Rems-Murr-Kreis

Fellbacher Weingärtner spielen in einer Liga mit den Selbstvermarktern

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Thomas Seibold mit einem der Aushängeschilder, den „Großen Gewächsen“. Foto: Winterling © Winterling / ZVW

Fellbach. Bei Gerhard Eichelmann haben die Fellbacher Weingärtner „unter den vielen starken Württemberger Genossenschaften derzeit den stärksten Eindruck hinterlassen“. Der Weinführer Gault Millau nennt die Fellbacher „eine der modernsten und innovativsten Genossenschaften im Land“. Was machen die Fellbacher anders als die anderen? Der Vorstandsvorsitzende Thomas Seibold zögert. „Wir haben einen klaren Plan“, sagt er, „ein klares Ziel.“

Über seine Kollegen remsauf äußert sich Thomas Seibold nicht direkt. Vielsagend war seine Pressemitteilung, in der er seiner Verwunderung Ausdruck verlieh, darüber dass die Remstalkellerei ihren Jahrgang 2016 abschreiben müsse. Die Weine der Fellbacher Weingärtner dieses Jahrgangs seien durchaus nicht wertlos und schnitten in den Wettbewerben sehr erfolgreich ab. Seibold kann sich als Vorstandsvorsitzender auch überhaupt nicht vorstellen, sein Nebenamt ohne Geschäftsführer zu bewältigen, wundert er sich, dass die Remstalkellerei viele Jahre auf einen Geschäftsführer verzichtet hat. Im Gegensatz zur Remstalkellerei, die in der Krise steckt, geht es den Fellbacher Weingärtnern gut. Der Genossenschaft brechen weder Rebflächen noch Umsatz weg. Vielmehr steigt die Rebfläche stetig und hat inzwischen 190 Hektar erreicht, was den Rückschluss auf überwiegend zufriedene Mitglieder zulässt.

Hagel zerstörte die Ernte

Eine Zäsur bei den Fellbachern war das Jahr 2000, als der Hagel eine komplette Ernte zerstörte. Die Katastrophe war eine Chance. Thomas Seibold betont, dass sich die Genossenschaft schon zuvor, seit Mitte der 1990er Jahren, in Richtung Qualität orientiert habe. Mit der Umfirmierung zu Fellbacher Weingärtner wurde die Genossenschaft nach außen in den Hintergrund gedrängt und die Neuorientierung deutlich.

Seibold ist mit seinem Kellermeister und Namensvetter Werner Seibold einig, der Verfechter der Maxime sei: „Die Qualität entsteht im Weinberg.“ So könne ein positiver Wettbewerb unter den Weingärtnern entstehen, der von der Genossenschaft gefördert wird. Gezielt werde an der Qualität gearbeitet, weist Seibold auf das Prämiumprogramm hin, dank dem Spitzenweine der „Edition P“ bis hoch zu „Großen Gewächsen“ entstehen, die einst den Edelweingütern im Verband der Prädikatsweingüter (VdP) vorbehalten waren. Eine Liga darunter spielt die „Edition S“ in der Preisklasse bis zu zehn Euro. „Ein sehr gutes Preis-Genuss-Verhältnis“, sagt Seibold, wohlwissend, dass die Weingärtner die gehobene Mittelklasse preislich nicht so ausreizen können, wie es ein privates Weingut tut. Als Trinkweine bezeichnet er die „Edition C“, die nach wie vor die Masse ausmacht.

Kleine, aber feine Ernten

Wie schaffen es die Fellbacher Weingärtner, ihre Mitglieder anzuspornen? Mit den Prämien werden kleine, aber feine Ernten honoriert. „Man muss richtig Arbeit investieren“, sagt Seibold. Die Prämie soll für entgangene Erträge entschädigen. „Viele Wengerter haben Freude daran, klasse Trauben zu produzieren!“ Und, ergänzt der Vorstandschef: „Es lohnt sich!“ Er kennt aber das Manko einer Genossenschaft: Kein einzelner Weingärtner kann sich persönlich profilieren, sondern muss sich den Ruhm mit seinen Kollegen teilen. Unter den Mitgliedern gibt es – für eine Genossenschaft dieser Größe ungewöhnlich – rund 20 Haupterwerbsbetriebe, also Wengerter, die vom Wein leben. In Fellbach ist dies ab sechs bis zehn Hektar Rebfläche möglich.

Als einen wichtigen Punkt seiner Arbeit sieht Seibold an, den Nachwuchs an die Genossenschaft zu binden. Dazu dient die „Next Generation“, eine Kooperative, in der sich junge Wengerter austoben können. Ihre Ergebnisse wie der „Orange unfiltered“ sind nicht immer nach seinem Geschmack, doch der Erfolg gibt der Experimentierfreude der jungen Wilden recht. Bei den Fellbacher Weingärtnern haben die Jungen das Sagen. Der 51-Jährige gehört mit seinen zehn Jahren als Vorstandsvorsitzender zu den am längsten Gedienten im Vorstand und im Aufsichtsrat. Den Aufsichtsratsvorsitz hat Ralf Bauerle inne, der kürzlich noch der „Next Generation“ angehört hatte. Seibold weiß, dass die junge Generation besser ausgebildet ist als ihre Väter und viel in der Welt herumgekommen ist. Umso wichtiger sei es, dass die Genossenschaft ihnen eine Heimat bietet.

Gesunde Trauben sind Voraussetzungen für gute Weine

Wie steht es um die Weingärtner-Genossenschaften, die in Württemberg rund 80 Prozent des Marktes ausmachen? „Ich wüsste nicht, weshalb sie keine Zukunft haben sollen“, antwortet der überzeugte Genosse Seibold. Es komme nicht auf die Rechtsform an. Genossenschaft komme vielen Wengertern sogar entgegen, die sich lieber um ihre Weinberge kümmern und Ausbau, Verwaltung und Vertrieb anderen überlassen. Zudem habe eine Genossenschaft wie die Fellbacher Weingärtner den Vorteil, dass sie sich die modernste Technik leisten könne. Eine Technik, die nach dem Motto „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ auch der Qualitätsprüfung dient.

Gesunde Trauben sind Voraussetzung für gute Weine. Unerlässlich ist eine gute Kommunikation, erzählt Seibold von der spannenden Zeit, wenn die Ernte beginnt. Den richtigen Zeitpunkt für die Lese zu erwischen, sei eine Kunst. Und die gelinge den Fellbacher Weingärtnern dank kurzer Wege. Notfalls treffe man sich dreimal am Tag, um festzulegen, ob und wann welche Rebsorten abgeerntet werden.

Die Anfänge

1858 hat Wilhelm Amandus Auberlen die Fellbacher Weingärtnergesellschaft gegründet. 1907 firmierte sie zur Weingärtnergenossenschaft Fellbach um, ein Jahr nachdem die heutige „Alte Kelter“ gebaut worden war. 1938 folgte der Umzug in die neue Kelter. Heute bewirtschaften die rund 230 Mitglieder eine Rebfläche von rund 190 Hektar auf dem Kappelberg mit den Lagen Goldberg und Lämmler.