Rems-Murr-Kreis

Ist seit den Pfingstferien die Schule „im Leerlauf“?

Das Schulleben vor den Ferien_0
Das Leben ist schön – vor allem, wenn im Ranzen fast nichts mehr mitgeschleppt werden muss, weil die Ferien nahen. © Pixabay.com

Waiblingen. Letzte Klassenarbeit vor den Pfingstferien und dann gute 13 Wochen lang den Stift aus der Hand fallen lassen? Ist die Formulierung „Schule im Leerlauf“ zu provokant, womöglich gar falsch oder doch richtig? Mütter, eine Lehrerin, ein Schüler und Rektoren haben sich gemeldet und ihre Sicht aufs Schulleben geschildert.

„Hier nicht!“, schreibt Anna H. und meint den Leerlauf. Ihr Kind geht auf eine Realschule, die von der Mutter ein ausdrückliches Lob erhält. Freilich, meint sie, seien vor den Pfingstferien viele Klassenarbeiten geschrieben worden. „Aber auch jetzt nach den Ferien wurden bei meinem Kind noch zwei Klassenarbeiten und zwei Test geschrieben und eine Präsentation gehalten. Innerhalb von zwei Wochen! Es ist also nicht so, dass sie gar nichts mehr machen beziehungsweise lernen müssen.“

Die Schulbücher, schreibt Anna H., würden erst in der letzten Schulwoche abgegeben. Und außerdem: „Wer will bei der Hitze denn schon lernen oder ewig Hausaufgaben machen? Andere Bundesländer haben jetzt schon Ferien. Daher freue ich mich für mein Kind, dass es nun langsam ausläuft.“

Nur noch Filme im Unterricht? Oder immer schwierigere Kinder?

Die Mutter einer Gymnasiastin ist weniger zufrieden: Gerade noch zwei Stunden Unterricht habe die Tochter an einem dieser Tage. In vielen Stunden würden nur noch Filme geguckt. Und so oft seien die Lehrer überhaupt nicht mehr anwesend. Besonders ärgerlich sei, wenn es vor dem Schuljahresende schon so zugehe, dass dann im Gegenzug, wenn aus wichtigen Gründen eine Beurlaubung für das Kind gebraucht werde, es überaus schwierig sei, eine solche genehmigt zu bekommen.

Ein anderer Gymnasiast erzählt: „Ja, ja, die Lehrer machen schon noch Unterricht. So irgendwie halt. Nicht so richtig. Aber wir passen alle nicht mehr auf.“

Michael Gomolzig, Sprecher des Verbands Bildung und Erziehung VBE, Rektor der Geradstettener Grundschule und, wie er schreibt, Vater dreier mittlerweile erwachsener Töchter, schreibt, dass es Lehrer selten allen recht machen könnten. „Für Lehrer, die bis zum letzten Schultag ihren regulären Unterricht abhalten und keine Wandertage, Lerngänge, von Schülern einstudierte Theateraufführungen, Konzerte, Sportveranstaltungen, Lesenächte oder Klassenfeste in den Alltag einbauen, zeigen weder Schüler noch Eltern Verständnis.“

Hier zeigt sich der „wahre Schul-Meister“

Was die Schulbücher angeht, ist Gomolzig der Meinung, dass „Portfolios mit selbstangefertigten Arbeitsblättern, Lehrfilme, Plakate, Folien, Lernspiele, Whiteboards, eine Klassenbücherei, Versuchsanordnungen, eine Dokumentenkamera und das ganz normale Schreibheft“ die Schülerinnen und Schüler durchaus fordern könnten. Der „wahre Schul-Meister“ schaffe es, Schüler, die „gedanklich bereits in den Ferien sind, bei sommerlicher Hitze in nichtklimatisierten Klassenzimmern, und ohne die Notenkeule schwingen zu müssen, immer noch zu anhaltender Mitarbeit“ zu motivieren. Doch bei „manch engagiertem Pädagogen“ sei kurz vor Schuljahresende die Luft ein wenig draußen“ – bei „schwieriger werdenden Kindern und Jugendlichen“. Zumal auch die Schulberichte, verbale Beurteilungen und Lernstandsdiagnosen angefertigt und in Zeugniskonferenzen an Nachmittagen erörtert werden müssten.

Eine Mutter ist „hin- und hergerissen“

Sven Kubick, Rektor der Albertville-Realschule in Winnenden, hebt einen Faktor hervor, der die Realschulen am Ende des Schuljahres besonders betrifft: Realschulen unterrichten inzwischen auf zwei verschiedenen Niveau-Stufen, auf Realschul- und auf Hauptschulniveau. Da der weitere Lernweg jener Schülerinnen und Schüler, die die Niveau-Stufen wechseln, besonders ausführlich diskutiert werde und auch die Eltern ein Mitspracherecht und eine Woche Bedenkzeit hätten, ob das Kind wiederholen oder das Niveau wechseln soll, dauerten die Zeugniskonferenzen wesentlich länger, als es noch in den letzten Jahren der Fall war. Die Lehrerbelastung sei „am Ende des Schuljahres enorm hoch“. Dennoch würde in den Wochen zwischen den Ferien nicht Nichts gemacht. Es gebe Projektwochen, Berufsorientierungspraktika und so weiter. Das sei nicht immer mit einer Leistungsmessung verbunden, doch „wir sehen das als wichtigen Unterricht“.

Ein besonderes Licht wirft die Mail von Kirsten M. auf die Zeit zwischen den Ferien. Die Mutter dreier schulpflichtiger Kinder schreibt, sie sei „hin- und hergerissen“: „Als Mutter konnte ich Dinge nachvollziehen, als Lehrerin fühlte ich mich indirekt angegriffen.“ Sie will nicht die Gründe aufzählen, „warum die Situation in Schulen nach den Pfingstferien so ist, wie sie ist“. Aber eines könne sie sagen: „Es liegt nicht daran, dass die Lehrer die Füße hochlegen und bereits in den Ferien sind!“


Ideen gesucht

Auf Facebook sind viele Menschen oft sehr schnell mit Kritik dabei. Wut, Frust und Enttäuschung sind flott in die Tasten gehackt. Die Anonymität macht es noch leichter zu schimpfen.

Zu diesem Thema aber gab es keinen einzigen Wut-Post. Das ist ausgesprochen selten und sehr auffällig.

Die in der Redaktion bekannte Kritik am aktuellen Schulleben wurde immer im direkten Gespräch oder in Mails kundgetan. Sie war vom eigenen Erleben geprägt und reflektiert.

Sprüche wie „Alle Lehrer sind faul“ fielen nie. Vielmehr eher die Frage, wie das System Schuljahr und Schulbetrieb so geändert werden könnte, dass solche Probleme nicht mehr auftauchen.

Wer hat diesbezüglich Ideen? Wer bringt Erfahrungen aus anderen Ländern mit? Was könnte das Schulleben für Lehrer und Kinder besser machen? Ideen und Informationen an pia.eckstein@zvw.de