Rems-Murr-Kreis

DRK Rems-Murr: Nichtstun ist der größte Fehler

Unfall: Helfen ist Pflicht_0
Wer jetzt einfach weiterfährt, macht sich strafbar. © pixabay / public domain

Waiblingen. Ein Motorradfahrer verunglückt, schanzt über eine Leitplanke und bleibt in einer Senke im Wald bei Welzheim liegen. Das Bike liegt auf der Straße. Leute fahren ungerührt vorbei. „Das ist für mich so schwierig, das zu verstehen“, sagt die Mutter des Verunglückten. Es gab und gibt diese Fälle von unterlassener Hilfeleistung, bestätigt das Rote Kreuz. Eine Tendenz hin zu mehr Gleichgültigkeit sei aber nicht zu erkennen.

Unsicherheit und Angst, etwas falsch zu machen, könnten Gründe sein, warum Menschen an einer Unfallstelle nicht anhalten, mutmaßt Markus Frey, Referatsleiter Rotkreuz-Dienste beim Kreisverband Rems-Murr des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Nichts zu tun, sei aber der größte Fehler.

Fürs Nichtstun entschieden sich Augenzeugen zufolge ein paar Verkehrsteilnehmer, erzählt Susanne Roolf aus Rudersberg. Sie versucht, den Unfall ihres Sohnes zu rekonstruieren. Der 23-Jährige war am Sonntag, 21. Juli, bei Welzheim mit seinem Motorrad in Richtung Gschwend unterwegs gewesen. Warum das Zweirad in einer Kurve am Wald den Wagen einer entgegenkommenden Frau berührte, ist unklar. Ihr Sohn erinnert sich nur noch schemenhaft, berichtet Susanne Roolf. Das Motorrad prallte gegen die Leitplanke, und der 23-Jährige muss „mehr als einen Schutzengel“ gehabt haben: Der junge Mann stürzte über die Leitplanke, hätte leicht mit dem Kopf gegen Bäume prallen können, kullerte stattdessen einen Abhang hinunter und blieb verletzt in der Senke liegen. Schmerzen im Fuß plagen ihn noch heute, er trägt eine Schiene, kann aber wieder arbeiten.

Quadfahrer helfen verletztem Motorradfahrer

„Er lag da wie tot“, so beschreibt Susanne Roolf, was ihr zwei Quadfahrer nach dem Unfall erzählt haben. Diese beiden jungen Männer stoppten an der Unfallstelle und entdeckten den Verletzten in der Senke. Die Männer hatten laut der Mutter gesehen, wie andere weitergefahren waren. Erst als die beiden Helfer bereits alles Nötige in die Wege geleitet hatten, kehrte auch jene Frau zum Unfallort zurück, die dem Motorradfahrer zuvor entgegengekommen war – so hat es Susanne Roolf gehört. Einer der Quadfahrer habe einen Autofahrer um Hilfe gebeten, das Motorrad von der Straße zu schaffen. Seine Antwort: „Keine Zeit.“

Rotes Kreuz: Hemmschwelle, die 112 zu rufen, ist gesunken

Laut Christian Siekmann, Sprecher beim Roten Kreuz Rems-Murr, ist keine Tendenz zu erkennen, dass Menschen vor einigen Jahren noch eher geholfen hätten als heute. Allerdings wollen Bürger, so der Eindruck beim Roten Kreuz, „zunehmend auf Nummer sicher gehen. Die Hemmschwelle, die 112 zu rufen, ist daher gesunken. Wo man vor einigen Jahren bei eher harmlosen Fällen noch selbst angepackt und Erste Hilfe geleistet hätte, wird nun sofort ein Notruf abgesetzt – und dann mitunter lediglich gewartet.“

"Prüfen, rufen, drücken"

Im Fall der Fälle gilt laut Rotem Kreuz die Faustformel: „Prüfen, rufen, drücken.“ Das bedeutet, zuerst sei zu prüfen, ob der Patient atme und bei Bewusstsein sei. Dann folgt der Notruf – und falls nötig die Herzdruckmassage. In der Mitte des Brustkorbs muss dann mit beiden Händen kräftig fünf bis sechs Zentimeter tief gedrückt werden – auch auf die Gefahr hin, dass Rippen brechen können, erklärt Markus Frey. Ein bewusstloser Patient muss in die stabile Seitenlage gebracht werden, damit die Atemwege frei sind und ein Unfallopfer nicht an Erbrochenem oder an Blut erstickt. Bei starken Blutungen sollte ein Ersthelfer einen Druckverband anlegen, zur Not mit einem T-Shirt oder einem Handtuch.

Frey gegen Verpflichtung zur regelmäßigen Auffrischung der Erste-Hilfe-Kenntnisse

Wer mit diesen Dingen zuletzt vor 30 Jahren beim Erste-Hilfe-Kurs für die Führerscheinprüfung zu tun hatte, wird schaudern. „Eine regelmäßige Auffrischung der Erste-Hilfe-Kenntnisse ist natürlich sinnvoll“, so Markus Frey. „Und das unabhängig davon, ob Führerschein-Besitzer oder nicht, da ein Großteil der Notfälle im privaten, häuslichen Bereich auftritt.“ Dennoch spricht sich Frey dagegen aus, Bürger zur regelmäßigen Auffrischung ihrer Kenntnisse zu verpflichten. Das Rote Kreuz setzt darauf, dass Menschen von sich aus erkennen, wie wichtig das ist und im besten Fall alle zwei Jahre einen Kurs besuchen. Rettungsdienstleiter Marco Flittner: „Generell wäre es wünschenswert, dass die Menschen mehr Verantwortung für sich selbst und auch für ihre Mitmenschen übernehmen.“


Unterlassene Hilfeleistung

Immer wieder gibt es Fälle von unterlassener Hilfeleistung, bestätigt Markus Frey vom Roten Kreuz Rems-Murr. Andererseits absolvieren laut Frey immer mehr Menschen ehrenamtlich beim Roten Kreuz eine Ausbildung zum „Helfer vor Ort“. Das zeige, „dass die Hilfsbereitschaft groß ist“. Infos zu Erster Hilfe gibt es auf: www.drk-rems-murr.de/erste-hilfe

Der § 323c des Strafgesetzbuches befasst sich mit unterlassener Hilfeleistung: „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. Ebenso wird bestraft, wer in diesen Situationen eine Person behindert, die einem Dritten Hilfe leistet oder leisten will.“