Rems-Murr-Kreis

Fragen und Antworten zur Situation im Rems-Murr-Kreis

Ärger wegen Krankenfahrten - Gespäch mit DRK-Chef Sven Knödler
DRK-Geschäftsführer Sven Knödler kritisiert scharf das Modell von „KTW-light“. Es entspreche nicht den Vorgaben des Rettungsdienstgesetzes und könne für Patienten gefährlich werden. © Habermann/ZVW

Waiblingen/Winnenden. Die Ersatzkassen haben wegen Missständen und Qualitätsmängeln Anbietern preisgünstiger Liegend-Krankenfahrten gekündigt. Nun steht die AOK unter Druck des Sozialministeriums, auch ihre „KTW-light“-Fahrten zu überdenken. Krankentransportwagen ohne qualifiziertes Rettungspersonal sind in einer rechtlichen Grauzone unterwegs. Das DRK Rems-Murr lehnte seit jeher das Modell „KTW-light“ ab.

Was bedeutet eigentlich „Liegend-Mietwagen“ oder „KTW-light“?

„Für Rems-Murr-Bürgerinnen und Bürger läuft es weiter wie bisher“, versichert Sven Knödler. Denn im Gegensatz zum Nachbarlandkreis Ludwigsburg gibt es zwischen Rems und Murr keinen Anbieter der ins Zwielicht geratenen Liegend-Mietwagen, auch „KTW-light“ oder etwas vornehmer „qualifizierte Krankenfahrt“ genannt. Sie sollten die Lücke zwischen (teuren) Krankentransporten mit qualifizierten Sanitätern und (billigen) Krankenfahrten in Taxen oder Mietwagen füllen. „Das lange Warten auf einen Krankenwagen“ hatten wir im Frühjahr 2017 getitelt. Krankentransporte und -fahrten waren wegen langer Wartezeiten in die Schlagzeilen geraten. Patienten stöhnten, dass sie nach einer Behandlung in der Klinik stundenlang auf einen Krankenwagen warteten, der sie nach einer Behandlung oder der Entlassung von der Klinik nach Hause fuhr oder von der Arztpraxis ins Krankenhaus überführte.

Hat sich die Warterei seit Jahresbeginn verbessert?

Anfang dieses Jahres hatte sich die Situation verschärft. Das DRK Rems-Murr hatte wegen Personalmangel Krankenwagen stillgelegt, um zumindest seinen Notfalldienst aufrechtzuerhalten. Unsere Schlagzeile lautete „Warten, warten, warten ...“ Mittlerweile aber hat sich die Lage etwas entspannt, lauten die übereinstimmenden Einschätzungen der Rems-Murr-Kliniken, des Roten Kreuzes und des privaten Anbieters von Krankentransporten, dem Sani-Team Winkler aus Fellbach. Private Anbieter sind verstärkt in die Bresche gesprungen, die das DRK hinterlassen hat.

Im Landkreis Rems-Murr wird nur noch rund ein Drittel der mehr als 40 000 Krankentransporte im Jahr vom Roten Kreuz durchführt. So ist das Sani-Team Winkler vor allem in den Abendstunden, nachts und an den Wochenenden im Einsatz. Engpässe seien jedoch auch in Zukunft nicht zu vermeiden, sagt Katharine Förster, Wachenleiterin beim Sani-Team Winkler. Denn Krankentransporte seien nie planbar und unterliegen starken Schwankungen.

Was sagen die Krankenhäuser zu den langen Wartezeiten?

Diese Erfahrungen machen auch die Rems-Murr-Kliniken. „Die Situation ist tageweise bei hohem Patientenaufkommen mit Neuaufnahmen und Entlassungen sehr angespannt“, erklärt eine Sprecherin der Kliniken auf Anfrage. Insbesondere spät abends, wenn Patienten nach einer ambulanten Abklärung wieder in die Weiterversorgung entlassen würden, sorgten die verspäteten Ankunftszeiten bei den Angehörigen, aber auch in Pflegeheimen für Unmut.

Kann der „KTW-light“ den Kapazitätsengpässen abhelfen?

Die Krankenhäuser in Schorndorf und Winnenden wünschen sich mehr Kapazitäten, um ihre Patienten frühzeitig am Tag in gute Betreuung entlassen zu können. Der AOK Ludwigsburg/Rems-Murr erschien Anfang 2017 das Modell „KTW-light“ als ideale Lösung, neue Kapazitäten zu schaffen. Denn qualifiziertes Rettungspersonal ist knapp. Die Krankenkasse fand im ASB einen Partner, der im Kreis Ludwigsburg inzwischen einen erklecklichen Anteil an der Liegend-Krankenfahrten übernommen hat.

Warum lehnt das DRK Rems-Murr „qualifizierte Krankenfahrten“, wie der KTW-light auch genannt wird, ab?

Das DRK Rems-Murr hingegen lehnte den KTW-light von vornherein ab. Sven Knödler wundert es nicht, dass die privaten Anbieter nun ins Zwielicht gerieten. Um auf ihre Kosten zu kommen, müssten die Unternehmen an der Qualität und/oder der Qualifikation ihrer Mitarbeiter sparen, rechnet er kühl vor. Die mittlerweile auf 85 Euro erhöhte Pauschale für einen Krankentransport sei bei Vollauslastung auskömmlich, ein Gewinn liege fürs DRK aber nicht drin. Wie man dann bei einem „KTW-light“ auf seine Kosten kommen will, ist Knödler angesichts der 68 Euro völlig schleierhaft.

Dem DRK-Geschäftsführer leuchtet beim KTW-light zudem nicht ein, wieso ein fast komplett ausgestatteter Krankentransportwagen mit Sauerstoff, Nierenschalen oder Urinflaschen verlangt wird, wenn dieser nur mit einem Rettungshelfer und einem Fahrer besetzt werde und nur Patienten befördert werden sollen, die keine medizinische Hilfe benötigen. Die Besatzung sei hingegen völlig überfordert, wenn es doch zu einem Notfall kommt. So warnte die Stadt Karlsruhe Ärzte und Kliniken vor solchen Liegend-Krankenfahrten. Ob ein Krankentransport über die integrierte Leitstelle gerufen wird oder eine Krankenfahrt mit dem Taxi oder Mietwagen ausreicht, entscheiden immer Ärzte und Kliniken. Für Knödler grenzt es an eine Irreführung, wenn jemand eine einfache Krankenfahrt anfordert, jedoch dann ein Krankentransportwagen anrückt, in dem aber seitens der Besatzung keinerlei medizinische Versorgung möglich ist.

Weshalb haben die Ersatzkassen die Verträge mit Anbietern von „Liegendmietwagen“ gekündigt?

Ende Oktober zog der Verband der Ersatzkrankenkassen (VdEK) Konsequenzen und kündigte eigenen Angaben zufolge 20 bis 30 Verträge mit Anbietern von Liegend-Krankenfahrten. Grund war, dass mit diesen „Liegendmietwagen“ eben auch Krankentransporte durchgeführt und das Rettungsdienstgesetz missachtet wurden, das beispielsweise ein Umlagern, Heben oder Tragen von Patienten, die eine Sauerstoffversorgung benötigen, verbietet.

Was sagt das Sozialministerium zum KTW-light?

Die AOK hat noch keine Entscheidung getroffen, wie es mit ihrem „KTW-light“-Modell weitergeht. „Die AOK Baden-Württemberg steht mit dem Ministerium hierzu im Austausch und in enger Abstimmung.“ Das baden-württembergische Sozialministerium bestätigt diese Gespräche, ließ aber offen, worauf diese hinauslaufen. „Es spricht aus Sicht des Sozialministeriums als Rechtsaufsichtsbehörde der AOK Baden-Württemberg einiges dafür, dass die derzeitige Rechtslage die sogenannte qualifizierte Krankenfahrt nicht beziehungsweise allenfalls in sehr eingeschränkter Form ermöglicht.“


Mehr als 400 Einsätze pro Tag

Die integrierte Leitstelle Rems-Murr bearbeitet mehr als 400 Einsätze pro Tag. Die Leitstelle (Rufnummer: 112) ist zuständig für die Notfallrettung und den Krankentransport, die Alarmierung der Feuerwehren und des Katastrophenschutzes sowie für die Vermittlung des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes (Rufnummer 116 117).

Seit Jahresanfang hat die Leitstelle 6920 Fahrten bei Notfällen mit dem Rettungstransportwagen (Vorjahreszeitraum 7005) durchgeführt. Die Zahl der Krankentransporte mit medizinischer Betreuung summierten sich 2017 auf über 43 000, von denen auf das DRK rund ein Drittel entfiel und die übrigen von privaten Rettungsdiensten durchgeführt wurden.

Die Zahl der Krankenfahrten ohne fachlich-medizinische Betreuung kann nicht exakt beziffert werden, da Patienten die Fahrten direkt bei den Anbietern anfordern und über ihre Krankenkassen abrechnen. Nach früheren Angaben lag bei der AOK Rems-Murr der Anteil der Krankenfahrten mit Taxi oder Mietwagen bei etwa zwei Drittel.

Starke Kritik hat es in der Vergangenheit an der Vergütung von Krankentransporten und -fahrten gegeben. Die hat sich inzwischen verbessert. So werden Krankentransporte mittlerweile pauschal mit 85 Euro vergütet und stufenweise auf 102,85 (ab 1. Januar 2020) erhöht.

Für Fahrten mit einem „KTW-light“ bezahlt die AOK deutlich weniger.