Rems-Murr-Kreis

Jedes achte Kind im Rems-Murr-Kreis lebt in Armut

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Symbolbild. © Pixabay.com/freestocks-photos
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Margritta Knauß ist Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes Rems-Murr: Die Armut wächst im Verborgenen.

Schorndorf. Margritta Knauß vom Kinderschutzbund kennt die Ausreden, in die sich arme Familien retten. „Keine Zeit“, heißt es beispielsweise, um nicht zugeben zu müssen, dass man sich einen Kneipenabend schlicht nicht leisten kann. Selbst kurze Schulausflüge der Kinder sind für arme Familien ein finanzieller Kraftakt. Eine Studie des Paritätischen Gesamtverbandes stellt eine wachsende soziale Kluft zwischen armen und reichen Familien fest.

Im Zehn-Jahres-Vergleich ist die ohnehin breite Schere zwischen den Haushaltseinkommen der ärmsten und der reichsten Familien weiter auseinandergegangen, lautet der Befund des Paritätischen Gesamtverbandes, des Dachverbandes von über 10 000 Organisationen, Einrichtungen und Gruppierungen im Sozial- und Gesundheitsbereich. Bundesweit zählt jedes fünfte Kind bzw. Jugendliche zu den Armen. Im Rems-Murr-Kreis lebt jedes achte Kind in Armut. Von „Hartz IV“ leben müssen rund 5500 Kinder unter 15 Jahren.

Dass sich die Armut verschlimmert, kann Margritta Knauß, Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes Schorndorf-Waiblingen, bestätigten. Nach außen soll jedoch möglichst die eigene Misere nicht dringen. Die Angst vor sozialer Ächtung ist groß. Seit 1. August will das Starke-Familien-Gesetz Familien mit kleinen und mittleren Einkommen wirksamer vor Armut schützen, den Bedarf von Kindern sichern und den Zugang zu Leistungen des Bildungs- und Teilhabepakets verbessern, wie es kürzlich in einer Mitteilung des Landratsamts Rems-Murr hieß.

Doch Margritta Knauß weiß aus ihren Erfahrungen, dass gerade bedürftige Familien die Bürokratie scheuen und mit den Anträgen überfordert sind. Statt ihren leeren Geldbeutel zu offenbaren und einen Zuschuss für die Klassenfahrt zu beantragen, wird lieber an allen Enden und Ecken gespart. Die Erfahrung in der Vergangenheit zeigte: Die vorhandenen Mittel für Bildung und Teilhabe werden oft nicht ausgeschöpft.

Einmal in der Woche vom Baby-Stress erholen

Der Kinderschutzbund hat bei seinem „Wellcome“-Projekt auf diese Scheu reagiert. Wellcome bietet jungen Eltern die Möglichkeit, zumindest einmal in der Woche vom Baby-Stress auszuspannen. Ehrenamtliche Mitarbeiter kommen für zwei, drei Stunden in die Familie, damit die Mutter mal ganz für sich etwas unternehmen kann, Freundinnen treffen und bummeln gehen. „Aber nicht den Haushalt aufräumen!“, betont Margritta Knauß. Immer mehr Familien aber könnten sich den Eigenbeitrag von fünf Euro pro Stunde nicht leisten. Ihnen werde der Eigenanteil deshalb erlassen.

Wie die Forschungsstelle des Paritätischen Gesamtverbandes ermittelte, hat in den vergangenen Jahren der Konsum im Durchschnitt moderat und beim obersten Zehntel spürbar zugenommen. Ärmere Kinder hingegen mussten sich über die Jahre weiter einschränken: Arme Familien hatten real weniger Geld als noch zehn Jahre zuvor zur Verfügung, um ihren Kindern mehr als das physisch Notwendige zu finanzieren. „Arme Kinder werden ärmer und immer weiter abgehängt. Das, was für die Mehrheit Gleichaltriger selbstverständlich ist, bleibt ihnen aufgrund der Einkommenssituation ihrer Eltern versagt“, so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands.

Das Gefühl nicht dazu zu gehören, ausgegrenzt zu sein

Arme Familien hätten faktisch immer weniger im Portemonnaie und gespart werde notgedrungen an allem, was über das physisch Überlebensnotwendige hinausgehe. „Während die breite Mehrheit sich immer mehr leisten kann, sind arme Kinder zunehmend außen vor.“ Das Gefühl nicht dazu zu gehören, ausgegrenzt zu sein, und abseits stehen zu müssen, sei das Lebensgefühl armer Kinder in Deutschland. „Frust, Resignation, weniger Bildungserfolg und höhere Krankheitsanfälligkeit sind schließlich sehr häufig die Folgen der Einkommensarmut der Familien“, so Schneider.

Für Margritta Knauß ist es schlicht ein Unding, dass bei Hartz IV Familien das Kindergeld mit der Grundsicherung verrechnet wird. Ebenso wird die Sozialhilfe der Familie – im Jobcenterjargon „Bedarfsgemeinschaft“ genannt – gekürzt, wenn ein Jugendlicher sich nicht auf die faule Haut legt und sich einen Neben- oder Ferienjob sucht, um ein paar Euro zu verdienen.

Wie weit die Welten von Arm und Reich auseinander liegen, zeigen diese Zahlen des Paritätischen: Während die durchschnittlichen Ausgaben für ein Kind bei rund 600 Euro liegen, konnten sich die ärmsten zehn Prozent der Paarhaushalte mit einem Kind nur 364 Euro für ihr Kind leisten. Die reichsten zehn Prozent der Familien gaben im Schnitt 1200 Euro im Monat für ihr Kind aus. Besonders eklatant seien die Differenzen bei den Ausgaben für die sozialen Grundbedarfe der Teilhabe.

44 Euro pro Monat für Freizeit, Unterhaltung und Kultur

Ob Spielzeug, Zoo-Besuch, das gelegentliche Eis bei einem Ausflug oder auch eine Kindertheatervorstellung: Insgesamt konnten die ärmsten Paarhaushalte mit einem Kind gerade einmal 44 Euro pro Monat für Freizeit, Unterhaltung und Kultur sowie außerhäusliche Verpflegung ihres Kindes ausgeben und damit – preisbereinigt – fast 30 Prozent weniger als zehn Jahre zuvor. Der Durchschnitt gab für ein Kind fast dreimal so viel (123 Euro) aus, die reichsten zehn Prozent dagegen sogar 257 Euro und damit fast sechsmal so viel wie die ärmsten Familien und preisbereinigt sogar 14,7 Prozent mehr als zehn Jahre vorher. „Ein gleichberechtigtes Aufwachsen ist für die Kinder in den einkommensarmen Haushalten nicht möglich.“

Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert, das Bildungs- und Teilhabepaket zu ersetzen durch einen Rechtsanspruch auf Teilhabe im Kinder- und Jugendhilfegesetz. Darüber hinaus müsse der Familienlastenausgleich „vom Kopf auf die Füße gestellt“ werden: Der Verband plädiert für die Einführung einer einkommens- und bedarfsorientierten Kindergrundsicherung.


Kinderreich Rems-Murr

„Kinderreich Rems-Murr“, eine Initiative der Schorndorfer Unternehmerin Karin Feig zusammen mit dem Kinderschutzbund Schorndorf/Waiblingen, will das regionale Engagement für eine starke Gesellschaft fördern und einen Beitrag gegen Kinder- und Jugendarmut leisten. Finanziell unterstützt vom Q-Member-Club fördert Kinderreich Rems-Murr konkrete Angebote für bedürftige Kinder und Jugendliche aus der Region und will so eine soziale und kulturelle Ausgrenzung verhindern. Kinderreich bietet direkte Familienhilfen an, unterstützt beispielsweise das Projekt „WiR - Wachsen im Respekt“, Sommerferienaktionen oder die Aktion „Wunschbaum“ zu Weihnachten. Seit 2019 wird auch eine integrationskursbegleitende Kinderbetreuung für Mütter angeboten, die an einem Integrationskurs an der VHS Schorndorf teilnehmen.

Spendenkonto: Deutscher Kinderschutzbund Kreisverband Schorndorf/Waiblingen, Initiative Kinderreich Rems-Murr, Kreissparkasse Schorndorf, IBAN: DE 61 602 500 1000 150 769 33, BIC: SOLADES1WBN