Rems-Murr-Kreis

Gewalt gegen Frauen nimmt zu

Gewalt nimmt zu: Frauenhaus zu klein_0
Ob sie kurzfristig einen Platz im Frauenhaus bekommen kann, ist ungewiss. © Fotolia / etfoto

Waiblingen. Mehr als 450 Fälle von häuslicher Gewalt hat die Polizei im Rems-Murr-Kreis im vergangenen Jahr gezählt. 27 Frauen mit ihren 35 Kindern fanden Unterschlupf im Frauenhaus. Noch in diesem Jahr zieht das Frauenhaus in neue, größere Räume um.

Am Montagnachmittag berichteten zwei Mitarbeiterinnen des Frauenhauses im Sozialausschuss des Kreistages über die mehr als 20-jährige Arbeit der Einrichtung. Beinahe zur selben Zeit, gegen 16 Uhr, meldete die Polizei, dass eine 47-jährige Frau von ihrem Partner, 48, bei einem „Streit unter Betrunkenen“ so schwer verletzt wurde, dass sie in Lebensgefahr schwebt.

Opfer häuslicher Gewalt kann jede Frau werden. Alter, Nationalität, ethnische und religiöse Zugehörigkeit, Schicht oder Bildung spielen keine Rolle. Jede vierte Frau habe mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder psychische Gewalt in der Partnerschaft erlebt. Die Leidtragenden sind nicht zuletzt die Kinder. Eltern machen sich etwas vor, dass ihre Kinder vom Streit, von den Schlägen und dem Psychoterror nichts mitbekommen. Sie tun es. Immer.

Schwierig: Die Trennung von einem gewalttätigen Partner

Nicht so leicht zu beantworten ist die Frage, warum sich Frauen nicht von ihrem Partner trennen. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen: Von Abhängigkeit und Liebe, über fehlendes Selbstwertgefühl und Angst bis hin zur Sorge, die Kindern könnten ohne Vater aufwachsen. Viele Frauen haben häusliche Gewalt schon ihrer Kindheit erlebt. Es bedürfe oft vieler Anläufe, bis sich eine Frau von ihrem gewalttätigen Partner trennt, kennen die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus Fälle, bei denen sich eine Trennung über Jahre hingezogen hat. Ziel der Betreuung im Frauenhaus ist es, „dass Betroffene ein selbstbestimmtes Leben führen können – in einer eigenen Wohnung, unabhängig vom gewalttätigen Partner“, hieß es in der Vorlage für die Kreisräte im Sozialausschuss.

Seit über 20 Jahren bietet das Kinder- und Frauenhaus, das vom Deutschen Roten Kreuz betrieben wird, Frauen und Kinder Schutz, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Die Anonymität des Hauses habe Priorität, betonten die Frauenhaus-Mitarbeiterinnen. Nur so könnten Sicherheit und Schutz der Bewohnerinnen und ihrer Kinder, aber auch der Mitarbeiterinnen gewährleistet werden.

Wie eng es im derzeitigen Frauenhaus zugeht, zeigen die Zahlen der Auslastung und Belegung – vor allem aber die steigende Zahl der Frauen und Kinder, die keine Zuflucht fanden. 2018 musste das Frauenhaus 38 Frauen mit 38 Kindern abweisen. Ein Grund für die hohe Belegung und die längere Verweildauer von sechs bis acht Monaten ist nicht zuletzt die Wohnungsnot. Fehlender und zu teurer Wohnraum erschwert es den Bewohnerinnen, in eigene vier Wände umzuziehen. In den neuen Räumen finden etwa doppelt so viele Frauen und Kinder Platz. Künftig können neun Frauen mit neun Kinder dort Zuflucht finden.

Zuflucht möglichst wohnortnah

Nicht nur im Rems-Murr-Kreis fehlen Plätze, auch die anderen 42 Frauenhäuser im Land sind meist voll belegt. Das größere Frauenhaus ist notwendig, dass die betroffenen Frauen möglichst nicht Zuflucht in eine Einrichtung weit entfernt von ihrem Heimatort finden. Schon allein wegen des Arbeitsplatzes oder der Schule der Kinder.

Wo sich das Frauenhaus für den Rems-Murr-Kreis befindet, wird bewusst verschwiegen, um die Anonymität der Frauen zu gewährleisten. Auch der Vater der Kinder erhalte keine Auskunft über den Standort, Besuche sind nicht gestattet. Jede Bewohnerin muss eine Schweigepflichtserklärung unterschreiben.

Wer ins Frauenhaus geht, tut es nicht freiwillig. Und auch der Aufenthalt sei kein Zuckerschlecken, merkten die Mitarbeiterinnen im Sozialausschuss an. Die Frauen leben mit ihren Kindern in der Regel in einem Zimmer, sie müssen sich selbst um ihren Alltag kümmern. Stichworte hießen: wenig Privatsphäre und Zwangswohngemeinschaft, Frauenhausvertrag und Mitwirkungspflicht, Kooperation mit dem Jugendamt oder dem Kinderkrisendienst.

Die Frauenhausmitarbeiterinnen betreuen nicht nur die Klienten im Haus, sondern auch, wenn sie eine Wohnung gefunden haben. Die pädagogische Arbeit sei geprägt von uneingeschränkter Wertschätzung und Akzeptanz sowie Neutralität. Die Frauen würden beraten und beispielsweise bei Behördengängen begleitet, ihnen werden therapeutische und ärztliche Hilfen vermittelt.


„47-Jährige lebensgefährlich verletzt“: Die Meldung der Polizei klang dramatisch. Inzwischen ist die Frau, die der Polizei wohlbekannt ist, außer Lebensgefahr. Es war offenbar viel Alkohol im Spiel, woraufhin es in der Wohnung eines Bekannten der Frau zum Gewaltausbruch kam.

Kein typischer Fall von häuslicher Gewalt, eher eine Eskalation unter Betrunkenen mit bedrohlichem Ausgang: Fälle wie diese tauchen im Polizeibericht auf, die anderen meist nicht. Sofern sich Gewalt im häuslichen Umfeld abspielt, erfährt die Öffentlichkeit in der Regel nichts davon. Diese Fälle erscheinen dann in der Jahresstatistik als nackte Zahl: Für 2018 vermeldete das Polizeipräsidium Aalen, das für den Rems-Murr- und den Ostalbkreis sowie für Schwäbisch Hall zuständig ist, einen Höchststand im Fünfjahresvergleich, was Gewalt im häuslichen Umfeld und zwischen (Ex-)Partnern angeht.

„Unterschiedliche Wert- und Rollenvorstellungen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, aber auch Arbeitslosigkeit, Armut und Verzweiflung, Boshaftigkeit bis Hass spielen eine wesentliche Rolle“, resümiert die Polizei in ihrer Bilanz fürs vergangene Jahr. Von „mehr Bereitschaft zu Gewalt – auch im Privaten“, sprach kürzlich Kripo-Chef Reiner Möller vor der Presse in Aalen: „Die Fallzahlen sind enorm.“

Strukturiertes Vorgehen

Seit vergangenem Jahr gilt vor diesem Hintergrund polizeiintern eine überarbeitete Dienstanweisung, die festschreibt, wie in solchen Fällen vorzugehen ist. Es folgt eine Einstufung nach Gefährlichkeit; die Polizei ordnet die Fälle in Grün, Gelb oder Rot ein. Sieht die Kriminalpolizei hohe Gefahr, wird in Fallkonferenzen mit mehreren Beteiligten festgelegt, wie weiter vorzugehen ist. Eine der Konsequenzen könnte sein, dass Beamte bei einem „Gefährder“ klingeln und ihm unmissverständlich klarmachen, dass es so nicht weitergeht. Die Polizei kann immer mal wieder an einem Haus vorbeifahren, natürlich sofort die betroffene Frau in qualifizierte Beratung vermitteln – und im besten Fall hört der Aggressor auf.

Im schlimmsten Fall findet sich eine Frau – in der Mehrheit der Fälle, aber nicht in allen, sind Frauen die Leidtragenden – in einem Zeugenschutzprogramm wieder. Das bedeutet, sie wird zu ihrem Schutz aus ihrem Umfeld herausgenommen, muss sich an einem geheimen Ort mit anderem Namen eine neue Existenz aufbauen. Wäre eine 22-jährige Mutter zweier Kinder aus Backnang in dieses Schutz-Netz gelangt, würde sie vielleicht noch leben. Ihr Ex-Partner tötete die Frau im November 2017. Der Mann wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, und das Gericht bescheinigte dem damals 25-Jährigen eine besondere Schwere der Schuld (wir haben berichtet).

„Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit“

Nach dem Urteilsspruch hatte diese Zeitung beim Landeskriminalamt angefragt, wie bedrohte Frauen reagieren sollten. Die Behörde rät, bereits bei der ersten Straftat Anzeige zu erstatten. Auch Bedrohungen sind strafbar, nicht nur Gewaltdelikte. Stehen gar Morddrohungen im Raum oder eskaliert eine Situation: Sofort den Notruf wählen, also 110.

Meist schweigen Opfer viel zu lange. Sie schämen sich oder reden sich ein, ihr ehemals so liebevoller Partner werde sich ändern, es handle sich nur um einen Ausrutscher. Doch „oft werden die Abstände zwischen den einzelnen Gewaltausbrüchen kürzer und die Schwere der Gewalt nimmt zu“, so beschrieb Ende 2018 das Landeskriminalamt auf Anfrage einen typischen Verlauf.

Der Polizeipsychologe, Profiler und Psychotherapeut Prof. Adolf Gallwitz sprach seinerzeit von einem „unheimlich hohen Niveau an Gewalt in bundesdeutschen Familien“ - und: „Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit.“


Hier gibt es Hilfe

Das Frauenhaus gehört zum Netz an Hilfen bei häuslicher Gewalt im Rems-Murr-Kreis. Dazu zählt ein Krisen- und Beratungsdienst für Kinder oder das Projekt „Soforthilfe nach Vergewaltigungen“. In einer Broschüre des Landratsamtes sind sämtliche Hilfsangebote mit Telefonnummern aufgelistet.

  • Polizei-Notruf: 110
  • Frauenhaus, 07181/61414, E-Mail frauenhaus@drk-rems-murr.de.
  • Sozialer Dienst des Kreisjugendamtes, Bereich Waiblingen, 0 7151/501-1292, Schorndorf,  07181/895-4028, Backnang  07191/93889-5030.
  • Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt: Waiblingen, 07151/501-1496, Schorndorf, 07181/93889-5024, Backnang, 07191/895/4058.
  • Pro Familia, Flügel – Beratung für Frauen bei sexueller Gewalt, Notfallhandy 0160/4881614, Terminvereinbarung, 07151/98224-8940.
  • Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist ein Angebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Unter der Nummer 08000 116 016 und via Online-Beratung erhalten Betroffene an allen Tagen im Jahr und rund um die Uhr Hilfe.
  • Information und Beratung für Männer, die Opfer häuslicher Gewalt werden, 07151/982248940.