Rems-Murr-Kreis

Integration: Kümmerer soll Flüchtlinge vermitteln

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Thomas Fett soll Betriebe und Flüchtlinge zusammenbringen © Ralph Steinemann Pressefoto

Waiblingen. Eine Arbeit zu haben, ist ein wichtiger Baustein der Integration. Um Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive in Praktika und Ausbildungen zu vermitteln, hat die IHK-Bezirkskammer Rems-Murr nun den Kümmerer Thomas Fett eingestellt. Er soll etwa 30 Personen betreuen.

In vielen Berufen herrscht ein Mangel an Fachkräften, gleichzeitig wollen Tausende Flüchtlinge mit Bleibeperspektive in den Arbeitsmarkt integriert werden. Eigentlich eine günstige Rechnung, eigentlich. Denn bisher finden Betriebe und Geflüchtete nur selten zusammen. Damit das in Zukunft besser wird, ist Thomas Fett im Rahmen des Landesprojekts „Integration durch Ausbildung – Perspektiven für Flüchtlinge“ seit Juli bei der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr als Kümmerer tätig. Gefördert wird das Projekt aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und aus dem Europäischen Sozialfonds der EU.

Bisher sei er vor allem damit beschäftigt, das neue Angebot publik zu machen und Teilnehmer zu generieren, erklärt Fett. „Ein Netzwerk besteht schon, auch gibt es in Stuttgart und einigen umliegenden Landkreisen schon länger Kümmerer“, sagt der 48-Jährige. Die Erfahrung dort habe gezeigt: Der Bedarf besteht. „Wir haben dort außerordentlich gute Erfahrungswerte gesammelt“, sagt auch Steffen Kögel, der stellvertretende Leiter der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr. Die Nachfrage sei sehr groß. Geplant sei, dass ein Kümmerer etwa 30 geflüchtete Personen betreut, wenn er wollte, könne er die Zahl aber auch locker verdoppeln.

Wichtig: Bleibeperspektive und Sprachkenntnisse

Dennoch, Qualität gehe vor Quantität, da sind sich beide Männer einig. „Natürlich möchte ich möglichst vielen Menschen helfen“, sagt Fett. „Ich will aber auch allen gerecht werden.“ Denn die Klientel des Kümmerers ist sehr breitgefächert. Unter den Flüchtlingen seien Analphabeten genauso wie Akademiker. Dass er nicht alle betreuen kann, ist dem 48-Jährigen klar. Deshalb wählt die IHK jene Flüchtlinge aus, die einerseits eine gute Bleibeperspektive haben – also jene aus Syrien, Eritrea, Somalia, dem Iran und dem Irak – und außerdem in Deutsch schon über ein gewisses Sprachniveau verfügen.

Thomas Fett geht es um die Nachhaltigkeit seiner Arbeit. Er will die Flüchtlinge nicht einfach in Ausbildungen vermitteln, sondern auch sicherstellen, dass sie in der Lage sind, diese auch durchzuziehen. Zwar sei es positiv, wenn jemand von einem Unternehmen angenommen wird, der Kümmerer freut sich aber auf einen ganz anderen Moment in seiner Laufbahn: „Wenn nach drei Jahren die Ausbildung absolviert ist, kann ich sagen: Das ist toll gelaufen!“

Nur wenige Flüchtlinge können Zeugnisse vorweisen

Damit es aber toll läuft, muss vieles zusammenpassen, denn Flüchtlinge in Praktika und Ausbildungen zu vermitteln ist keine leichte Aufgabe. Das liegt unter anderem daran, dass die Qualifikationen der Bewerber erst mühselig ermittelt werden müssen. „Nur wenige können Zeugnisse oder Zertifikate mitbringen“, erzählt Fett. Er lässt sich deshalb zuerst einmal die Biografie des Einzelnen erzählen und versucht etwas über dessen Werdegang und seine beruflichen Vorstellungen zu erfahren. Außerdem gebe es diverse Tests zur Kompetenzfeststellung.

Im Kontakt mit den Unternehmen sei es außerdem wichtig, dass es zu einem persönlichen Gespräch komme, erklärt der 48-Jährige. Denn für die Betriebe sei wichtig, wie motiviert ein Bewerber ist und ob er sich für den Beruf auch wirklich begeistern kann. „Die Nationalität steht da nicht im Vordergrund“, weiß der Kümmerer. Auch erfahre er von den Unternehmen viel Entgegenkommen, werde mit offenen Armen empfangen. „Die suchen schließlich händeringend Facharbeiter“, erklärt Steffen Kögel.

"Sie müssen mehr tun als deutsche Bewerber"

Die richtige Motivation ist auch für die Geflüchteten selbst bedeutend, sehen sie sich doch mit einigen Schwierigkeiten konfrontiert. „Sie müssen mehr tun als deutsche Bewerber“, stellt Fett fest. Denn für gewöhnlich ist ihnen nicht nur die Sprache fremd, sondern auch Kultur, Schulsystem und Gepflogenheiten. Etwa müsse man den jungen Menschen oft erklären, wie wichtig Pünktlichkeit in Deutschland ist.

Die meist unter 25-jährigen Geflüchteten anständig unterzubringen, ist Thomas Fett ein Herzensanliegen. „Ich habe selbst einen Migrationshintergrund und weiß, wie schwer Integration fallen kann“, sagt der 48-Jährige. In Rumänien geboren, sei er 1986 mit seiner Familie ausgewandert. In einer Unterkunft habe man zu viert auf zwölf Quadratmetern gelebt. „Ich wäre damals sehr froh gewesen, hätte es einen Kümmerer gegeben“, sagt Fett.

Unterstützung durch ehrenamtliche Helfer

Um sich ein Bild von der Wohnsituation der Flüchtlinge zu machen, habe er sie auch schon in ihren Wohngruppen besucht. Der Kümmerer weiß, dass vielen das Lernen in den Unterkünften schwerfalle. „Es gibt dort keine Lernatmosphäre, vor allem wenn andere Bewohner keine Ausbildung oder Sprachkurse machen.“ Viele blieben dann lange wach, seien laut – für die Praktikanten und Azubis unter den Geflüchteten keine leichte Situation.

Viel Unterstützung erhält der Kümmerer jetzt schon von den zahlreichen Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe. „Sie leisten großartige Arbeit und nehmen mir viel ab“, erzählt er. Oft bereiteten die Ehrenamtlichen schon Lebensläufe mit den Geflüchteten vor oder stellten Kontakte zu Betrieben her. „Ohne sie würde das so nicht funktionieren“, ist Fett überzeugt.

Destruktives Potenzial

Die IHK-Initiative sieht Steffen Kögel auch als Teil der gesellschaftlichen Aufgabe der Integration. Es gelte zu vermeiden, dass die jungen Migranten in die Arbeitslosigkeit abrutschten. „Sie kommen hierher mit Vorstellungen und Träumen“, erklärt er. Schnell könne Frustration entstehen, wenn all das in weite Ferne rückt. „Das schafft destruktives Potenzial“, findet auch Thomas Fett. Das gelte es zu verhindern.

Was aber kann der Kümmerer tun, wenn die Vorstellung eines Geflüchteten bezüglich seiner Karriere fernab der Realität ist? „Ehrlichkeit ist wichtig“, findet Kögel. Auf keinen Fall solle man ihm etwas vorgaukeln. Ihm seinen Traum ausreden, will Fett aber auch nicht. Er wolle in solchen Fällen Alternativen aufweisen. Wer davon träumt, Arzt zu werden, dazu aber nicht die Voraussetzungen erfüllt, könne dennoch im Gesundheitssektor arbeiten. Etwa als Arzthelfer oder medizinisch-technischer Assistent. Diese Möglichkeiten zu vermitteln, sei Aufgabe des Kümmerers.


Zur Person

Eigentlich hat der gebürtige Rumäne in Stuttgart eine Ausbildung zum Zahntechniker gemacht und nebenher die allgemeine Hochschulreife nachgeholt. Das Aneignen neuen Wissens habe dem 48-Jährigen aber so viel Spaß gemacht, dass Thomas Fett daraufhin noch begonnen hat, Germanistik und Geschichte auf Lehramt zu studieren.

Nach dem Studium hat Thomas Fett beim Bildungswerk der hessischen Wirtschaft in Darmstadt gearbeitet. Seine Beschäftigung dort sei den neuen Aufgaben sehr ähnlich gewesen, sagt der 48-Jährige.

Der Kümmerer der IHK Bezirkskammer Rems-Murr ist telefonisch unter 0 71 51/9 59 69 87 13 und per E-Mail (thomas.fett@stuttgart.ihk.de) zu erreichen.