dienst verliehen, dass man die eine oder andere Unstimmigkeit im großen Rauschen halt hinnimmt. Ein Beispiel: Nachrichten von unbekannten Leuten.

„Heyy ich bins Murat – meine neue Nummer“: Diese Nachricht erschien kürzlich auf dem Smartphone eines Zwölfjährigen aus Schwaikheim, ergänzt von einer schwer durchschaubaren Frage: „Was hab ich denn getan, dass du dein großen Cousin schlecht bei anderen da stehen lässt?“

Das verstehe, wer will; der Zwölfjährige kennt den Absender jedenfalls nicht und stellt sich die bange Frage: Woher hat der meine Nummer?

„Klicksafe“ widmet dem Phänomen „ungewollte Kontaktaufnahme“ ein eigenes Kapitel – und liefert mehrere Erklärungen, wie Fremde an Mobilfunknummern kommen: Der einfachste Weg ist, sie einfach aus den Tiefen des Internets zu klauben; manch einer geht recht sorglos mit seiner Handynummer um und tippt sie kurz hier ein und kurz da. Zudem können Dritte laut Klicksafe Mobilfunknummern abfangen, während diese vom Mobiltelefon an den Whatsapp-Server geleitet werden.

Stefanie Rack von Klicksafe verweist ferner auf die allseits beliebten Whatsapp-Gruppen. Wer sich hier Zugang verschafft, der kann flugs sehr viele Nummern abgreifen, weil sämtliche Handynummern der Gruppenmitglieder sichtbar sind.

Erwachsene mit unlauteren Absichten könnten Kontakt knüpfen

Die Medienpädagogin Stefanie Rack hält das „Kontaktrisiko“ für das größte Problem bei Whatsapp. Damit ist gemeint: Erwachsene mit unlauteren Absichten können relativ einfach über Whatsapp Kontakt aufnehmen zu Kindern. Dahinter können Werbefirmen stecken, Datensammler, Gewinnspiel-Betreiber, Kettenbrief-Versender oder auch Leute, die sexuelle Kontakte zu Kindern anbahnen wollen. Nicht umsonst ist es erst ab einem Alter von 16 Jahren überhaupt erlaubt, Whatsapp zu nutzen: „Man braucht eine gewisse Reife, um damit umgehen zu können.“

Die Realität ist eine andere, das ist Stefanie Rack natürlich wohl bewusst. Lange vor dem 16. Geburtstag beginnt für gewöhnlich die Präsenz auf Whatsapp; nicht selten wohl schon in der Grundschule. Wer seine Kinder bereits in so jungem Alter mit diesem Dienst hantieren lässt, der handelt „grob fahrlässig“, findet Stefanie Rack.

Sie rät ganz generell, die Handynummer nicht jedem zu geben; die Nummer „ist ein Einfallstor“. Allzu leicht gerät die Nummer in eine der „Riesen-Datensammlungen“, die für Werbetreibende hohen Wert haben. Beispielsweise Gewinnspiele auf Kinderseiten im Internet verfolgen oftmals nur diesen Zweck: Daten sammeln, Handynummern horten.

Unbekannte Nummern blockieren

Wer auf Whatsapp eine Nachricht eines Unbekannten erhält, sollte den Absender sofort blockieren, rät Stefanie Rack. Blockieren geht so: rechts oben auf die drei übereinandergestapelten Punkte tippen, dann „Mehr“ anklicken. Im nächsten Menü erscheint dann die Auswahl „Blockieren“. Je nach Betriebssystem kann es anders funktionieren; genaue Anleitungen sind hier zu finden.

Von einem blockierten Kontakt erhält man zwar keine Whatsapp-Nachrichten mehr. Der Absender kann die Nummer natürlich weiter nutzen, um SMS oder MMS zu schicken.

Klicksafe empfiehlt andere Messenger

Es gibt viele Gründe, weshalb Klicksafe komplett von Whatsapp abrät und andere Dienste empfiehlt, etwa Threema oder Wire. Whatsapp gibt Daten an den Mutterkonzern Facebook weiter, Whatsapp greift Kontakte aus dem Adressbuch der Nutzer ab, Whatsapp lässt sich leicht von Kriminellen nutzen. Klicksafe warnt beispielsweise vor Kettennachrichten, die dazu auffordern, ein bestimmtes Bild als Profilfoto zu verwenden. Solche Aufforderungen könnten laut Klicksafe gezielt verbreitet werden, um später Abmahnungen zu verschicken mit dem Hinweis, es seien Urheberrechte verletzt worden.

Stefanie Rack weiß natürlich, dass es nicht so einfach ist, Jugendliche zu einem „Umzug“ zu einem anderen Dienst zu bewegen. Sie nennt es bewusst „Umzug“, denn das ist mit Arbeit verbunden – und es braucht eine Menge Überzeugungskraft. Denn solange fast alle Whatsapp nutzen, wird man sich bei einem anderen Dienst recht einsam fühlen. Deshalb vollzieht Stefanie Rack den „Umzug“ bei Schulprojekten mit ganzen Klassen. Ihr Fazit: „Jeder Umzug ist anstrengend. Aber auf Dauer lohnt sich das.“

Whatsapp liegt mit weitem Abstand vorn

95 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen nutzen Whatsapp. Das geht aus der jüngsten JIM-Studie hervor. JIM steht für „Jugend, Information, Medien“. Bereits seit 1998 untersucht der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (mpfs) den medialen Alltag von Jugendlichen in Deutschland.

Jugendliche nutzen das Internet größtenteils am Smartphone. Bei der Frage nach den wichtigsten Apps ist die Antwort laut JIM-Studie eindeutig: Whatsapp liegt mit weitem Abstand vorn.

Der JIM-Studie 2018 zufolge nutzen 82 Prozent der jugendlichen Whatsapp-Nutzer den Dienst täglich. Sie schätzen, dass sie pro Tag 36 Whatsapp-Nachrichten erhalten.

Facebook landet bei Jugendlichen weit abgeschlagen auf dem vierten Rang: Nur 15 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen nutzen Facebook. Beliebter sind Instagram und Snapchat: Etwas mehr als die Hälfte der Jugendlichen sind täglich auf Instagram unterwegs, 46 Prozent täglich auf Snapchat.

Vor einiger Zeit wurde der Messenger „Telegram“ als gute Alternative zu WhatsApp bezeichnet – doch dann wurde Kritik laut. Das Portal „Mobilsicher“ nennt einige Nachteile, zum Beispiel: Keine standardmäßige Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bei Chats, Gruppenchats lassen sich nie Ende-zu-Ende-verschlüsseln.

„Klicksafe“ ist ein gemeinsames Projekt der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz und der Landesanstalt für Medien NRW. Aufgabe der Verantwortlichen im Auftrag der Europäischen Kommission ist es, Kompetenz im Umgang mit dem Internet zu fördern.

Auf den Klicksafe-Seiten gibt es sehr gute Informationen für Eltern, Unterrichtsmaterialien für Lehrer, jede Menge Infoflyer und vieles andere mehr.