Rems-Murr-Kreis

Feiern oder nicht?

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Ein Strauß voller Herzen zum Muttertag - zum Ärger von Redakteur Martin Winterlingur, zur Freude von Redakteurin Barbara Pienek. © Pixabay/Montage Mogck
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Redakteur Martin Winterling kann Muttertag nicht ausstehen.
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Redakteurin Barbara Pienek liebt Muttertag.

Muttertag. Für den einen absolut kein Grund zum Feiern, für die andere ein Tag, an dem sie sich herzlich gerne beschenken lässt. Am Muttertag scheiden sich die Geister - auch in unserer Redaktion.

Martin Winterling, Leiter der Kreisredaktion, war der Muttertag schon als Kind höchst zuwider. Barbara Pienek aus der Redaktion Schorndorf liebt es, wenn sie am zweiten Sonntag im Mai von ihrer Tochter mit etwas Gebasteltem beschenkt wird und einen Strauß selbstgepflückter Blumen bekommt.

Überraschung! Muttertag!

Muttertag ist wie Weihnachten. Am zweiten Sonntag im Mai kommt der Ehrentag für Mutti doch wieder völlig überraschend. Vielleicht ist es die pure Verdrängung. Schon in meinen frühsten Jahren war mir Muttertag höchst zuwider. Ich fand es verlogen, nur weil Muttertag war, lieb' Kind spielen zu müssen, lustlos ein Frühstück herzurichten, im Kindergarten Geschenke zu basteln oder in aller Früh im Garten noch ein paar Blümle für Mutti rauszurupfen.

Von den Nazis missbraucht

Als Jugendlicher wusste ich endlich warum. Weshalb mir dieser Mai-Sonntag so auf den Zeiger geht. Die Nazis hatten Muttertag für ihre Zwecke übelst missbraucht. Sie betrachteten Frauen als Gebärmaschinen, die dem deutschen Volke viele rassereinen Soldaten schenken sollten. Belohnt wurden sie mit einem Muttergedenktag und – bei besonderem Gebärfleiß – mit schäbigen Mutterkreuzen.

Der Muttertag ist historisch beschmutzt. Dass der Tag nicht mit dem Nazi den Heldinnentod gestorben ist, ist vermutlich der Blumenindustrie zu verdanken. Deren profanen floral-profitablen Motive stecken im Übrigen hinter dem Valentinstag im Februar. . .

Warum nicht feiern wie die Väter?

Wer jetzt denkt, ich als Mann sei bloß neidisch auf die Mütter, der irrt. So wenig wie ich den Muttertag schätze, huldige ich dem sogenannten Vatertag. Wenn Mütter unbedingt ihr Mutterglück begehen wollten, könnten sie sich gerade an den Vätern ein Beispiel nehmen. Die lassen an Christi Himmelfahrt ihre Familien mit dem Vaterglück in Ruhe, beladen die Leiterwägele und gießen sich im Grünen ordentlich einen hinter die Binde. Zu Muttertag könnten Frauen Kinderwägen mit eisgekühltem Pro Secco vollpacken und angeschickert zusammen tolle Muttertagslieder grölen. Wie wär's mit diesem besonders entlarvenden Vers?

Eine Mama wie die meine ist so
fleißig und so nett,
wäscht und bügelt meine Sachen
und bringt abends mich ins Bett.
Ruf dir heut zu deinem Feste
„Mama“ laut und stürmisch zu.
Ja, die aller, allerbeste, liebste
Mama, die bist du!


Ich liebe Muttertag. Ganz unideologisch und sehr emotional. Und dabei möchte ich an dem Tag als Mutter gar nicht besonders geehrt werden, ich möchte ein Muttertagsgeschenk. Selbstgebastelt. Mit viel Liebe. Darauf habe ich mich schon an dem Tag gefreut, als meine Tochter in den Kindergarten kam – und wurde schwer enttäuscht: Weil es angeblich pädagogisch nicht mehr zeitgemäß ist, dass alle Kinder das Gleiche machen, weigerten sich die Erzieherinnen, mit den Kindern Muttertagsgeschenke zu basteln. Stattdessen gab’s das ganze Jahr über zusammengepappte Bügelperlen, massenhaft Ausmalbilder – oder eben nichts. Ein Muttertagsgeschenk, das in der Gruppe einmal versehentlich entstanden ist – drei Papierfaltherzen auf einer weißen Holzplatte – gab’s nach erbitterter Diskussion mit dem Kindergartenleiter aus Prinzip nicht zum Muttertag, sondern als Familiengeschenk zum Vatertag.

Mittlerweile ist meine Tochter in der Grundschule und die Muttertagsgeschenke sind herzallerliebst. Blumige Gedichte, blumig verziert. Herzen aus Papier, aus Stoff oder aus mit Perlen bestücktem Draht. Dazu bekomme ich am zweiten Sonntag im Mai selbstgepflückte Blumen, die im Frühling und Sommer auch sonst oft beim Nachhauseweg von der Schule anfallen. Ich liebe es. Und was das Wichtigste ist: Meine Tochter liebt es auch. Mit so viel Stolz und Freude kann sie mir nur dreimal im Jahr ein Geschenk überreichen: an meinem Geburtstag, an Weihnachten und eben am Muttertag.

Muttertag: Nicht von den Nazis erfunden

Und es stimmt einfach nicht, dass der Muttertag eine Erfindung der Nazis ist. Der Muttertag, wie wir ihn heute kennen, hat seinen Ursprung Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika. Damals forderte Julia Ward Howe, eine bekannte Vertreterin der Frauenbewegung, den amerikanischen Müttern einen Tag im Jahr zu widmen, an dem sie für ihre Mühen geehrt würden. In Deutschland wird der Muttertag seit den 1920ern gefeiert - und es ist mir klar, dass dies zunächst auf Betreiben des Verbands Deutscher Blumengeschäftsinhaber geschah und dass der Tag später von den Nazis für Propagandazwecke übelst missbraucht wurde.

Trotzdem mag ich es unglaublich gern, wenn mir meine Tochter am Muttertag glückselig ein Geschenk überreicht.