Rems-Murr-Kreis

Hagelflieger chancenlos

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Symbolbild Weinrebe Remstal. © ZVW/Wilhelm
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Hagelflieger mit Silberjodid-Kanone.

Weinstadt/Waiblingen. Jörg Kachelmann wird sich zufrieden die Hände gerieben haben: Am Mittwochmittag ging über Weinstadt-Strümpfelbach ein schweres Unwetter nieder und hat in wenigen Minuten einen Teil der Weinernte verhagelt. Der TV-Meteorologe hält die Hagelabwehr für „Geldverschwendung“ und nannte ihre Befürworter „Dorfdeppen“.

Am Mittwoch waren zwei der drei Hagelflugzeuge in der Region Stuttgart im Einsatz, teilt das Landratsamt Rems-Murr auf Anfrage mit. Die D-ELOY hob aufgrund eines Startverbotes am Stuttgarter Flughafen verspätet um 12.35 Uhr ab und bekämpfte den Hagel zunächst im Raum Backnang und folgte den Gewittern dann nach Heilbronn und Schwäbisch Hall. Beim zweiten Einsatz von 15.45 bis 17 Uhr tummelte sich der Pilot unter Wolken im Raum Heilbronn. Das Remstal lag dabei nicht auf seiner Flugroute.



Das zweite Hagelflugzeug, die D-GBRS, war hingegen bereits kurz nach 12 Uhr in der Luft und hatte durchaus die Gewitter im Blick, die sich im Neckartal aufbauten und ins Remstal zogen. Über den Schurwald kam das schlimme Unwetter über den Schurwald ins enge Strümpfelbacher Tal. Bis zu drei Zentimeter große Hagelkörner gingen über den Weinbergen nieder – mit schlimmen Schäden, die das Weingut Wilhelm in einzelnen, besonders schwer betroffenen Lagen mit 40 bis 45 Prozent beziffert.

In den Randlagen schätzt Siegfried Wilhelm den Schaden noch auf zehn, 15 Prozent. Werner Kuhnle bezifferte am Freitag seinen Schaden auf 30 Prozent. Die Wengerter hoffen auf trockenes Wetter, damit die geschädigten Beeren schnell austrocknen und dann abfallen können. Andernfalls drohen Fäulnis oder Pilzbefall.

Methode hat mangels Aufwind versagt

Das Einsatzprotokoll der D-GBRS vermerkt am Mittwoch einen Flug von Untertürkheim (12.10 Uhr) über Waiblingen (12.20 Uhr) nach Kornwestheim (12.40 Uhr) und Ludwigsburg (12.55 Uhr): „Mehrere Zellen im Gebiet, daher Impfung schwierig. Ab circa 13 Uhr keine nennenswerten Aufwinde mehr, deshalb Einsatzende.“ Aufwind ist jedoch notwendig, um das Silberjodid in die Wolken zu bringen. Das ist nämlich der Trick der Hagelabwehr: Am Silberjodid kondensiert das Wasser in der Gewitterwolke. Es können sich keine großen Körner mehr bilden, und die Wolke regnet bestenfalls ab – oder der Niederschlag kommt zumindest als kleine, matschige Hagelkörner runter.

Doch am Mittwoch hat die Methode mangels Aufwind versagt, erklärt ein Sprecher des Landratsamtes Rems-Murr, das die Hagelabwehr in der Region koordiniert. Auch der zweite Flug der D-GBRS von 16 bis 17 Uhr war nicht von Erfolg gekrönt. „Trotz hohem Signal auf dem Radarbild war kaum mehr Aufwind zu finden“, heißt es im Einsatzprotokoll über den Flug über Neckarwestheim und Schwieberdingen: „Deshalb zurück geflogen.“

Nicht bloß "Bauernfängerei"

Dass die Hagelabwehr nicht bloß „Bauernfängerei“ ist, wie Kachelmann behauptet, davon sind die meisten Landwirte und Weingärtner aus bald 40-Jähriger Erfahrung überzeugt. Wenngleich nie jemand behauptet hat, dass die Hagelflugzeuge 100-prozentigen Schutz bieten. Die Statistik gibt übrigens den Befürwortern recht, weist Claus Mannschreck, der Vorstandsvorsitzende der Remstalkellerei, auf deutlich geringere Hagelschäden in der gewitterträchtigen Region Stuttgart hin.