Rems-Murr-Kreis

Jeder zwölfte Haushalt im Kreis ist überschuldet

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Symbolbild. © Pixabay / NGi

Waiblingen. Wohnen muss jeder. Steigende Mieten und hohe Kosten für ein Eigenheim werden jedoch für immer mehr Bürger zum Überschuldungsrisiko. Im Rems-Murr-Kreis ist jeder zwölfte Haushalt überschuldet, weist der aktuelle Schuldneratlas der Wirtschaftsauskunftei und des Inkassodienstleisters Creditreform aus.

Wie sieht die Überschuldung bundesweit aus?

„Die Überschuldungslage privater Verbraucher in Deutschland bleibt trotz weiterhin stabiler Konjunktur im Jahr 2018 angespannt“, schreibt Creditreform im Schuldneratlas 2018. Die Zahl überschuldeter Verbraucher sei bundesweit zum fünften Mal in Folge auf fast sieben Millionen angestiegen. „Für viele Verbraucher in Deutschland bleibe die Überschuldungsampel damit auf „Rot“, so Creditreform. Die Quote liegt bei über zehn Prozent. Und das, obwohl die Arbeitslosigkeit den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung erreichte. Im Rems-Murr-Kreis ging die Überschuldung leicht zurück. Der Verlust des Arbeitsplatzes gilt als einer der Hauptauslöser von Überschuldungsprozessen. Zunehmend gelte aber offenbar die Devise: kein Auskommen mit dem Einkommen.

Wie schlagen sich die steigenden Mieten und teuren Immobilien in den Haushaltskassen nieder?

Zudem wird Wohnen in deutschen Großstädten in vielen Fällen offensichtlich zunehmend zum Überschuldungsrisiko. Das Preisniveau für Mietwohnungen und Eigenheime habe in den letzten Jahren vor allem in großen Städten und Ballungszentren, zuletzt auch in kleinen und mittelgroßen Städten, deutlich zugenommen. Die „Mietbelastungsquote“ sei für viele Verbraucher gestiegen. Dabei werden Mietkosten selbst bei knapper werdenden finanziellen Ressourcen meist vorrangig beglichen, denn die Nichtzahlung von Mietkosten hat für den Mieter meist drastische Folgen. Daher wird sich die durch hohe Wohn- und Mietkosten induzierte Überschuldungsdynamik erst zeitverzögert und mittelfristig entfalten.

Wie viele Verbraucher gelten im Rems-Murr-Kreis als überschuldet?

Zum Stichtag 1. Oktober 2018 waren 28 134 (Vorjahr: 28 473) Einwohner des Rems-Murr-Kreises überschuldet. Die Schuldnerquote sank von 8,2 auf 8,0 Prozent. Dieser Rückgang entsprach in etwa dem der Region Stuttgart insgesamt. Überdurchschnittlich hoch ist die Schuldnerdichte weiterhin in Großerlach, wo die Quote erneut gestiegen ist und nun bei zwölf Prozent liegt. In Großerlach hat die diakonische Obdachloseneinrichtung Erlacher Höhe ihren Sitz. In Waiblingen erreichte die Schuldnerquote 11,1 Prozent und ist damit ebenfalls relativ hoch. – Am geringsten verschuldet sind die Bürger in Alfdorf und Auenwald. Dort liegt die Verschuldungsquote lediglich bei 5,4 Prozent beziehungsweise 5,6 Prozent.

Wie schaut es in der Region Stuttgart aus?

Anders als im Land Baden-Württemberg verzeichnete die Region Stuttgart (Stadt Stuttgart und die umliegenden Landkreise) im Jahresverlauf 2018 einen Rückgang der Überschuldungsfälle (Quote: 8,2 Prozent) auf. Hinter Stuttgart (10,1 Prozent) weisen Göppingen (8,5 Prozent) und der Rems-Murr-Kreis (8,0 Prozent) die höchsten Verschuldungen auf.

Warum geraten immer mehr Verbraucher in ein finanzielles Schlamassel?

Creditreform erkennt trotz des Anstiegs der Überschuldungsfälle in Deutschland einen leichten Positivtrend: Erstmals seit dem Jahr 2008 sei die Zahl der Überschuldungsfälle mit sogenannter „hoher Überschuldungsintensität“ (vereinfacht: juristische Sachverhalte) zurückgegangen. Hingegen nahm die Zahl der Überschuldungsfälle mit geringer Intensität zu. Dieser deutliche Anstieg der „weichen“ Überschuldung zeige die Folgen einer zunehmenden Konsumverschuldung an.

Die Analyse der Hauptauslöser für Überschuldungsprozesse, die seit 2008 kontinuierlich vom Statistischen Bundesamt erhoben werden, zeigt, dass vorwiegend ökonomische Auslöser wie Arbeitslosigkeit (Anteil 2018: 20 Prozent) und gescheiterte Selbstständigkeit (8 Prozent) langfristig an Bedeutung verloren haben. Aufgrund der in den letzten Jahren insgesamt stabilen Konjunktur haben sich ihre Anteile als Hauptüberschuldungsursachen deutlich verringert. Zugleich verzeichneten die Überschuldungsauslöser Erkrankung, Sucht, Unfall (16 Prozent) sowie unwirtschaftliche Haushaltsführung (13 Prozent) merkliche Anstiege als Gründe für Überschuldungsfälle.

Welche Altersgruppen sind besonders hoch verschuldet?

Je jünger, desto höher die Schulden. Während sich die unter 30-Jährigen noch über die Runden retten können (Rems-Murr-Quote: 6,7 Prozent), steigt die Verschuldung in der Altersklasse der 30-Jährigen deutlich auf über elf Prozent an und sinkt dann wieder ab. Bei den über 70-Jährigen liegt die Verschuldungsquote bei nur noch zwei Prozent. Das Phänomen der „Altersüberschuldung“ gewinnt jedoch laut Creditreform weiter an Bedeutung. Die Zahl älterer überschuldeter Verbraucher hat zuletzt deutlich zugenommen, während die Zahl jüngerer überschuldeter Verbraucher eher abgenommen hat. Forciert werde diese Entwicklung zum einen durch die demografische Situation, da die Altersgruppe der Senioren auch zahlenmäßig zunimmt. Zum anderen machen sich die deutlichen Überschuldungstendenzen der Vorjahre in den damals noch mittleren Altersgruppen bemerkbar. So ist fast jede zehnte Person im Alter zwischen 50 und 59 Jahren als überschuldet anzusehen. Diese Personen werden älter und nehmen ihr Überschuldungsproblem mit.

Können Frauen eigentlich besser mit Geld umgehen als Männer?

Frauen standen 2018 für fast alle neuen Überschuldungsfälle. Mit zunehmender Wirtschaftsaktivität weiblicher Personen, aber auch aufgrund des Trends zu mehr Alleinerziehenden, dürfte sich die Verschuldungssituation von Personen des weiblichen Geschlechts künftig weiter dem der Männer annähern. Im Rems-Murr-Kreis galten 2018 etwa 5,7 (2017: 5,8) Prozent der Frauen als überschuldet, während die Quote bei den Männern bei 10,5 (10,3) Prozent gelegen hat.

 

Was bedeutet eigentlich „überschuldet“?

Der Schuldneratlas Deutschland untersucht, wie sich die Überschuldung von Verbrauchern innerhalb Deutschlands kleinräumig verteilt und entwickelt. Überschuldung liegt dann vor, wenn der Schuldner die Summe seiner fälligen Zahlungsverpflichtungen auch in absehbarer Zeit nicht begleichen kann und ihm zur Deckung seines Lebensunterhaltes weder Vermögen noch Kreditmöglichkeiten zur Verfügung stehen, so Creditreform. Oder kurz: Die zu leistenden Gesamtausgaben sind höher als die Einnahmen.

Die Negativmerkmale setzen sich zusammen aus den aktuell vorliegenden juristischen Sachverhalten, also den Daten aus den amtlichen Schuldnerverzeichnissen (früher: Haftanordnung und Eidesstattliche Versicherung sowie Privatinsolvenzen), unstrittigen Inkasso-Fällen von Creditreform gegenüber Privatpersonen und nachhaltigen Zahlungsstörungen. Nachhaltige Zahlungsstörungen werden in einer Minimaldefinition abgegrenzt durch den Tatbestand von mindestens zwei, meist aber mehreren vergeblichen Mahnungen mehrerer Gläubiger.

Zwei Formen von Überschuldung werden in der Analyse unterschieden: Fälle mit „hoher Überschuldungsintensität“ basieren auf einer hohen Anzahl von miteinander verknüpften Negativmerkmalen, meist juristischen Sachverhalten und unstrittigen Inkasso-Fällen, zudem oft nachhaltigen Zahlungsstörungen.

Fälle mit „geringer Überschuldungsintensität“ basieren auf einer eher niedrigen Anzahl von Negativmerkmalen, oft auch sogenannten nachhaltigen Zahlungsstörungen.