Rems-Murr-Kreis

Geschlechtskrankheiten: Freier sind die Hauptbetroffenen

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Kondome schützen – aber nicht zu 100 Prozent. © ZVW/Sarah Utz

Waiblingen. Mehr Prostituierte lassen sich beim Gesundheitsamt auf sexuell übertragbare Krankheiten testen – und bei den Tests wird häufiger als bisher eine solche Krankheit entdeckt. Freier gelten als „Hauptbetroffenengruppe“. Behörden raten Prostitutionskunden zum Check, damit die Ehefrau zuhause nicht auch noch angesteckt wird und regelrechte „Infektionsketten“ entstehen.

Kondome schützen – aber nicht zu 100 Prozent. Zwar gilt in der Prostitution seit einiger Zeit eine Kondompflicht. Inwieweit sich Kunden daran halten, wird niemand prüfen können. Es gibt eigene Foren, in welchen sich Freier über „AO“-Angebote austauschen. „AO“ steht für „alles ohne.“.

„Unser Ziel ist es, Infektionsketten zu unterbrechen“, heißt es beim Gesundheitsamt Rems-Murr. Prostitutionskunden rät die Behörde zum Test auf sexuell übertragbare Krankheiten – „auch um die Stammbeziehung infektionsfrei zu halten, falls die Außenkontakte nicht thematisiert werden.“

Prostituierte können zusätzlich zur verpflichtenden Gesundheitsberatung freiwillige Tests in Anspruch nehmen – und sie nutzen das Angebot rege. 79 Frauen haben sich bis Anfang Oktober dieses Jahres bereits testen lassen – das entspricht laut Gesundheitsamt bereits jetzt einer Verdopplung der Zahlen im Vergleich zu 2017.

„Deutliche Zunahme“ vor allem der bakteriellen Infektionen

Zum Anteil der Infizierten unter den Prostituierten macht das Amt keine Angaben – wohl auch, damit sich Kunden nicht in falscher Sicherheit wiegen. Die Testergebnisse sagen laut Gesundheitsamt nichts darüber aus, wie hoch der Anteil der Infizierten tatsächlich ist. Denn längst nicht alle kommen zum freiwilligen Test, und die Frauen wechseln durch. Klar ist aber laut Gesundheitsamt: „2018 beobachten wir schon jetzt eine deutliche Zunahme der positiven STI-Befunde, vor allem der bakteriellen Infektionen.“ STI steht für „sexually transmitted infections“, also sexuell übertragbare Infektionen. Aids entdeckte die Behörde 2017 bei keiner der untersuchten Prostituierten – doch „können wir nicht davon ausgehen, dass keine Prostituierte mit HIV im Rems-Murr-Kreis arbeitet“.

Dr. Christoph Boesecke vom Universitätsklinikum Bonn verweist auf Schätzungen, wonach circa ein Fünftel der Prostituierten eine sexuell übertragbare Krankheit hat. Illegal beschäftigte Frauen seien gefährdeter als Prostituierte mit fest angemietetem Zimmer. Insgesamt steigen die Zahlen betreffend STI, berichtet Boesecke – und zwar nicht nur deshalb, weil sich mehr Menschen als früher testen lassen. Die Zunahme könnte auch damit zu tun haben, so „mutmaßt man“ laut Boesecke, dass es heute viel leichter ist, an Sexualpartner heranzukommen – Stichwort Online-Börsen.

Chlamydien: Wohl häufigste Geschlechtskrankheit in Deutschland

Die gute Nachricht: Chlamydien-Infektionen, Tripper und Syphilis sind heilbar. Das gilt nicht für Aids. Hepatitis B und C können chronisch verlaufen und nach Jahren die Leber zerstören.

Nicht behandelte Chlamydien-Infektionen gelten laut Dr. Boesecke als Hauptgrund für Unfruchtbarkeit bei jungen Frauen. Das Tückische an dieser Infektion ist, dass Erkrankte eventuell nichts davon bemerken. Ausfluss, Brennen beim Wasserlassen oder Halsschmerzen nach Oralsex können auftreten – müssen aber nicht. Eine nicht behandelte Chlamydien-Infektion kann dazu führen, dass die Eileiter verkleben. Die betroffene Frau kann dann nicht schwanger werden, und die verklebten Eileiter lassen sich meist nicht wieder öffnen, sagt Christoph Boesecke.

Chlamydien-Infektionen sind nicht meldepflichtig. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind nur HIV, Syphilis und Hepatitiden meldepflichtig. Die Bundeszentrale rät dringend, bei Krankheitsanzeichen einen Arzt aufzusuchen. Wer fürchtet, er sei ein Risiko eingegangen und könnte sich infiziert haben, sollte auch dann zum Test gehen, wenn keine Anzeichen auf eine Erkrankung vorliegen, dazu rät das Gesundheitsamt Rems-Murr ausdrücklich.

Chlamydien sind Bakterien, die zu Entzündungen der Harnröhre, der Genitalien oder des Enddarms führen. Eine Chlamydien-Infektion gilt als die häufigste Geschlechtskrankheit in Deutschland.

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Sexuell übertragbare Krankheiten und ihre Symptome

HIV/Aids: Wer eine sexuell übertragbare Krankheit hat, trägt ein deutlich höheres Risiko, sich mit Aids zu infizieren. Laut dem Robert Koch Institut haben sich im Jahr 2016 in Deutschland etwa 3100 Menschen mit HIV angesteckt. Insgesamt lebten demnach Ende 2016 in Deutschland etwa 88 400 Menschen mit HIV. Geschätzte 12 700 von ihnen wissen laut Robert Koch Institut nicht, dass sie infiziert sind.

Syphilis: Die Zahl der positiven Syphilis-Tests ist in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Syphilis ist in Deutschland die dritthäufigste Geschlechtskrankheit, nach der Chlamydien-Infektion und dem Tripper. „Bei Geschwüren im Mundraum ist eine Ansteckung auch über den Zungenkuss möglich“, heißt es in einer Informationsbroschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Wie bei der Chlamydien-Infektion können auch bei Syphilis die Krankheitszeichen unbemerkt bleiben, zumindest teilweise. Als Symptome nennt die BZgA Knoten oder Geschwüre, die nicht weh tun, sowie Hautausschlag in Form von roten Flecken. Im Spätstadium verursacht die Krankheit schwere Schäden an inneren Organen und Nerven.

Tripper: Ein Tripper verursacht bei Frauen oft keine oder nur leichte Krankheitszeichen. Als mögliche Symptome nennt die BZgA diese: Ausfluss, Brennen beim Wasserlassen, Schmerzen beim Sex, Halsschmerzen, unregelmäßige Menstruation oder Zwischenblutungen. Anstecken könne man sich auch dann, wenn man mit Ausfluss in Berührung gekommen ist. Chlamydien, Tripper und Syphilis sind mit Antibiotika behandelbar.

Hepatitis B und C (Leberentzündung): Die Hepatitserreger sind ebenfalls sexuell übertragbar. Nur manchmal verursachen die Krankheiten grippeähnliche Beschwerden oder Jucken. Bei einigen Menschen färbt sich die Haut gelb. Eine chronische Hepatitis B kann mit Medikamenten behandelt werden, „man wird aber nicht mehr ganz gesund“, schreibt die BZgA. Die Behandlung einer chronischen Hepatitis C ist langwierig, führe aber in zwei Drittel der Fälle zur Heilung. Gegen Hepatitis B kann man sich impfen lassen.

Feigwarzen: Weniger bekannt sind Feigwarzen (HPV-Infektion): Es ist laut BZgA möglich, dass sich bei dieser Infektion Krebsvorstufen bilden, die wiederum Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Es gibt eine Impfung gegen HPV.

Trichomonaden: Diese Krankheit kommt in Deutschland nur selten vor. Die Krankheitserreger verursachen Ausfluss, Juckreiz und Brennen – beim Mann allerdings häufig gar keine Beschwerden.


Hilfe und Beratung

Beim Gesundheitsamt Rems-Murr gibt es eine Beratungsstelle für HIV und sexuelle Gesundheit. Termine gibt’s unter Telefon 0 71 51/5 01-16 12 oder -16 08. Es ist auch eine anonyme E-Mail-Beratung möglich, siehe www.rems-murr-kreis.de, dort unter „Jugend/Gesundheit/Soziales“.

Das Gesundheitsamt bietet den kostenfreien Test auf eine Chlamydien-Infektion auch für die „Allgemeinbevölkerung ohne besondere Risiken“ an. Es herrscht Schweigepflicht.

Das Gesundheitsamt Rems-Murr bietet auch einen – kostenpflichtigen – HIV-Schnelltest an.

Weitere Infos gibt’s bei der Telefonberatung der BZgA unter der Nummer 0221 / 892031.