Rems-Murr-Kreis

Ein Tag im Jobcenter Rems-Murr

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Das Jobcenter Rems-Murr mit Sitz in Waiblingen. © Laura Edenberger
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Jasmin Erol bereut mit einer Teilzeitstelle 130 junge Leute.
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Hiltrud Just an ihrem Arbeitsplatz im Glaskasten, dem Empfang des Jobcenters. © ALEXANDRA PALMIZI
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Katrin Becker vom IBA-Team schätzt ihre hoch motivierte Kundschaft. © ALEXANDRA PALMIZI

Waiblingen. Beim Jobcenter zu arbeiten, ist kein Zuckerschlecken. Thomas Kammerer nimmt’s mit Humor. Es gebe Berufe mit einem noch schlechteren Image, sagt der Leiter der Widerspruchsabteilung – seine Frau schaffe beim Finanzamt. Er lacht. Im Jobcenter prallen gesellschaftliche Gegensätze aufeinander. Ganz besonders „im Widerspruch“, wie die Abteilung intern genannt wird.

Einen Tag lang haben wir Mitarbeiter im Jobcenter in Waiblingen begleitet und ihnen über die Schultern geschaut, wenn sie mit „Kundinnen und Kunden“ gesprochen haben, wie Hartz IV-Empfänger offiziell genannt werden. Wir erlebten einen irakischen Ingenieur, dessen größte Sorge war, seinen Sprachkurs nicht abbrechen zu dürfen, wenn er einen Job gefunden hat. Wir hörten von Fällen, in denen Kunden wegen eines Kilometers bei der Fahrtabrechnung hin oder her mit dem Jobcenter in Clinch gehen. Und wir erlebten die Ratlosigkeit einer Beraterin, wenn eine Familie – Bedarfsgemeinschaft genannt –, es nicht einmal für nötig hält, ihren 15-jährigen Sprössling zum Termin beim Jobcenter zu begleiten. In dieser Reportage schauen wir auf das Jobcenter aus der Perspektive der Mitarbeiter – und nicht der Hartz IV-Empfänger.

Auf Hartz IV

18 000 Menschen im Kreis

Das Jobcenter betreut im Rems-Murr-Kreis rund 18 000 Menschen in fast 10 000 Bedarfsgemeinschaften. 8000 Menschen, die seit mehr als zwei Jahren ohne Arbeit sind oder als nicht erwerbsfähig gelten. Zu den Leistungsbeziehern zählen auch rund 5000 Kinder. Diese Zahl belege, dass Kinderarmut eine der zentralen Herausforderungen bleibt, sagte Jürgen Schwab, Geschäftsführer des Jobcenters, jüngst den Kreisräten in seiner Jahresbilanz im Sozialausschuss.

Die unter 25-Jährigen stehen beim Jobcenter unter besonderer Beobachtung. Im doppelten Sinn. Für sie gelten strengere Regeln – und ihnen wird eine höhere Aufmerksamkeit geschenkt. „Hartz IV“-Karrieren sollen unbedingt verhindert werden, sagt Gabriele Bellviure, die stellvertretende Leiterin des Jobcenters.

"Die Kunden haben sich verändert"

Jasmin Erol wartet in Zimmer 1.006 auf eine Kundin. Die junge Frau hat einen Meldetermin. Ob sie um 9 Uhr auftaucht, ist nicht sicher. Manchmal komme nur einer von zehn jungen Leuten, die einen Meldetermin haben. Die sind zwar verpflichtend, werden aber gern verpennt, vergessen und . . .  es gibt viele Gründe, nicht beim Jobcenter vorsprechen zu können – oder zu wollen. Kurz nach neun klopft es an der Tür. „Freut mich, dass Sie gekommen sind“, begrüßt Jasmin Erol die junge Frau. Sie war bis vor Kurzem in Therapie – und ist kein Fall mehr für U 25 und das Jobcenter Rems-Murr. Sie hat demnächst Geburtstag und ist zurück zu ihren Eltern gezogen. Ihre nächste Etappe auf ihrem Weg aus Sucht und Therapie ist ein freiwillig soziales Jahr. „Sie schafft das!“, sagt Jasmin Erol.

„Die Kunden haben sich verändert“, sagt die Beraterin im Rückblick auf mehr als zehn Jahre, in denen sie das U 25-Klientel betreut. „Die Arbeit wird beratungsintensiver.“ Immer mehr junge Leute weisen psychische Probleme auf. Sie hat es immer öfters mit Krankheit, Kriminalität und Drogen zu tun. An Schule, Ausbildung oder Arbeit ist nicht zu denken, um die Jugendlichen und jungen Erwachsenen von einer Hartz IV-Karriere abzubringen. Es geht um Hilfe, Beratung, Therapie. Aber: „Wenn die Kunden nicht wollen, geht nichts“, weiß Jasmin Erol, die mit ihrer Teilzeitstelle rund 130 Kunden zu betreuen hat. Manche sieht sie einmal im Monat, andere nur einmal im halben Jahr. „Wenn ein 15-Jähriger alleine kommt, dann weiß ich schon alles.“ Auf seine Familie ist kein Verlass.

Fallmanagerin: Frau für harte Fälle

Ihre Kollegin Alexandra Wagner-Röhrig ist Fallmanagerin und die Frau für harte Fälle. Sie betreut 70, 80 junge Leute. Nur 70, 80, die die Schule schwänzen oder vernachlässigt werden, psychische Probleme haben, in familiären Schwierigkeiten oder tief in Schulden stecken. Das Jobcenter könne die jungen Leute nur unterstützen, Beratungen vermitteln und Maßnahmen anbieten. „Man braucht einen langen Atem“, sagt die Fallmanagerin. „Wir rechnen in Jahren“, sagt Jasmin Erol und erinnert sich gern an einen Kunden, dem sie einen Ein-Euro-Job vermittelte: Er machte eine geförderte Ausbildung und brachte es zum Filialleiter eines Supermarktes.

Vollbeschäftigung?

Arbeitslosenquote 3,0 Prozent

Im Kreis galten im November rund 6700 Menschen als arbeitslos, zehn Prozent weniger als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote im Kreis beträgt 3,0 Prozent, was manche Ökonomen und Politiker schon für „Vollbeschäftigung“ halten. Vor dem Hintergrund der vielen Probleme, mit denen sich aber die Kunden des Jobcenters herumschlagen, wird klar, dass von den 18 000 Menschen beim Jobcenter nur die wenigsten als arbeitslos gelten: rund 3700. Auch deren Zahl geht zurück. Dank guter wirtschaftlicher Lage und einer „gelingenden Integrationsarbeit auf einem guten Arbeitsmarkt“, so Jürgen Schwab.

An der "Informationstheke" geht es Schlag auf Schlag

Das Jobcenter beschäftigt in Waiblingen, Backnang und Schorndorf rund 260 Mitarbeiter. Kerstin Greco und Hiltrud Just sind zwei von ihnen. Sie sitzen im Glashaus und haben einen der härtesten Jobs hier. „Informationstheke“ nennt sich der zugige Kasten in der Eingangshalle, in der an diesem Donnerstagmittag zudem Bohr- und Schleifmaschinen dröhnen. Ihre Aufgabe ist es, die Besucherströme zu lenken. Kurz vor Mittag ist es ruhig. Aus Sicht von Kerstin Greco und Hiltrud Just. Sie sind mehr Trubel gewohnt, nehmen Anträge entgegen, weisen Kunden auf fehlende Unterlagen hin, vermitteln sie an einen Berater oder Mitarbeiter in der Leistungsabteilung. Es geht Schlag auf Schlag. „Hallo“, sagt der junge Mann, „ich will Urlaub beantragen.“ Hiltrud Just nimmt den Ausweis, fragt den Urlaubswunsch ab, tippt den Kontakt in den Computer und gibt dem jungen Mann eine Nummer: „Rechte Tür, die Kollegin ruft Sie auf!“

Im Glaskasten: Das ist keine Arbeit, die man Tag für Tag, Woche für Woche machen kann. Elf Kollegen der Abteilung wechseln sich ab. An normalen Tagen schauen 80, 90 Leute im Jobcenter vorbei. Am Empfang lassen einige erstmal Dampf ab, werden laut. Die Mitarbeiter sind geschult, solche Situationen zu deeskalieren. Und gut ist es auch, wenn man sich mit Händen und Füßen verständigen kann und die Geduld mitbringt, mit Menschen zu kommunizieren, die kaum Deutsch sprechen.

In der Leistungsabteilung geht es "ums Eingemachte"

„Bei uns geht’s um die Wurst“, sagt Gabriele Hofferbert: „Ums Eingemachte.“ Nämlich um Geld. Sie arbeitet in der Leistungsabteilung. Bevor sie den nächsten Kunden aufruft, verschafft sie sich im Computer einen kurzen Überblick über den Fall. „Nummer 147, bitte!“ hallt es überraschend laut durch den Flur. Eine junge Geflüchtete gibt ihren Arbeitsvertrag ab. Sie hat zum Monatsanfang einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma bekommen. Ihr Hartz IV-Bezug wird gestrichen. Am Monatsende steht die junge Frau vor der prekären Situation, dass sie mit ihrem ersten Lohn Hartz IV zurückzahlen muss, das schon zu Beginn des Monats überwiesen worden war.

„Nummer 128“ ruft Gabriele Hofferbert den nächsten Fall auf. Ein Neuantrag. Sie schaut die Unterlagen durch – und würde am liebsten die Kreuzchen setzen und fehlende Zeilen ausfüllen. Ganz offensichtlich ist der Mann mit dem Bürokratendeutsch völlig überfordert. „Ich darf es aus rechtlichen Gründen nicht“, rechtfertigt sich die Sachbearbeiterin später dem Journalisten gegenüber. Die Formulare sind zwar einfacher geworden, aber immer noch komplex, zumal bei den Kunden des Jobcenters der Ausländeranteil hoch ist und mit den Flüchtlingen weiter wächst. Zur Tortur wird der Papierkram bei Familien mit vielen Kindern; pardon: bei Bedarfsgemeinschaften mit vielen Mitgliedern. Was man für den Job mitbringen müsse, fragen wir Gabriele Hofferbert, die seit 2011 in der Leistungsabteilung arbeitet. Sie zögert nicht lange: „Vor allem Geduld.“

Widerspruch

Bei jedem zehnten Bescheid

Ihre Geduld verloren haben oft die Kunden von Thomas Kammerer und seinen neun Mitarbeitern „im Widerspruch“. Über mehr als 2300 Widersprüche wird diese Abteilung des Jobcenters bis Jahreswende entschieden haben. Jeden zehnten Bescheid beanstanden die Kunden, in jedem dritten Fall gibt ihnen Kammerer recht. Am Ende des Hin und Hers landen 2018 dennoch etwa 300 Widersprüche vor dem Sozialgericht. 2017 waren es sogar noch 400.

„Hartz IV“ riss Gräben in der Gesellschaft auf

Thomas Kammerer ist ein alter Hase im Jobcenter und war 2005 bei dessen Gründung dabei, als er vom Arbeitsamt in die damalige Arge delegiert wurde. Nach dem Motto der Agenda 2010 „Fordern und Fördern“ wurde die Arbeitslosenhilfe der Agentur für Arbeit mit der Sozialhilfe der Kommunen zusammengeführt. „Hartz IV“ riss Gräben in der Gesellschaft auf. Das Jobcenter, wie sich die Arge seit 2010 nannte, wurde zum Feindbild all derer, die sich ganz unten angekommen wähnten. Bis heute ist es Endstation für die meisten, die über 50 sind, gesundheitlich angeschlagen und ohne Ausbildung. Bei ihnen geht es um jeden Euro, um jeden Cent.

Kammerer: "Ist es denn so schwierig, alle paar Monate zu uns zu kommen?"

Hartz IV ist ein bürokratisches Monster. Jahr für Jahr gibt es Änderungen. Thomas Kammerers Abteilung muss die Versuche ausbügeln, es allem und jedem gerecht machen zu wollen, jede Lebenslage abzudecken. „Der Gesetzgeber ist selbst schuld“, sagt der Abteilungsleiter, warum sich die Hälfte der Mitarbeiter mit Leistungsbescheiden herumplagt. Pauschalen wären einfacher. Stattdessen wird jeder einzelne Mietvertrag beäugt, ob die Miete im Rahmen der erlaubten Obergrenzen ist. Die sind in Waiblingen höher als in Alfdorf, aber die Realität auf dem Wohnungsmarkt mit den rapide steigenden Mieten spiegeln sie nicht.

Die Sanktionen bei Hartz IV ganz abzuschaffen, wie es neuerdings nicht nur die Linke, sondern auch deren Erfinder SPD und Grüne fordern, kann sich Kammerer nicht vorstellen. Die Sanktionsquote des Jobcenters lag 2017 bei 4,4 Prozent. Überwiegend gehe es um Meldeversäumnisse, die mit dreimonatigen Leistungskürzungen von zehn Prozent bestraft werden können. „Ist es denn so schwierig, alle paar Monate zu uns zu kommen?“

IBA - Integration, Beratung, Arbeit und Ausbildung

Herr S. (Name geändert) ist pünktlich wie ein Maurer. Kein Wunder. Er war in seiner Heimat Bauingenieur, bevor er 2016 nach Deutschland flüchtete. Katrin Becker hatte ihn einbestellt, weil er seine Fortbildung bei der Ingenieurkammer „Systematik des deutschen Bauwesens“ beendet hat und dringend die Sprachprüfung B2 nachholen muss. Die Sprache ist bei Geflüchteten das A & O für die Integration. Die Vermittlerin gehört zum IBA-Team. IBA steht für Integration, Beratung, Arbeit und Ausbildung – und bei Katrin Becker auch für ausgesprochen motivierte Kunden, egal ob es ein Ungelernter ist, der in seiner Heimat noch nie eine Schule von innen gesehen hat, oder ein Apotheker, Arzt oder Ingenieur wie Herr S., der es nicht erwarten kann, endlich eine Arbeitsstelle zu finden.

Hoch motiviert

3100 Geflüchtete

3100 Geflüchtete betreut das IBA-Team aktuell. Zwei Drittel von ihnen stammen aus Syrien. 62 Prozent sind männlich. Ein Drittel der IBA-Kunden ist unter 25, ein weiteres zwischen 25 und 34.

Katrin Becker geht mit Herrn S. zunächst Bewerbungen durch und vermittelt ihm am Telefon einen B2-Sprachkurs, der bereits gestartet ist. S. würde lieber gleich den C1-Kurs besuchen, da er durch die Prüfung nur krankheitsbedingt durchgefallen sei und keine Lust hat, mit Schülern einen Unterricht zu wiederholen, die nur radebrechend deutsch sprächen. An seine Vermittlerin stellt er wiederholt die Frage: „Kann ich den Sprachkurs abbrechen, wenn ich eine Stelle finde?“ Sie beruhigt ihn: Ja, natürlich. Und kann ich auch in einem anderen Bundesland arbeiten? Selbstverständlich.

Seit 2016 haben über 600 Geflüchtete einen Job gefunden

Herr S. gehört zu den zwei Drittel der IBA-Kunden, denen Jobcenter-Geschäftsführer Schwab eine Ausbildung oder Teilqualifikation zutraut. Voraussetzungen sind gute Sprachkenntnisse, vor allem aber Praktika, bei denen die künftigen Arbeitgeber ihre Mitarbeiter kennenlernen können. Seit 2016, dem Start des IBA-Teams, haben über 600 Geflüchtete einen Job gefunden und über 200 eine Ausbildung begonnen.

Kein Zuckerschlecken

Evelyn Bretzler gehört dem Arbeitgeberteam an. Für einen Journalisten ist ihr Aufgabengebiet reichlich unspektakulär. Abrechnungen. Doch sie erzählt uns die Schlussanekdote, als wir sie fragen, wie sie damit umgehe, beim schlecht beleumundeten Jobcenter zu arbeiten. Sie lacht und erzählt uns vom zufälligen Treffen mit einer einstigen Mitschülerin, die fragte, was sie denn nun beruflich so mache. „Ich bin beim Jobcenter“, antwortete Bretzler. „Ich auch!“, sagte die Bekannte – und legte mit einer Schimpfkanonade übers Jobcenter los, die es in sich hatte. Zwei Seiten ein und der selben Medaille. Ohne Humor scheint es also wirklich kein Zuckerschlecken zu sein, beim Jobcenter zu arbeiten.


1,06 Euro für Bildung

Zum 1. Januar 2019 werden die Hartz IV- Regelsätze angehoben. Für Alleinstehende steigt der Regelsatz um acht Euro auf 424 Euro, das entspricht einer Erhöhung um zwei Prozent. Entsprechend steigen die Beträge für Partner in der Bedarfsgemeinschaft auf 382 Euro. Kinder erhalten zwischen 245 und 339 Euro. Zu den Beträgen des Regelsatzes werden zudem die Kosten für Unterkunft und Heizung für angemessenen Wohnraum erstattet. Allerdings nur bis zu einer Mietobergrenze, die von Wohnort zu Wohnort variiert.

Alleinerziehenden, Schwangeren sowie Behinderten oder bei kostenaufwendiger Ernährung stehen zusätzlich pauschalisierte Mehrbedarfe zur Verfügung.

Dem Regelsatz liegen folgende Ausgaben im Monat zugrunde (2018): 145,04 Euro für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke; 39,91 Euro für Freizeit, Unterhaltung, Kultur; 37,20 Euro für Nachrichten; 14,89 Euro für Wohnen, Energie und Renovierungen; 36,45 Euro für Bekleidung und Schuhe, 34,66 Euro für Verkehr . . . Die Bildung von Hartz IV-Empfängern ist dem Gesetzgeber übrigens 1,06 Euro wert.