Rems-Murr-Kreis

Fahrverbote: P+R-Plätze reichen nicht

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Im Rems-Murr-Kreis gibt es zu wenig P+R-Plätze. © Laura Edenberger
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Jochen Haußmann. © Gabriel Habermann

Schorndorf. Wohin mit dem alten Diesel, wenn am 1. Januar 2019 die Schranken an der Stuttgarter Stadtgrenze fallen? Naheliegend wäre, das Auto an einem S-Bahnhof stehen zu lassen und mit dem Zug in die Landeshauptstadt zu pendeln. Doch die meisten der 4380 P+R-Plätze im Rems-Murr-Kreis sind schon heute voll belegt. Aussichten auf Besserung? Keine. Das hat eine Kleine Anfrage des FDP-Landtagsabgeordneten Jochen Haußmann ergeben.


Die Uhr tickt. Vom 1. Januar 2019 gelten in Stuttgart Fahrverbote für Diesel-Pkw der Schadstoffklassen 1 bis 4. Diesel 5 haben noch eine Schonfrist bis 2020, sofern sich die schlechte Luft über dem Stuttgarter Kessel nicht verzieht. Zehntausende Rems-Murr-Bürger pendeln jeden Tag nach Stuttgart. Die meisten mit dem eigenen Auto. Ab 1. Januar dürfen mehr als 30 000 Autos mit WN- oder BK-Kennzeichen (Schadstoffklasse 1-4) nicht mehr nach Stuttgart. Über weiteren 28 000 Diesel der Schadstoffklasse 5 hängt das Damoklesschwert der Fahrverbote ab 2020.

Jochen Haußmann, der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Landtag und Regionalrat, hat die Fahrverbote zum Anlass für eine Kleine Anfrage im Landtag genommen. Die Antworten des Verkehrsministeriums sind ernüchternd und bestätigen die Erfahrungen der P+R-Nutzer. Die meisten Anlagen sind in der nachfragestärksten Zeit von Dienstag bis Donnerstag an Vormittagen voll ausgelastet. Kein Trost ist: „Außerhalb dieser Zeiten sind an allen Anlagen freie Stellplätze verfügbar.“

Haußmann: „Mit den Fahrverboten wird der Druck noch wachsen“

„Die Park-and-ride-Plätze sind jetzt schon übervoll, und mit den Fahrverboten zum Jahreswechsel wird der Druck noch wachsen“, so Haußmann. Er fordert, dass Land und die Region Stuttgart in den Ausbau der P+R-Anlagen im Kreis investieren, „um schnell zusätzliche Plätze zu schaffen“. Eine abgestimmte Strategie erfordere eine Bedarfsanalyse mit anschließenden Verbesserungsmaßnahmen: „Dabei muss das Land den Verband Region Stuttgart finanziell unterstützen, beispielsweise mit einem Impulsprogramm.“ Das baden-württembergische Verkehrsministerium hatte in seiner Antwort klargestellt, dass es kein Geld vom Land für P+R-Plätze gibt. Das Land gebe aber pro Jahr zehn Millionen Euro für Luftreinhalte-Maßnahme im Verkehr aus.

P+R-Anlagen sind und bleiben Sache der Städte und Gemeinden. Die Kommunen wollten die Anlagen „weiterhin in eigener Regie führen“, beantwortet das Verkehrsministerium die Frage, wer bei P+R-Anlagen künftig das Sagen haben soll. Der Verband Region Stuttgart fördert neuerdings den Ausbau von Anlagen und gibt den Kommunen Einnahmegarantien, um ihnen neue Anlagen schmackhaft zu machen.

Kritik an der Preispolitik

Die Absicht der Region, eines Tages alle P+R-Anlagen unter einen Hut zu bekommen, wird wohl ein Wunsch bleiben. Betrieben werden die Anlagen außer von den Kommunen vielfach von der Deutschen Bahn. In Plochingen hat sich die DB Station&Service kürzlich den Unmut der Region zugezogen, weil sie ausgerechnet jetzt, in Zeiten der Fahrverbote und der VVS-Tarifreform, die Gebühren erhöht und abkassiert. Teuer ist Park-and-ride vor allem in Tiefgaragen und Parkhäusern, wie in Backnang (200 Euro im Jahr) oder Fellbach (204 Euro), aber auch auf einem Parkplatz in Rommelshausen (240 Euro). Meist beträgt die Jahresgebühr um die 100 Euro, viele Parkplätze sind jedoch kostenlos.

Kritisch sieht Haußmann nicht nur die geringe Zahl der P+R-Plätze, sondern auch die Gebühren, die teilweise erhoben werden: „Die unterschiedlichen Parkgebühren und die Zonentarife im VVS sorgen für zusätzliche Verschiebungen in der Nutzung.“ Für ihn ist die logische Schlussfolgerung: „Wir brauchen dringend ein Konzept für die P+R-Anlagen. Die Gebühren müssen logisch aufeinander abgestimmt sein.“ Demnach dürfte beispielsweise ein Stellplatz in Rommelshausen nicht teurer sein als einer in Waiblingen, der näher an Stuttgart liegt.

Verknüpfung von VVS-Abo und P+R-Stellplatz

Der Druck auf die P+R-Anlagen wird mit den Fahrverboten zunehmen, ist sich Haußmann sicher und weist auf ein spezielles Problem von P+R-Anlagen hin, die knapp hinter der Stadtgrenze wie am S-Bahn-Halt Sommerrain liegen. Mit der VVS-Tarifreform gilt für Stuttgart-Pendler ab Fellbach nämlich der attraktive Ein-Zonen-Tarif, was natürlich Parkplätze in Fellbach noch begehrter macht. Mit seiner Weigerung, für solche Anlagen Ausnahmen zuzulassen, verärgere Verkehrsminister Hermann nicht nur die CDU, sondern er helfe damit auch nicht der Umwelt und den Pendlern, die bereit zum Umstieg wären. „Das hat nichts mehr mit der Einhaltung von Grenzwerten zu tun, das ist reine Schikane“, so Haußmann.

Für begrüßenswert hält Haußmann die Überlegungen des Verbands Region Stuttgart hinsichtlich Innovationen für die Zukunft. So sei auch die Verknüpfung zwischen Fahrkarte beziehungsweise VVS-Abo und P+R-Stellplatz zu regeln. Darunter fallen für Jochen Haußmann neue Fahrkartenmodelle. Das Verkehrsministerium verweist auch darauf: „Der VRS hat im Rahmen eines interkommunalen Förderantrags im Fonds für nachhaltige Mobilität Mittel zur Weiterentwicklung des Angebots „Parkschein = Fahrschein“ beantragt.“ Dies wird beispielsweise schon in Stuttgart-Österfeld genutzt. Auch die polygoCard als Zugangsmedium zu P+R-Parkplätzen solle ausgeweitet werden. „Aber das funktioniert nur bei genügend Parkplätzen.“


4380 P+R-Parkplätze

Im Rems-Murr-Kreis gibt mehr als 60 P+R-Anlagen mit insgesamt 4380 Parkmöglichkeiten in Bahnhofsnähe. Von kleinen Anlagen mit sieben Plätzen in Plüderhausen bis hin zu Parkhäusern wie in Waiblingen mit 327 Plätzen.

Das P+R-Angebot rund um den Waiblinger Bahnhof soll bis 2021 von 568 auf über 800 Stellplätze erweitert werden. Bis auf P+R-Anlagen in Backnang und Maubach, für die Entwurfsplanungen vorliegen, gibt es keine Pläne, die Kapazitäten zu vergrößern.

Die Tagesgebühr auf P+R-Anlagen beträgt bis zu zwei Euro. Im Monat werden bis zu 20 Euro verlangt, im Jahr bis zu 240 Euro. Überwiegend liegen die Monatsgebühren bei zehn bis 15 Euro und die Jahresgebühr bei 80 bis 120 Euro.

Wie viel Plätze eine P+R-Anlage hat, wie stark sie frequentiert ist und wie hoch die Parkgebühren sind, kann im Internet nachgeschaut werden: www.vvs.de/rundum-mobil/unterwegs/park-ride/. Der Verkehrsverbund Stuttgart listet sämtliche P+R-Anlagen unterteilt nach Kreisen auf.

Laut Verkehrsministerium hat eine Untersuchung im Jahr 2015 ergeben, „dass die Anlagen in Backnang, Beutelsbach, Grunbach, Plüderhausen, Schorndorf, Schwaikheim, Stetten-Beinstein, Waiblingen, Winnenden und Winterbach während der nachfragestärksten Zeit von Dienstag bis Donnerstag an Vormittagen voll ausgelastet sind. Außerhalb dieser Zeiten sind an allen Anlagen freie Stellplätze verfügbar.“