Rems-Murr-Kreis

Go-Ahead: Montags-Chaos? Mitnichten

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Symbolbild. © Christine Tantschinez
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Minuspunkt: WC außer Betrieb – das mit den Toiletten sollte sich noch etwas besser regeln lassen

Waiblingen/Gmünd. Loben wir die neuen Go-Ahead-Flitzer auf der Remsschiene – eine morgendliche Testfahrt im Berufsverkehr am Montag von Gmünd nach Waiblingen ergab: Der Zug war pünktlich; Sitzplätze gab es ausreichend; die Klimaanlage funktionierte; und dass die WCs außer Betrieb waren, wurde sagenhaft offenherzig kommuniziert.

Steht ein Junge am Kiosk und murmelt dem schwerhörigen Zeitschriftenverkäufer verschämt etwas zu. Worauf der zurückbrüllt: „Was?! Ein Nacktmagazin?!“ An den alten Sparwitz fühlt sich erinnert, wer an diesem Montagmorgen im neuen Go-Ahead-Zug aufs Klo will.

Ganz dezent drückst du auf den Türöffner – worauf zunächst ein jede Morgenmüdigkeit schwungvoll wegbimmelnder Ding-Dong-Gong ertönt. Nachdem nun alle in der Nähe Sitzenden aufgewacht und ganz Ohr sind, folgt eine dankenswert laute, selbst für Deutsch-Unkundige weithin verständliche Bandansage – eine Frauenstimme artikuliert so sauber, ach was, so rein, als hätte die freundliche Dame mit Vollwaschmittel gegurgelt: „Dieses WC ist außer Betrieb. This lavatory is out of order.“

Gehen wir das Abteil entlang, weiter hinten gibt es noch eine Toilette. Wieder drücken, dingeling, hochzuckende Köpfe, wieder die allgegenwärtige Dame mit dem Blumenduft in der Kehle: „Dieses WC ist außer Betrieb. This lavatory is out of order.“

Die Informationspolitik in den neuen Go-Ahead-Zügen ist wirklich vorbildlich transparent. Wenn früher bei der Deutschen Bahn die Klos mal wieder dicht waren, ging einfach kommentarlos die Tür nicht auf. Noch genialer wäre es nur, wenn die Klos funktionieren würden.

Aber der Reihe nach – eine journalistische Versuchsanordnung: Ein Reporter und ein Fotograf stürzen sich in die morgendliche Berufspendlerhatz, Montag, Ferien zu Ende, Stresstest, von Schwäbisch Gmünd nach Waiblingen. Fahrplanmäige Abfahrt: 7.54 Uhr. Ankunft laut Aushang: 8.28 Uhr.

Erste Beobachtung in Gmünd: Im Fahrkartensaal gibt es neuerdings eine sehr charmante Sitzecke, Stühle, ein Sofa in den badenwürttembergischen Landesfarben Schwarz und Gelb, dazu ein Tischchen, auf dem gar Lektüre für Wartende liegt – der Krimi „Schwaben-Finsternis“ von Klaus Wanninger. Oha, hoffentlich ist das kein böses Omen. Doch siehe: Um 7.52 Uhr biegt die Regionalbahn von Aalen her in den Gmünder Bahnhof ein, zwei Minuten später sind wir pünktlich auf der Strecke.

Wohl denen, deren einzige Sorge das Zeitungsbier ist

Im Zug: zwei junge Frauen mit monumentalen Koffern. Wohin des Wegs – auswandern nach Australien? Nein, Urlaub auf Ibiza. Gehen sie davon aus, dass sie ihren Flieger erwischen? „Wir gehen immer davon aus, dass es läuft. Immer positiv denken.“ Nur eine schwere Sorge treibt sie um: Wenn sie fotografiert werden – kommt das Bild etwa in den Gmünder Blättern? Dann müssten die beiden nämlich all ihren Bekannten „ein Zeitungsbier“ bezahlen. Entwarnung: Der Artikel erscheint nur in den Print-Ausgaben des ZVW, in Gmünd kriegt das niemand mit. Außer natürlich online. 

A propos online, testen wir den WLAN-Zugang im Zug: „Sie haben sich erfolgreich mit dem Internet verbunden“, erscheint nach kurzer Zeit auf dem Smartphone-Display.

Im Abteil entspinnt sich ein Gespräch: Nun ja, meint ein leidgeprüfter Berufspendler, alles gut werde nun wohl nicht mit Go-Ahead. Prognose: „Neuer Betreiber, alte Probleme.“ Mit Weichenstörungen, Stellwerkstörungen, technischen Störungen und anderen bürokratischen Umschreibungen für die Tatsache, dass die Infrastruktur auf der Remsschiene veraltet ist, werde auch künftig zu rechnen sein. Aber immerhin, „der Zug ist klimatisiert“. Und außerdem: „Was ist die Alternative?“ Im Stau stehen auf der B 29? Dazu später mehr.

„Geben wir ihnen ein bisschen eine Chance“, sagt ein Fahrgast. „Das müssen wir Deutschen allgemein lernen: ein bisschen entspannter zu sein, in vielen Dingen.“

546, die magische Zahl, oder: Es ist Platz für alle da

Eine Schlüsselfrage: Werden die Sitzplätze reichen? Erfahrungswert aus Deutsche-Bahn-Zeiten: Der Gmünder konnte sich morgens noch bequem ins Polster plumpsen lassen – hart wurde es meist in Schorndorf, wenn viele Leute zustiegen. Und nun ist es 8.15 Uhr, Schorndorf haben wir passiert – Platz gibt es immer noch genug.

Der Zug ist mit zwei sogenannten Fünfteilern bestückt, zwei in je fünf Segmente untergliederten Großraumwagen mit jeweils 273 Plätzen; macht insgesamt 546. Go-Ahead hat zumindest für diesen Montagmorgen ausreichend disponiert. Was der Abend bringt, wird sich weisen. Ein Pendler erzählt: Früher war der Rückreisezug meist „schon ab Stuttgart voll“. Oft habe er sich gefragt: „Wo sitzt der Waiblinger?“

Zwei Schülerinnen erzählen: Wenn sie früher abends von der Schule in Waiblingen nach Hause fuhren, trödelte der Zug so verspätet in Schorndorf ein, „dass wir den Bus“ nach Urbach „fast nie bekommen“ haben. Wie wird das künftig laufen? Mal sehen. Vorsichtiger Optimismus. An diesem Morgen jedenfalls rollt der Go-Ahead auf die Minute pünktlich um 8.28 Uhr in den Waiblinger Bahnhof. Reporter und Fotograf steigen aus, tiefenentspannt: Montagsstress? Pah! Blick aufs Smartphone: In der Whatsapp-Gruppe „Job“, wo ZVW-Redakteure Beachtenswertes reinschreiben, trudelt just in dem Moment der Stoßseufzer eines Auto fahrenden Kollegen ein – „Stau am Teiler Richtung Stuttgart“.

Pluspunkt: Selbst eine Verspätung von einer Minute wird angezeigt – und bis Stuttgart aufgeholt.

Minuspunkt: Nicht barrierefrei – früher wie heute, der Weg vom Bahnsteig in den Zug birgt Tücken.