Rems-Murr-Kreis

Große Konkurrenz um Azubis: Jede siebte Stelle nicht besetzt

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Waiblingen.
Viele Betriebe in der Region klagen über Nachwuchsmangel. Besonders groß ist der Kampf um Azubis in der Gastronomie, dem Lebensmittelhandwerk und der Pflege. „Diese Bereiche sind besonders stark betroffen“, erklärt Annette Schanbacher. Sie ist Teamleiterin der Berufsberatung bei der Arbeitsagentur Waiblingen und gibt Schulabgängern und deren Eltern Tipps.

Knapp 86 Prozent der gemeldeten Ausbildungsstellen bei der Arbeitsagentur im Kreis konnten bis Ende September besetzt werden. Im Umkehrschluss heißt das allerdings auch: Jede siebte Stelle konnte nicht besetzt werden. Davon waren vor allem auch Handel, Fertigung und verschiedene Berufe des Handwerks betroffen.

Die Expertin spricht von einer Konkurrenz um die Auszubildenden und einem Verdrängungswettbewerb in der Region Stuttgart. „Vor zehn Jahren hätte sich ein Hauptschüler fast nicht als Kraftfahrzeugmechatroniker zu bewerben brauchen, heute werden auch Hauptschüler wieder eingeladen“, erklärt sie beispielhaft.

Die meisten Menschen, denen die Arbeitsagentur im Kreis einen Ausbildungsplatz vermittelt hat, haben einen mittleren Bildungsabschluss, 750 an der Zahl. 400 haben einen Hauptschulabschluss, rund 220 eine Fachhochschulreife und 120 Abitur, erzählt Annette Schanbacher.

Wer beeinflusst die Jugendlichen maßgeblich in ihrer Entscheidung?

Während die Großbetriebe mit attraktiven Angeboten bei den Jugendlichen als auch bei deren Eltern im Fokus stünden, hätten es viele Berufe außerhalb dessen schwer. Das liege neben den Arbeitszeiten und dem Gehalt besonders am Image. Dabei sei nicht nur der Freundes- oder Bekanntenkreis der Jugendlichen von großer Bedeutung, sondern auch deren Mütter und Väter. „80 Prozent der Jugendlichen sagen, dass ihre Eltern die Berufswahl mit beeinflusst haben“, erzählt Annette Schanbacher.

In Sachen Gehalt zeigt der Blick in die verschiedenen Mangelberufe: Die Gehälter fallen auch unter diesen recht unterschiedlich aus. Im ersten Jahr nach der Ausbildung kommt etwa ein Fleischereifachverkäufer nach Tarifvertrag auf 1900 Euro, während eine Altenpflegerin nach der Ausbildung (laut Arbeitsvertragsrichtlinien der Landeskirche und Diakonie Württemberg) auf 2800 Euro kommt. Zwar sind sicher einige potenzielle Nachwuchskräfte von den teils niedrigen Gehältern abgeschreckt, doch nur damit das geringe Interesse an den Berufen zu begründen sei zu kurz gegriffen, meint Ausbildungsexpertin Schanbacher.

Sie erklärt, dass Unternehmer beim potenziellen Nachwuchs und dessen Eltern auch punkten könnten, indem sie zeigen, wie sich der Betrieb um die Auszubildenden kümmert und wie er sie beim Lernerfolg unterstützt. Außerdem könnten die Betriebe Anreize schaffen, wie etwa die Aussicht auf eine Finanzierung des Meisters im Anschluss an eine Ausbildung, ein Praktikum bei einer Tochterfirma im Ausland oder ein Smartphone, das dem Azubi zur Verfügung gestellt wird.

Annette Schanbacher betont, wie wichtig es neben solchen Faktoren auch sei, dass Jugendliche einen Beruf finden, an dem sie auch noch nach Jahren Freude haben, und sie sich dort am richtigen Platz fühlen. Deshalb rät sie generell zur Berufsberatung bei ihr in der Arbeitsagentur. Auch wenn Eltern oder andere Familienangehörigen sicherlich bei der Orientierung helfen können, hätten sie nie einen neutralen Blick auf die Berufswelt und ihr Kind. „Deshalb ist es sinnvoll, jemanden von außen einzubinden“, meint sie.

Annette Schanbacher rät zu einem Praktikum

Wo es nach der Schule hingehen soll, ist eine der schwierigsten und drängendsten Fragen für junge Erwachsene. Um sich ein realitätsnahes Bild machen zu können, empfiehlt Schanbacher neben einem Besuch bei der Berufsberatung ein Praktikum. „Vor allem wenn der Jugendliche keine guten Noten hat, kann er im Praktikum zeigen, dass er für den Beruf motiviert ist“, erklärt Schanbacher in Hinblick auf die Bewerbung. Alternativ zeigt auch ein Freiwilligendienst, wie groß das persönliche Engagement ist.

Besonders, wenn es nach der Schule nicht gleich mit einem Ausbildungsplatz klappe, sei es wichtig, zu zeigen, dass man motiviert ist. Neben der positiven Auswirkung eines Praktikums zeigen die Termine bei den Auszubildenden vor Ort, dass es nach wie vor typische Frauen- und Männerberufe gibt. So erzählte etwa ein angehender Elektriker, dass in seine Berufsschulklasse ausschließlich Männer gehen.

Ein gesellschaftliches Umdenken weg von den veralteten Rollenbildern könnte wohl auch für die ein oder andere zusätzliche Bewerbung in den derzeitigen Mangelberufen sorgen. Die Arbeitsagentur versucht bereits mit verschiedenen Programmen, junge Frauen für die technischen Berufe zu begeistern.