Rems-Murr-Kreis

Die Wut des Herrn Kachelmann

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Hagelflieger mit Silberjodid-Kanone. © ZVW/Sarah Utz
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So funktioniert der Hagelflieger
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2004 verwüstete Hagel einen Weinberg in Beutelsbach.

Waiblingen. Seit Jahren wettert der Schweizer Meteorologe Jörg Kachelmann gegen Hagelflieger und zweifelt deren Wirksamkeit an. Die Landkreise, die das finanziell unterstützen, nennt er in seinem jüngsten Beitrag „Dorfdeppen“. Und meint damit auch den Rems-Murr-Kreis.

Meteorologe Jörg Kachelmann ist nicht gerade für seine feinfühlige Art bekannt. Er poltert gerne. Nachdem Orkan Kyrill Anfang 2008 über Deutschland fegte und eine Spur der Verwüstung und 13 Todesopfer hinterlassen hatte, machte Kachelmann den Deutschen Wetterdienst mitverantwortlich, weil dieser seiner Meinung nach nicht rechtzeitig gewarnt hätte. Obwohl sein eigener privater Wetterdienst nach eigenen Angaben schon längst Alarm geschlagen hatte. 

Beim Thema Hagelfliegern schwillt dem Wetterhahn regelmäßig der Kamm. Seine jüngste Kolumne auf dem Internetportal T-Online widmet sich ganz den „Bauernfängern“, die auf Steuerzahlen-Kosten „Lustiges, aber Sinnloses“ tun. Die Landkreise, die Hagelflieger unterstützen, bezeichnet er als dumm, als „Dorfdeppen“, die das „teure Hobby einer betrügerisch anmutenden Bande“ finanzieren.

Mit diesen markigen Worten meint er unter anderen den Rems-Murr-Kreis. Seit 1980 ist der Landkreis aktiv und federführend im Bündnis Hagelflieger, neben Stuttgart, Heilbronn, Esslingen und Ludwigsburg. Mittlerweile drei Hagelflieger stehen parat, um bei drohenden Hagelniederschlägen aufzusteigen und Silberjodid-Partikel unter der Wolkenbasis zu streuen. Durch Aufwinde werden die feinen Partikel direkt in die Gewitterwolken transportiert. Die Prozedur soll den Hagel nicht verhindern, vielmehr wird die Wolke mit künstlichen Kristallisationskernen befruchtet, damit sich noch viel mehr, aber auch viel kleinere Hagelkörner bilden. Denn viele kleine Hagelkörner richten bei weiten nicht so viel Schaden an wie wenige große.

Hat Kachelmann Recht?

Und ja, Kachelmann hat Recht. Wenn er zitiert, dass der „Großversuch IV“ in der Schweiz aus dem Jahr 1986 zum Schluss kommt, die „sowjetische“ Methode der Hagelbekämpfung würde nicht funktionieren. Allerdings bezieht sich die fünfjährige Studie auf Versuche mittels Silberjodid-Raketen, die vom Boden aus in die Wolken geschossen wurden. Professor Dr. Thomas Oppenländer von der Hochschule Furtwangen hat hierzu eine klare Meinung. Er forscht unter anderen zur Wirkungsweise von Silberjodid und ist Mitautor und Autor von etwa 60 wissenschaftlichen Publikationen. "Das kann man nicht miteinander vergleichen", meint Oppenländer. "Mit einem erfahrenen Piloten haben wir heute ganz andere Möglichkeiten, das Silberjodid in die Wolke zu bringen."

Dass die Wirksamkeit von Hagelfliegern und generell das Impfen der Gewitterwolken mit Silberjodid nicht unumstritten ist, leugnet keiner. Das Land Baden-Württemberg beispielsweise begründete 2013 seine Ablehnung einer Kostenbeteiligung an Hagelflieger damit, dass die Wirksamkeit nach bisherigen Erkenntnissen nicht erwiesen ist. Auch eine sechsjährige Untersuchung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt im Auftrag des Landkreises Rosenheim mit bayrischen Hagelfliegern kam 1993 zum Schluss: Ein Effekt ist wissenschaftlich nicht nachweisbar. Weswegen auch die bayrische Staatsregierung nach einer Schriftlichen Anfrage der Grünen 2006 im Landtag erklärte, der Erfolg der aktiven Hagelbekämpfung sei nicht eindeutig bewiesen.

Gleichzeitig räumte sie aber ein, dass allein der Nachweis des Erfolges schwer zu führen sei. Wäre auch ohne vorheriges Impfen kein Hagel gefallen? Wie will man das feststellen? Die Vorgänge in einer Gewitterwolke seien sehr komplex, hinzu kommen Unterschiede zwischen den Gewittertypen. Und Versuche lassen sich nicht beliebig unter gleichbleibenden Bedingungen wiederholen, wie es aber für statistische Auswertungen eigentlich Pflicht wäre.

Sind wir also alle Deppen?

„Herr Kachelmann wurde von uns schon öfter eingeladen, mit uns zu diskutieren“ kommentiert Georg Enssle, Geschäftsführer der Hagelabwehr, Kachelmanns Schimpftiraden. „Er ist aber nie gekommen und hat sich auch nie geäußert“.

Dabei gäbe es für Jörg Kachelmann so viele Gelegenheiten, seine Thesen vor einem Fachpublikum zu erläutern als nur von der Kanzel seiner Internetkolumne zu predigen. Regelmäßig tauschen sich die Hagelflieger-Regionen in Fachtagungen aus. Wissenschaftliche Beiträge und Begleituntersuchungen inklusive, unter anderen von der Universität Hohenheim, dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Hochschule Furtwangen.

Es gibt Untersuchungen zur Wirksamkeit von Hagelabwehr. So hat beispielsweise das KIT die Wirkung der Impfung anhand von Hagelereignissen im Raum Stuttgart in den Jahren 2007 bis 2009 untersucht. Dabei zeigte sich, dass bei guten Bedingungen die Größe der Hagelkörner und die Hagelmenge reduziert werden konnten. Die Auswertungen der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik von 1981 bis 2000 weisen eine Hagelschadensminderung um bis zu 40 Prozent nach. Und das Ergebnis einer Untersuchung in North Dakota aus dem Jahr 1990: 45 Prozent weniger Hagelschäden bei fünf bis zehn Prozent mehr Regen. Laut Professor Dr. Thomas Oppenländer stehe man noch ganz am Anfang der Forschung. "Das ist ein äußerst komplexen Gebiet, da ist noch nicht alles erforscht."

Versicherung finanziert Hagelflieger

Auch eine Versicherung, die Württembergische Gemeindeversicherung, finanziert einen Hagelflieger in der Region. Denn die gehört nunmal zum Gebiet mit dem höchsten Hagelunwetterpotenzial in Deutschland. Solche Hagelunwetter wie jenes, das am 28.Juli 2013 wütete: Zwei Gewitterzellen, die etwa zur gleichen Zeit einmal südlich und einmal südwestlich von Stuttgart entstanden. Die eine, nördliche Gewitterfront, die sich Richtung Rems-Murr-Kreis aufmachte, wurde durch zwei Flugzeuge geimpft. Hier kam es zu keinen großflächigen Schäden. Die andere, ungeimpfte Front zog südöstlich weiter und tobte sich mit tennisballgroßen Hagelkörnern in den Landkreisen Göppingen, Esslingen und Reutlingen aus, mit einem Gesamtschaden von rund 500 bis 600 Millionen Euro. 

Wer hat nun also Recht? Sind die 260 000 Euro pro Jahr für die Hagelflieger „Geldverschwendung“, wie Kachelmann anprangert, und besser investiert, wenn man „das Geld direkt aus dem Flugzeug werfen würde“? Oder macht es sich Kachelmann mit seiner Meinung einfach.  Nur die Hälfte der Gelder kommt aus öffentlicher Hand, wie Enssle betont. Den Rest finanzieren auch diejenigen, die jedes Mal bei einem Gewitterhagel den wirtschaftlichen Totalschaden befürchten müssen, wie Wengerter und Wein- und Obstbaugenossenschaften. Für sie ist der Hagelflieger unverzichtbar.

„Wir wissen, dass die Wirksamkeit schwer zu beweisen ist“ sagt dazu Claus Mannschreck, Vorstandsvorsitzender der Remstalkellerei. „Für uns zählt aber die Statistik. Wir haben deutlich weniger Schäden als früher. Das ist eine geschäftliche Investition. Und ich fühle mich dabei keineswegs als Dorfdepp“.

Bernhard Ellwanger, preisgekrönter Winzer aus Großheppach und überzeugter Hagelflieger-Unterstützer, fügt beim Thema Kachelmann hinzu „In den letzten zehn Jahren hatten wir keine Hagelschäden. Davor fast jedes Jahr. Wenn der Flieger mal nicht aufsteigen kann, merken wir das, wie mal im Jahr 2008. Das zählt. Über Kachelmann kann ich inzwischen nur noch lachen.“

Edit: Die Aussagen von Prof. Dr. Oppenländer sowie von Bernhard Ellwanger erreichten uns verspätet und wurden noch in den Artikel eingefügt.