Rems-Murr-Kreis

Fünf vor zwölf: Silvester im Pflegehaus

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Lucie Kasischke-Kämmler, die im Alexander-Stift in Weissach lebt, hofft noch auf Glück im neuen Jahr. Altenpflegerin Martina Jeschioro dagegen fürchtet: Es ist fünf vor zwölf. Das Neujahrs-Glücksschwein in ihrer Hand ist daher auch sicher ganz schön sauer. © Alexandra Palmizi / ZVW

Urbach/Weissach im Tal. Im Gemeindepflegehaus in Unterweissach ist die Stimmung gut. Beim Basteln, Singen, Spielen und Rätseln erleben die Bewohner in geselliger Runde den Jahreswechsel. Es gibt feines Essen, Tischfeuerwerke, ein Mini-Feuerwerk auf der Straße und für jeden ein Glas Sekt. Viele bleiben wach bis Mitternacht.

Auf ihren Kopfschmuck wird die Betreuungskraft Martina Jeschioro von vielen Seiten angesprochen. Einen passenderen hätte sie für den Silvestertag kaum auswählen können: Die zwei Papieruhren auf ihrem Kopf zeigen fünf vor zwölf an. Die Bewohner im Aufenthaltsraum müssen sich noch etwas gedulden bis zum Jahreswechsel und vertreiben sich vergnüglich die Zeit.

Das Ehepaar Safrany guckt sich das Feuerwerk an

Für Theresia und Stefan Safrany ist es keine Frage, dass sie bis null Uhr aufbleiben. „Das Feuerwerk schauen wir schon an“, sagen die beiden Senioren in rührender Einigkeit. „Früher sind wir gern tanzen gegangen, später haben wir Freunde eingeladen und Karten gespielt“, erinnern sich die 90-Jährige und ihr sechs Jahre älterer Mann an frühere Silvester. „Gute Freunde zu haben, war für uns immer wichtig.“ Sie sind seit 34 Jahren verheiratet und fühlen sich wohl in der Gemeinschaft. „Anfangs gab es nur zwei einzelne Zimmer, seit einigen Monaten haben wir ein Doppelzimmer, das ist besser“, sagt sie.

Im Alter ins Heim - viele schrecken davor zurück. Nach einer Eingewöhnungszeit erlebt das Pflegepersonal häufig einen Wandel. „Bei den meisten stellt sich ein zufriedenes Gefühl ein“, sagt Heimleiter Arne Vogel. Die Menschen erfahren Sicherheit und haben eine feste Struktur. Teilhaben zu können trage dazu bei, dass die Bewohner zufrieden sind und Geborgenheit spüren. Feste wie die Silvesterfeier runden das Zusammensein ab - für Bewohner und Personal.

Eine kleine Feier hat das Personal organisiert, mit Tischfeuerwerk und Konfetti sowie einem Feuerwerk vor dem Haus, aber ohne Raketen und Böller. Ein paar Vulkane sprühen und bringen Farbe vor die Fensterscheibe. „Weil nicht alle so lange wachbleiben können, fangen wir etwas früher mit der Knallerei an“, sagt Martina Jeschiro. Beim Sprechen und Lachen wippen und wackeln die Uhren auf ihrem Kopf.

Alle Mitarbeiter haben sich für Silvester Gags ausgedacht, die Tische sind mit Glückscents und Schornsteinfegern aus Papier dekoriert. Die Bewohner kommen mit dem Nachbar ins Gespräch. „Hier geht es den ganzen Tag rund“, sagt Bewohnerin Lucie Kasischke-Kämmler. Sie ist im Kopf topfit, ihre Augen leuchten, die Backen zeigen kleine Grübchen vom Lachen. Seit zehn Jahren lebe sie hier, viele Menschen habe sie kennengelernt, denen sie sonst nie begegnet wäre. „Ich mag es, wenn die Menschen erzählen und singen, weil ich es nie hatte.“ Die aus Bessarabien stammende Seniorin hat eine Umsiedelung und den Krieg erlebt. Dass es an Silvester fröhlich zugeht, habe sie erst hier im Heim richtig mitbekommen.

Lore Merz hat vor fünf Jahren ihr Haus in Ebersberg aufgegeben und ist ins Heim gezogen. Ihr Sohn war am Silvestermorgen zu Besuch, den Nachmittag verbringt sie in Gemeinschaft, abends will sie früh zu Bett gehen. „Ich schaue lieber meine Orchidee im Zimmer an als das Feuerwerk“, meint die herzliche zierliche Dame. Sie habe lange gebraucht, den Tod ihres Sohnes zu verkraften. „Inzwischen bin ich wieder die Alte“, sagt sie. Silvester sei ein Tag, den die Bewohner mit sehr unterschiedlichen Gefühlen und Erinnerungen verbinden, erzählt Heimleiter Arne Vogel. Alle Bewohner haben Pflegebedarf, nicht jeder verbringt den Jahreswechsel mit glücklichen Gefühlen. Die einen drückt die Traurigkeit, weil die Familie weit entfernt wohnt und Erwartungen enttäuscht werden. Die Ungewissheit, wie es im neuen Jahr gesundheitlich weitergeht, verändert die Gefühlslage. Anderen dient die besinnliche Zeit als Abwechslung, die blicken zuversichtlich ins neue Jahr.

Ein Buffet mit Speisen, die es sonst nicht gibt

Die Bewohner merken schon am Essen, dass ein spezieller Tag ist. „Wir tischen ein Buffet auf mit Speisen, die es sonst nicht gibt“, sagt Vogel. „Es werden andere Lieder gesungen und Gebete gesprochen, die Atmosphäre im Haus ist anders als sonst, feierlich, familiärer“, so der Heimleiter. „Wir nehmen uns die Zeit heute speziell, es gibt nicht das normale Programm wie sonst“, sagt Martina Jeschioro. Keine Spur von Reue darüber, dass sie arbeiten muss, während andere feiern. Lächelnd verteilt sie ein Tablett mit Zitronen, Lorbeerblättern, Zahnstochern und Nelken auf dem Tisch. Daraus basteln die Bewohner Glücksschweinchen. „Und natürlich trinken wir alle ein Glas Sekt!“