Rems-Murr-Kreis

Heimkinder besser schützen

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Symbolbild. © Alexander Roth

Waiblingen. Ehemalige Heimkinder wehren sich. Gegen die Schläge, die sie aushalten mussten. Gegen die Demütigungen, oft auch gegen sexuelle Übergriffe. Hier im Land haben sich fast 2456 Betroffene innerhalb der letzten sechs Jahre gemeldet. Der SPD-Kreisrat Alexander Bauer will, dass an Rems und Murr alles getan wird, um wenigstens künftig Missbrauch auszuschließen.

Bauer bezog sich im Jugendhilfeausschuss des Kreistags auf den Abschlussbericht „Heimerziehung 1949 bis 1975“, den Sozialminister Manfred Lucha dieser Tage in Stuttgart vorstellte. Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule hatte alle aufgeschreckt. Immerhin haben der Bund, die Länder und beide Kirchen 2012 einen Fonds eingerichtet, um wenigstens nachträglich zu helfen – mit Therapien bis zu Rentenersatzleistungen.

Dass es auch hier im Kreis Fälle gab und möglicherweise gibt, das liegt für Bauer auf der Hand. Von Stetten bis Backnang finden sich ja „nicht unerhebliche“ Einrichtungen der Betreuung etwa von behinderten Menschen. Immer schon. Und deren Bewohner werden noch leichter zum Opfer. Dieser Tage muss sich ein Heilerziehungspfleger vor Gericht verantworten, der in der Diakonie Stetten für ein Dreivierteljahr als Zeitarbeiter beschäftigt war. Er soll zwei behinderte Menschen sexuell missbraucht haben.

Fälle aus der Vergangenheit. Bauer will vom Kreisjugendamt wissen, „wie sieht es aktuell aus, wie können wir präventiv damit umgehen?“ Zumal sich eine Lücke auftut. Der Fonds „Heimerziehung in den Jahren 1949 bis 1975“ schließt Ende des Jahres. Und auch die Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder in Stuttgart macht dicht. Bauer wünscht sich eine unabhängige Stelle, die recherchiert. In den Anstalten selbst, wie es früher hieß.

„Jugendamt hat uns nicht geglaubt“

Aber auch in den Akten der Jugendämter. Von einer Behinderteinrichtung weiß er, dass da durchaus Fälle immer wieder dokumentiert wurden. Freilich mit einem „speziellen Sprachgebrauch“. Code-Wörter für das, was nicht sein durfte. Setzt sich das bei den Jugendämtern fort, fragt Bauer. Zu oft habe es ja in der Vergangenheit geheißen, meist von Eltern: „Das Jugendamt hat uns nicht geglaubt.“

Holger Gläss, der Jugendamtsleiter, war selbst zugegen bei der Vorstellung des Berichts durch den Landessozialminister. Er hat gleich mal einen Stapel Berichte geordert, zusätzlich noch die Aufarbeitungen der Caritas und der Diakonie in Buchform. Das Material gibt er seinen Mitarbeitern zur Hand. Sozialarbeiter des Jugendamtes werden nicht selten ins Vertrauen gezogen. Bei ihnen liegt auch die Aufsicht über die Heime. Jugendamtsleiter Gläss antwortete Bauer, er sei ein Verfechter einer dauerhaft installierten Beschwerdestelle, einer Ombudsperson im Land. Lucha hat angekündigt, eine solche Stelle einzurichten. Unabhängig soll sie sein und fürs ganze Land. Landrat Richard Sigel verwies darauf, dass Rems-Murr die Heimaufsicht personell verstärkt hat.