Rems-Murr-Kreis

Hinweise auf Zwangsprostitution im Kreis

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Hinterher kann die Besitzerin zwar ihren BH behalten – das ganze Geld aber meistens nicht. © Angelo D'Amico / Fotolia

Waiblingen. Zwangsprostitution und Menschenhandel: Es gab dieses Jahr Hinweise auf solche Straftaten im Rems-Murr-Kreis, das bestätigt die Polizei. Allerdings ließ sich der Verdacht nicht erhärten, sprich: Die Ermittlungen führten nicht zu Strafverfahren.



Als insgesamt „unauffällig“ beschreibt die Polizei das Rotlichtmilieu im Rems-Murr-Kreis. Damit ist allerdings nicht gemeint, dass bei Kontrollen immer alles fein in Ordnung wäre. „Regelmäßig“ fallen der Polizei bei Kontrollen in Rems-Murr-Bordellen beispielsweise Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz auf.

Frauen kommen hauptsächlich aus Rumänien

Das verwundert nicht, denn zum Großteil arbeiten Prostituierte aus dem Ausland in den Bordellen, das ist im Rems-Murr-Kreis nicht anders als in Großstädten. Laut Landratsamt kommen die Frauen hauptsächlich aus Rumänien. An zweiter und dritter Stelle unter den Herkunftsländern stehen Bulgarien und Ungarn.

Blutjunge Mädchen hoffen auf besseres Leben in Deutschland

Medienberichte und Einschätzungen von Hilfsorganisationen zum Schicksal vieler dieser Frauen erschüttern zutiefst. Aus ärmlichsten Verhältnissen stammend, hoffen blutjunge Mädchen auf ein besseres Leben in Deutschland, einen Job in der Gastronomie, einen einträglichen Verdienst. Nichts von alledem wird wahr. Stattdessen lässt wer auch immer die Mädchen anschaffen gehen.

Flatrate-Bordelle: Jetzt verboten

Zu übelsten Auswüchsen kam es auch im Rems-Murr-Kreis, Stichwort Flatrate-Bordelle: Der damalige Pussy-Club in Fellbach wurde im Sommer 2009 nach einer Razzia geschlossen. Vor dem Stuttgarter Landgericht sagten später Frauen aus, die auch in Fellbach wie Vieh gehalten wurden. Männer zahlten einen Festpreis (Flatrate) und durften sich dafür so oft und so viel vergnügen wie sie wollten. Vor Gericht hieß es, es seien bis zu 60 Männer pro Tag auf ein Mädchen losgelassen worden. Eine der Rumäninnen war damals 16 Jahre alt.

Menschenhändler waren auch in Fellbach aktiv

Es kam zu mehreren Verurteilungen. Zu achteinhalb Jahren Haft wurde im April 2012 ein Mann verurteilt, der als Kopf des Menschenhändlerrings galt. Sein Komplize erhielt eine Haftstrafe von fünf Jahren und drei Monaten. Die Verurteilten nahmen das Urteil zunächst nicht hin; rechtskräftig wurde es dann im Juni 2013.

Der Komplize hat in Deutschland nur einen kleinen Teil seiner Haftstrafe verbüßt. Er wurde im Februar 2014 nach Rumänien abgeschoben, berichtet Heiner Römhild, Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart, auf Anfrage. Laut Römhild sitzt der seinerzeit zu achteinhalb Jahren verurteilte Hauptangeklagte aktuell noch in Haft.

Polizei spricht von "Hinweisen" auf Zwangsprostitution und Menschenhandel

Das ist alles lang her. Trotzdem: Es fällt schwer, zu glauben, dass ausgerechnet im Rems-Murr-Kreis das Rotlichtmilieu sich heute in weißer Weste kleidet, während sich die schlimmen Dinge immer nur woanders abspielen.

Die Polizei spricht, was Zwangsprostitution und Menschenhandel im Rems-Murr-Kreis angeht, von „Hinweisen“, die es in diesem Jahr gegeben habe. „Nach entsprechenden Ermittlungen haben diese aber zu keiner Einleitung eines Strafverfahrens geführt.“

Polizei arbeitet enger mit Kommunen zusammen

In ihrer Antwort auf eine entsprechende Anfrage unserer Zeitung überrascht die Polizei mit einem durchaus politischen Statement: Seit das Prostitutionsgesetz im Jahr 2002 in Kraft getreten ist, gelte in Deutschland „eine der liberalsten Prostitutionsgesetzgebungen in Europa“ – und das hat Folgen: Deutschland sei dadurch „anfällig“ geworden „für das kriminelle Ausnutzen dieser Rechtslage“, so die Polizei.

Als „vorläufige politische Lösung“ sieht die Polizei das Prostituiertenschutzgesetz aus dem Jahr 2017. Zumindest ergeben sich für die Polizei aus dem Gesetz „verbesserte Kontrollmöglichkeiten“, und sie arbeitet in Sachen Rotlichtmilieu nun enger mit den Kommunen zusammen.

Ob sich das neue Gesetz bewährt? Mal schauen

Die Umsetzung der neuen Vorgaben lief schleppend an; es gibt Übergangsfristen. Auch deshalb lässt sich laut Polizei jetzt noch keine „belastbare Aussage“ darüber treffen, inwieweit das neue Gesetz sich bewährt.

Es ist Sache der Kommunen, vor Ort in den Bordellen zu prüfen, ob sich die Betreiber an die neuen Vorgaben des Prostituiertenschutzgesetzes halten. „Es gab bislang keine Beanstandungen“, so Frank Knopp vom Pressereferat der Stadt Fellbach. Die Große Kreisstadt beherbergt nur einen offiziellen „bordellartigen Betrieb“: Den FKK-Sauna-Club, der sich in den Räumen des damaligen Pussy-Clubs befindet. Ein neuer Betreiber übernahm seinerzeit den Club. Flatrate-Bordelle sind inzwischen verboten; der Polizei liegen keine Erkenntnisse vor, dass diese Art Bezahlsex im Rems-Murr-Kreis noch praktiziert werden könnte.

Das größte Angebot findet sich in Waiblingen

Unter den Großen Kreisstädten verfügt Waiblingen über das größte Angebot an Zimmern in Prostitutionsstätten, wie die Etablissements im Behördendeutsch heißen. In Waiblingen bieten Prostituierte in drei Bordellbetrieben ihre Dienste an, bestätigt Oliver Conradt, der Leiter der Abteilung Ordnungswesen in Waiblingen. Sie alle haben bereits ein „umfangreiches Betriebskonzept“ vorgelegt. Die Betriebe müssen solche Konzepte vorlegen, um eine endgültige Betriebserlaubnis zu erhalten, so will es das Prostituiertenschutzgesetz. Zurzeit prüft die Stadt, ob die Betriebe in der Praxis einhalten, was sie im Konzept versprechen. Die wichtigsten neuen Verpflichtungen seien bereits umgesetzt, so Conradt.

Keine Anfragen für Neueröffnungen

Anfragen für Neueröffnungen liegen der Stadt zurzeit nicht vor. Dasselbe gilt für Backnang. Die Sperrbezirksverordnung ließe in Backnang ohnehin keine weiteren Betriebe zu, so Pressesprecher Hannes Östreich. In der einzigen „Toleranzzone“ in Backnang befindet sich das Laufhaus „Eros 202“ mit 14 Zimmern. Zuletzt habe die Stadt das Haus im Juni 2018 kontrolliert. Es gab nichts zu beanstanden, berichtet Hannes Östreich: Die Frauen haben einen von der Arbeitsstätte getrennten Schlafbereich, ein Alarmsystem ist vorhanden, der Betreiber kontrolliert, ob die Frauen die Pflicht-Gesundheitsberatung nachweisen können – und im Laufhaus hängen Hinweise zur gesetzlichen Kondompflicht aus.

Hannes Östreich: „Was hinter den Kulissen passiert, weiß man natürlich nicht.“


Bordelle im Kreis

In Waiblingen gibt’s drei Bordellbetriebe, und zwar im Gewerbegebiet Eisental, an der Alten Bundesstraße sowie in der Schorndorfer Straße.

In Schorndorf gibt es ebenfalls drei Prostitutionsstätten, allerdings kleinere.

In Fellbach ist ein Bordellbetrieb gemeldet – ein FKK-Saunaclub im Gebäude des ehemaligen Pussy-Clubs.

In Backnang gibt es ein Laufhaus, das Eros 202 in der Sulzbacher Straße.

Winnenden oder Weinstadt sowie kleinere Kommunen dürfen keine Bordellbetriebe genehmigen, weil Prostitution in Kommunen mit einer Einwohnerzahl von weniger als 35 000 verboten ist.