Rems-Murr-Kreis

Helfende Hände in der letzten Zeit

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Es gibt sehr viele Möglichkeiten, in der Zeit vor dem Tod Schmerzen zu minimieren und Beschwerden zu lindern. © Pixabay / CC0 Creative Commons
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Dr. Markus Schuler.
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Ingrid Bihlmaier.

Waiblingen. Meist fürchten die Menschen das Sterben mehr als den Tod. Möchten Todkranke zu Hause den letzten Atemzug erwarten, werden Angehörige Kraft und Mut brauchen. Doch es ist möglich, weil es viel Unterstützung gibt. Das Palliativnetz Rems-Murr hilft auf vielfältige Weise.

Der Wille des Patienten gilt. Dr. Markus Schuler bespricht mit einem unheilbar Kranken, sofern das noch geht, was getan werden kann – und auch, was nicht mehr getan werden soll. Um Hoffnung auf Heilung geht es nicht mehr in diesen Fällen. Es geht um die Art und Weise, wie sich die letzten Wochen für den Sterbenden anfühlen. Palliativmedizin ist darauf ausgerichtet, Schmerzen zu minimieren, Beschwerden zu lindern, Angst zu lösen – und Mensch zu sein im Angesicht eines Menschen, der sein Leben bald beenden muss.

Tod und Sterben? Nach wie vor ein Tabu

„Man kann manchmal nicht viel sagen. Man hält es mit aus“: Als Vorsitzender des Vereins für spezialisierte ambulante Palliativversorgung im Rems-Murr-Kreis (SAPV) begibt sich Markus Schuler mitten hinein in die Themen, die so viele Menschen gern von sich schieben. Tod und Sterben? Ein Tabu.

13 Ärzte und 14 Krankenschwestern

Der Verein ist Träger des Palliativnetzes Rems-Murr. 13 Ärzte und 14 speziell ausgebildete Krankenschwestern teilen sich die Aufgaben – einschließlich Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft an allen Tagen im Jahr. Sie schreiben Behandlungspläne, besuchen die Familien zu Hause, beantworten am Telefon Fragen, leiten Pflegende an und bereiten sie vor auf das, was der Sterbeprozess mit sich bringt. Der rasselnde Atem in den letzten Stunden macht so vielen so sehr zu schaffen – aber nicht den Sterbenden selbst. Das zu wissen lindert die seelische Not der Umstehenden.

Ein würdiges Sterben zu Hause ermöglichen

Markus Schuler und das Team begleiten nicht nur Familien, die sterbende Angehörige zu Hause betreuen. Spezialisierte ambulante Palliativversorgung steht auch Menschen zu, die in einem Pflegeheim oder in einem Hospiz leben. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für diese Art Versorgung, sofern ein Arzt sie verordnet hat. Noch befindet sich die Koordinationsstelle des Palliativnetzes in der Spinnerei 44 in Backnang. Sie zieht um in Räume im neuen Hospiz in Backnang, sobald das Gebäude bezugsfertig ist. Das Palliativnetzwerk arbeitet mit dem Hospiz und einer Reihe anderer Spezialisten zusammen, ist aber getragen vom unabhängigen, eigenständigen Verein. Ziel ist, ein würdiges Sterben zu Hause zu ermöglichen – aber nicht um jeden Preis. Gleich zu Beginn einer Betreuung schauen die Fachkräfte, ob die Familie die Aufgabe wirklich stemmen kann, ob genügend Ressourcen dafür da sind.

Als Palliativschwester stärkt Ingrid Bihlmaier die Angehörigen. Gespräche nehmen viel Raum ein in ihrer Arbeit. Eine Mutter, die ihre Kinder zurücklassen muss und sich deshalb schuldig fühlt, möchte vielleicht reden über ihre Nöte. Oder ein alter Mensch quält sich, weil Konflikte nicht gelöst sind, weil er einen geliebten Menschen herbeisehnt, den er noch einmal sehen möchte. Sobald dieser Mensch in der Tür steht, kann er gehen – mit solchen Erlebnissen sieht sich Ingrid Bihlmaier immer wieder konfrontiert. Verschiedene Kulturen gehen jeweils anders mit dem Ende um – auch darauf gilt es sich einfühlsam einzustellen. Es gibt Angehörige, die schnell nach dem Eintritt des Todes den Bestatter anrufen möchten. Andere behalten ihren Toten noch eine Zeit lang daheim. 24 Stunden lang ist das problemlos möglich, auf Wunsch auch deutlich länger, sofern ein Bestatter informiert ist.

Wenn Ingrid Bihlmaier von einem Einsatz nach Hause fährt, reflektiert sie das Erlebte noch einmal – um sich danach abgrenzen zu können und in ihr eigenes Leben zurückzukehren. Solch eine Arbeit erfordert einen verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Psychohygiene.

Schuler: Arbeit im Palliativ-Netzwerk sehr erfüllend

„Wir sind keine traurigen Menschen“, so beschreibt Markus Schuler das Palliativ-Team. Man tauscht sich aus, nimmt Supervision in Anspruch – und kann trotz der ständigen Konfrontation mit dem Tod frohgemut im Leben stehen, „weil wir vor manchen Sachen keine Angst haben“. Schuler empfindet die Arbeit im Palliativ-Netzwerk als sehr erfüllend, weil er und das Team Menschen wirklich helfen können.

Größter Wunsch: Die letzte Zeit zu Hause verbringen

Ingrid Bihlmaier und ihre Kollegin Karin Gonser erzählen von einem 76-Jährigen, der an Lungenkrebs erkrankt war. Nach vielen Chemotherapien konnten die Ärzte im Krankenhaus nichts mehr für ihn tun. Sein größter Wunsch war es, die letzte Zeit zu Hause bei seiner Familie verbringen zu können. Seine Frau und die Kinder fürchteten zunächst, es nicht zu schaffen, nicht mehr weiterzuwissen, wenn die Schmerzen größer werden und die Atemnot zunimmt. Der Sozialdienst des Krankenhauses organisierte den Kontakt zur Palliativ-Versorgung. Der 76-Jährige lebte, unterstützt von seiner Familie, einem Pflegedienst und den Palliativ-Spezialisten, noch sieben Wochen zu Hause, bevor er starb. „In dieser Zeit konnte noch so viel ausgesprochen und geregelt werden und so viel Nähe in der Familie entstehen“, erzählt Ingrid Bihlmaier und erinnert sich an die Worte der Ehefrau des Mannes: „Er ist friedlich und in Würde zu Hause gestorben, so wie er es wollte.“


Das Palliativ-Netzwerk im Rems-Murr-Kreis

Die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) im Rems-Murr-Kreis wird von Backnang aus koordiniert. Montags bis freitags ist das Telefon von 8 bis 17 Uhr besetzt: 0 71 91/34 41 94 10.

Im Palliativnetz Rems-Murr arbeiten Palliativ-Pflegekräfte und Ärzte zusammen. Die Palliativ-Pflegekräfte sind Angestellte der Hospiz-Stiftung Rems-Murr e. V. in Backnang oder des Pflegedienstes „arche-mobil“ in Backnang-Waldrems. Hospizstiftung und „arche-mobil“ haben Kooperationsverträge mit dem Trägerverein SAPV Rems-Murr e. V.

Die Palliativ-Ärztinnen und -Ärzte kommen aus dem ganzen Rems-Murr-Kreis, haben Kooperationsverträge mit dem Verein und sind in der palliativmedizinischen Betreuung und im Ärzte-Bereitschaftsdienst engagiert.

Weitere Infos: www.palliativnetz-rems-murr.de