Rems-Murr-Kreis

Haben wir Wessis den Osten geplündert?

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Zwei X – schon wird D aus DDR: Sind wir Wessis so nassforsch mit dem Osten umgegangen? Das Foto entstand 2019 in Prag. © David W. Cerny/dpa

Waiblingen. Wir Wessis haben den Osten überrannt, geplündert, ausgeraubt, und die Privatisierungsanstalt Treuhand war unsere Abrissbirne – kein Wunder, dass die Ostdeutschen an der Demokratie zweifeln und die AfD wählen: So sehen es viele. Aber stimmt das? Der gebürtige Waiblinger Norbert Pötzl kommt in seinem Buch „Der Treuhand-Komplex“ zu anderen Ergebnissen.

Die Treuhand hat das DDR-Volksvermögen an West-Heuschrecken verscherbelt und die „radikale und unkontrollierte Abwicklung beziehungsweise Entwertung“ der ostdeutschen Wirtschaftsleistungen betrieben? Pötzl nennt das ein „Opfernarrativ“. Er hat für sein Buch „sämtliche Protokolle und Tischvorlagen der Vorstands- und Verwaltungsratssitzungen der Treuhand“ ausgewertet, Hunderte Aktenordner. Bilanz: Die Treuhand war eher „Sündenbock“ als „Totengräberin“. Wer Pötzls Argumentation nachvollziehen will, muss bei einer Lebenslüge der DDR beginnen: dass dieser Staat ein wirtschaftlicher Riese gewesen sei.

Hatte nicht der Industriezweig Mikroelektronik „Weltniveau“?

Aber Moment. Hatte nicht zum Beispiel der Industriezweig Mikroelektronik tatsächlich „Weltniveau“? Hat nicht Honecker 1988 Gorbatschow symbolträchtig einen Ein-Megabit-Chip überreicht? Nun ja. Der Chip war eine Attrappe. Bis zum Mauerfall produzierte die DDR „nicht einen einzigen“; während Japan damals bereits eine Million von der Sorte baute; pro Monat.

Aber schaffte die DDR 1989 nicht immerhin bei den kleineren 256-Kilobit-Chips 90 000 Stück? Das stimmt. Im selben Jahr stellte Österreich 50 Millionen her.

Aber das Kalibergwerk Bischofferode – schrieb nicht einst „Die Zeit“, es sei „ohne trefflichen Grund von der Treuhand geschlossen“ worden? Sicher, es exportierte zu DDR-Zeiten fleißig Dünger; zu betriebswirtschaftlich wahnsinnigen Dumpingpreisen, weil das Regime so an Westdevisen kommen wollte. Das entpuppte sich als derart desaströs, dass schon die realsozialistischen Bosse die Schließung erwogen.

Fliegenklatsche statt Sprengstoff: Tücken der Planwirtschaft

Oder die Interflug: Vor der Übernahme durch die Lufthansa arbeitete sie mit veralteten, enorme Wartungskosten und unmäßig viel Kerosin verbrennenden russischen Flugzeugen – und machte 1990 einen „täglichen Verlust von einer Million DM“.

Die Planwirtschaft trieb irre Blüten: Um dem Mangel zu begegnen, produzierte ein Sprengstoffwerk nebenbei Fliegenklatschen, eine Schiffswerft Flaschenöffner. „Auch nüchtern denkenden Ostdeutschen war klar, dass ein großer Teil der Betriebe nur noch liquidiert werden konnte.“

Leider kam eine weitere „glatte Lüge“ hinzu: Helmut Kohl schwadronierte von „blühenden Landschaften“ binnen „drei bis vier Jahren“ – er „glaubte selbst nicht, was er versprach“, schreibt Pötzl.

Das Problem aber, wie sich Ostwährung fair in West-Mark umtauschen lasse, war eine unentrinnbare Zwickmühle. Ein Kurs von 2:1 oder gar 4:1, was betriebswirtschaftlich Sinn ergeben hätte, war nicht zu vermitteln: Das hätte die Löhne und Renten der DDR-Bürger katastrophal entwertet. Der 1:1-Umtauschkurs indes, den „alle Parteien in der DDR“ forderten, war „für die Wirtschaft Gift“: Plötzlich betrugen die Herstellungskosten für DDR-Kameras 800 DM – verkauft wurden sie für 200.

Die Umgestaltung der DDR-Wirtschaft gebar auch Erfolgsgeschichten

Was beim Hadern mit der Treuhand oft ausgeblendet wird: Die Umgestaltung der DDR-Wirtschaft gebar auch Erfolgsgeschichten. Nur ein Beispiel: Bitterfeld war einst, wie es die Schriftstellerin Monika Maron beschrieb, eine „Chemiekloake“: Sinnbild „für marode Wirtschaft, vergiftete Luft und verseuchten Boden“. Wer unter all den undichten Rohren herumging, konnte nur hoffen, „es möge Wasser und nicht Säure sein, was einem da auf den Kopf tropfte“. Heute ist Bitterfeld ein Zukunftsstandort regenerativer Energien, mit 11 000 Arbeitsplätzen in 300 Firmen.

Aber selbst, wenn man all das einräumt – musste die Erfahrung einer so schockhaft plötzlichen wirtschaftlichen Umwälzung die Betroffenen nicht an all den schönen Worthülsen von Markt, Freiheit, Demokratie und Weltoffenheit zweifeln lassen und dem Rechtsextremismus den Boden bereiten, der dann nach der Wende wucherte?

Die Geschichte der ökonomischen Revolution „differenziert und sachlich“ erzählen

Es gab ihn schon davor. Zwar galt in der DDR der Faschismus als überwunden. Doch diese weitere Lebenslüge war nur mit Hilfe verbalakrobatischer Verdrängungsverrenkungen aufrechtzuerhalten: Wenn Rechte auf jüdische Grabsteine Hakenkreuze malten, sprach die Stasi von „Rowdytum“. Pötzl zitiert eine vertrauliche DDR-Forschungsarbeit, die 1988 im Staatsauftrag entstand: Sie berichtet von etwa 6000 behördlich erfassten, teilweise „rückfällig dauergewaltbereiten“ Neonazis und monatlich bis zu 500 einschlägigen Delikten.

All das entkräftet nicht die Geschichten der Menschen, die erzählen können, wie sie in die Desorientierung stürzten, entwurzelt und arbeitslos, auf der Strecke blieben bei Firmen-Übernahmen, die den Betroffenen feindlich vorkommen mussten. Das gab es! Noch einmal Monika Maron: Damals brach eine „goldene Zeit für Spekulanten und Betrüger“ an, „die auch mit Hilfe der Treuhand ihre Geschäfte betrieben haben“. Wir Westler haben die Wunden, die im Osten die Wende vielen schlug, zu lange selbstgefällig ignoriert nach dem Motto: Wir buttern denen Milliarden hinten rein, die sollen sich nicht so haben.

Nur muss man die Geschichte der ökonomischen Revolution, die der friedlichen folgte, „differenziert und sachlich“ erzählen, schreibt Pötzl, „ohne Übertreibungen und Pauschalisierungen“. Sein Buch ist ein wichtiger Beitrag dazu.


Info:

Norbert Pötzl: „Der Treuhand-Komplex“. Verlag kursbuch-edition, 256 Seiten, 22 Euro.


Ein Waiblinger beim Spiegel

Norbert Pötzl, geboren 1948 in Waiblingen, war von 1972 bis 2013 Redakteur beim Spiegel und gehörte zu dem Rechercheteam, das 1987 die Barschel-Affäre aufdeckte – ihren Anfang aber nahm Pötzls Journalistenkarriere in den 60er Jahren bei der Waiblinger Kreiszeitung: Seine erste Geschichte schrieb er über eine Familie aus Grunbach, die in die DDR ausgewandert war; nicht aus Begeisterung für den Sozialismus, sondern auf der Flucht vor Gläubigern. 1992 gelang es Pötzl, Erich Honecker ein Exklusiv-Interview abzulisten – der Journalist schlich sich in das Flugzeug, das den ehemaligen DDR-Granden nach Chile brachte.

Am Montag, 21. Oktober, liest Norbert Pötzl um 20 Uhr im Museum unter der Yburg auf Einladung der Allmende Stetten aus seinem Buch „Der Treuhand-Komplex“.