Rems-Murr-Kreis

Ex-Prostituierte berichtet über ihre Vergangenheit

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Symbolbild. © Alexander Roth

Waiblingen. Als „entwürdigend“ empfand Marie Merklinger ihre Zeit als Prostituierte. „Verdammt, das ist doch kein Beruf“, sagt die Remstälerin heute und bezeichnet sich selbst als „Überlebende“. Sie engagiert sich für ein Sexkaufverbot und Strafen für Freier. Ihre schärfsten Gegnerinnen: frühere Kolleginnen.

Sie war bereits über 40, als sie anfing, Sex für Geld anzubieten. Als Alleinerziehende fasste sie beruflich nicht so richtig Fuß, musste jeden Cent umdrehen. „Irgendwann stand mir das Wasser bis zum Hals. Ich kam nicht raus aus dem Jammertal“, erzählt die Remstälerin heute, mehr als zehn Jahre nach ihrer Zeit in diesem Gewerbe. Ob sie’s bereut?

Nicht in Sexualität integrierbar

„Bereuen ist immer schlecht“, sagt sie. Doch hat sich ihre Meinung über das Gewerbe gründlich geändert, seit sie es selbst ausgeübt hat. „Ich dachte damals, ich kann es in meine Sexualität integrieren“, sagt Marie Merklinger – und weiß heute: „Das ist ein totaler Blödsinn.“ Ein Freier besitzt Macht, und Prostitution, „das ist Missbrauch“.

Pseudonym zum eigenen Schutz zugelegt

In Talkshows sagt sie das, bei Vorträgen im In- und Ausland, in Parlamenten, in Internetforen. Dort trifft sie auf viel Zuspruch – aber auch auf Frauen, die ihre Glaubwürdigkeit anzweifeln, und auf Verbände von Sexarbeiterinnen, die das Gewerbe mit Klauen und Zähnen verteidigen. Ihretwegen hat sich Marie Merklinger ein Pseudonym zugelegt, sagt sie: In der Branche geht man nicht zimperlich um mit Aussteigerinnen, mit Nestbeschmutzerinnen, die den Ex-Kolleginnen das Geschäft verderben wollen.

Marie Merklinger zuzuhören, das ist höchst interessant. Als Frau will man’s, ganz ehrlich gesagt, wissen, wie das ist: Sex für Geld.

„Man versucht abzuschalten wie beim Zahnarzt“

„Man versucht abzuschalten wie beim Zahnarzt. Man beamt sich weg.“ Während sie als Prostituierte ihre Show abzog und ihm vorspielte, er sei der bemerkenswerteste Hecht im Karpfenteich, weil er das hören und spüren und gespiegelt haben möchte – währenddessen ließ sie Grenzüberschreitungen zu, deren Spuren keine Dusche entfernen kann.

Gerüche der Männer nicht mehr wahrgenommen

Lange Zeit drangen Gerüche nicht mehr zu ihr durch, erzählt die 54-Jährige – auch die schönen Düfte nicht. Sie konnte die Gerüche der Männer nicht mehr ertragen, also nahm sie sie nicht mehr wahr.

Auszüge aus Foren der Freier veröffentlicht Merklinger in einem Blog

Marie Merklinger erzählt nicht viel Intimes. Geht auch keinen was an. Oft hatte sie Angst; „du bist, egal wo, mit dem Mann allein.“ Einer schlug ihr zur Begrüßung links und rechts eine runter.

Die Foren der Freier sind frei zugänglich. Marie Merklinger sammelt, was sie schreiben, und veröffentlicht Auszüge in einem Blog.

Nach zwei Minuten Lesen spürt man Würgereiz.

Zweieinhalb Jahre lang durchgehalten

„Ich hab mir das damals schöngeredet“, erzählt Marie Merklinger. Zweieinhalb Jahre lang hielt sie durch – eine vergleichsweise kurze Zeit, obwohl sie unter Bedingungen arbeitete, von denen vermutlich der Großteil der Frauen in diesem Gewerbe nur träumen kann. Sie betrieb Prostitution als Ich-AG, ohne einen Abkassierer im Rücken, selbstbestimmt, freiwillig. Trotzdem musste sie aufhören damit. Sie wäre sonst zugrunde gegangen.

Engagement für ein Sexkaufverbot

„Wenn es eine gestandene Frau wie mich schon so trifft – was ist dann erst mit den jungen Mädchen, die gezwungen werden?“, fragt sie sich. Das ist einer der Gründe, weshalb sie sich seit langem für ein Sexkaufverbot nach schwedischem Vorbild einsetzt. In Schweden ist Prostitution verboten. Der Staat ahndet Verstöße – und lässt die Frauen unbehelligt. Bestraft werden die Freier.

Rotlichtmilieu als Wirtschaftszweig fest etabliert

Marie Merklinger weiß natürlich, dass in Deutschland solch ein Modell praktisch keine Chance hat. Es geht ums Geld, und das Rotlichtmilieu hat sich als Wirtschaftszweig mit Milliardenumsätzen fest etabliert: „Der Staat verdient damit richtig Geld. Das bringt Steuereinnahmen.“

Die Frauen kommen hauptsächlich aus Rumänien

Auch im Rems-Murr-Kreis floriert das Gewerbe. Beim Landratsamt geht man davon aus, dass deutlich mehr als 150 Prostituierte im Kreis Männern zu Diensten sind. „Der Wechsel bei den Frauen in den Laufhäusern und Bordellen ist groß. In der Regel kommen die Frauen nur für ein paar Wochen zum Arbeiten nach Deutschland und leben dann wieder für einige Monate im Heimatland“, so eine Sprecherin des Landratsamts. Die Frauen kommen hauptsächlich aus Rumänien, aus Bulgarien und Ungarn.

Forderung nach konkreten Hilfen

Es gibt keine eigene Anlaufstelle für Prostitutierte im Rems-Murr-Kreis. Das muss sich unbedingt ändern, findet Marie Merklinger. Gesundheits- und Sozialberatung allein reicht aus ihrer Sicht nicht aus. Es brauche konkrete Hilfen, etwa Schutzwohnungen für Aussteigerinnen, weil ein Neustart nicht gelingt, wenn die Frauen nicht wissen, wohin.

„Ich denke nicht, dass Männer, die Frauen kaufen, Frauen achten“

Die 54-Jährige hat in Sachen Anlaufstelle für Prostituierte bereits einige Leute angesprochen, es gab einen Termin beim Gesundheitsamt, sie trifft sich regelmäßig mit anderen Aktivistinnen, hat bereits Zusagen von Frauen, die ehrenamtlich in solch einer Anlaufstelle arbeiten würden: Es braucht einen langen Atem für solch ein Projekt. „Ich bin eine supergute Netzwerkerin“, sagt die 54-Jährige, und es klingt überhaupt nicht trotzig – eher entschlossen. Ihr geht es nicht zuletzt ums Frauenbild, das eine Gesellschaft vermittelt, die es für völlig in Ordnung hält, dass Frauen käuflich sind.

„Ich denke nicht, dass Männer, die Frauen kaufen, Frauen achten“, gibt Marie Merklinger zu bedenken. Sie hatte es in ihrer aktiven Zeit mit Freiern aus allen Milieus zu tun. 18- bis 85-Jährige, Bankangestellte, Richter, Sachbearbeiter, Wissenschaftler, Autoverkäufer, Polizisten – Männer aus sämtlichen Berufs- und Altersgruppen sind in Bordellen anzutreffen, versichert Marie Merklinger: „Machen Sie sich da mal keine Illusionen. Das ist hier legal.“


Sieben Bordelle

Offiziell gibt es im Rems-Murr-Kreis sieben Bordelle. Diese Zahl bestätigt das Landratsamt. Demnäch dürften deutlich mehr als 150 Prostituierte im Kreis arbeiten. Die Behörden gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.