Rems-Murr-Kreis

Jogger und Hunde: Verhaltens-Tipps von der Expertin

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Symbolbild. © Alexander Roth

Waiblingen. „Der will nur spielen“: Auf Jogger wirkt dieser Hinweis mancher Hundebesitzer zuweilen nervtötend. Meist reagieren Hunde zwar gelassen auf Läufer und Fahrradfahrer – doch manchmal kommt es eben doch zu Zwischenfällen. Polizeihundeführerin Claudia Dieth gibt Tipps, wie sich unangenehme Situationen vermeiden lassen.

Kürzlich kam es in Beinstein zu einen Vorfall, den jeder Läufer fürchtet: Ein Schäferhund stürmt kläffend und zähnefletschend auf eine Joggerin zu. Sie kommt nur deshalb mit dem Schrecken davon, weil der Hund angeleint ist und die Besitzerin das Tier wegzieht. Die Frau geht einfach weiter, als wär’ nichts gewesen.

Vielleicht war es nicht das erste Mal, dass der Hund aggressiv reagiert hat. Ein Tier, das solch ein Verhalten zeigt, sei immer an einer festen Leine zu führen, sagt Kriminalhauptkommissarin Claudia Dieth, die seit zehn Jahren als Polizeihundeführerin arbeitet und derzeit ihren zweiten Polizeihund ausbildet. Flexible Leinen hält sie in solchen Fällen für nicht geeignet; „in Gefahrensituationen kann man mit diesen Leinen sehr schlecht reagieren.“

Natürlich sollte es erst gar nicht zu Gefahrensituationen kommen. Claudia Dieth erzieht ihre Hunde so, dass sie vorbeilaufende Jogger „nicht als Stress, sondern als positives Erlebnis“ betrachten. Sofern die Tiere auf ein Kommando wie „Warte“ oder „Seite“ richtig reagieren, erhalten sie „positive Bestätigung“, etwa ein Leckerli, ein Lob oder ein Spielzeug, erklärt Claudia Dieth. „Wenn jemand dabei unerfahren ist, kann man das mit Hilfe eines Hundetrainers aufbauen.“

"Das gehört sich als Hundebesitzer"

Die Polizeihundeführerin lässt ihre Hündin neben sich absitzen, bis die Situation vorbei ist, egal wie oft bei einem Spaziergang: „Meine Hündinnen freuen sich schon auf den nächsten Jogger oder Fahrradfahrer, denn dann gibt es immer Leckerli.“ Auf vielbefahrenen Wegen lässt die Polizistin ihre Hündinnen angeleint. „Nur auf den Feldern, bei denen ich den Überblick habe, lasse ich sie freilaufen. An Maisfeldern oder Obstplantagen rufe ich sie zu mir, um keine Überraschung danach zu erleben. Das gehört sich als Hundebesitzer.“

Die Expertin erlebt oft, dass sich Leute bedanken und über den gut erzogenen Hund freuen. Natürlich klappt das Miteinander nicht immer so gut. Claudia Dieth gibt Tipps:

Wie verhält man sich als Jogger richtig, um Hunde nicht zu provozieren?

Es geht überwiegend nicht um Provokation. Bewegte Bilder – und darunter fallen Jogger, Fahrradfahrer und so weiter – sind zuallererst mal interessant. Da kommt was angerannt oder angefahren. Der Jogger erhält die Aufmerksamkeit. Kommt keine Reaktion und kein Kommando vom Hundebesitzer, dann macht der Hund, was er will. Um das zu vermeiden, sollte der Jogger die Situation von weitem schon beobachten und einschätzen. Ist der Hund angeleint? Ist der Hundebesitzer abgelenkt oder komme ich von hinten oder hat er mich überhaupt wahrgenommen? Wenn nicht, dann muss ich mich bemerkbar machen, um dem Hundebesitzer die Möglichkeit zu geben, zu reagieren, den Hund zu sichern oder herzurufen. Ebenso sollte man in unklaren Situationen das Lauftempo verlangsamen und in normalem Ton reden. Ist alles klar, dann kann’s weitergehen. Am besten, wenn man an Hund und Hundebesitzer vorbeigelaufen ist.

Der Hundebesitzer wird dankbar sein, wenn er vom Jogger die Chance bekommt, seinen Hund auf diese Begegnung einzustellen. Im Gegenzug muss man vom Hundebesitzer erwarten, dass er zumindest in seiner Blickrichtung solche Situationen erkennt und rechtzeitig seinen Hund abruft.

Wie kann man als Jogger frühzeitig erkennen, dass ein Hund sich vielleicht aggressiv verhalten könnte?

Das ist schwer zu beantworten, denn es gibt zwar die typischen Eskalationsstufen eines Hundes – aber diese können individuell unterschiedlich ausgeprägt sein. Es gibt unterschiedliche Formen der Aggression bei Hunden. Ich muss damit rechnen, dass der Hund anfängt zu bellen und an gespannter Leine ist, sobald ich an einem Hund vorbeilaufe. Deswegen joggt man nicht an einem Hund vorbei, sondern versucht, einen seitlichen Abstand zu halten und das Tempo bis hin zum normalen Fußgängertempo zu verringern.

Welches Verhalten ist richtig, wenn ein nicht angeleinter Hund einen Jogger anbellt?

Das Allerschwierigste ist, innere Ruhe zu bewahren. Man sollte stehen bleiben und den Hund nicht mit den Augen fixieren, das wäre eine Bedrohung für den Hund. Wenn der Hund nur bellt, dann kann man ja abwarten, bis der Hundebesitzer kommt und den Hund in sicherem Abstand hält und anleint. Alle anderen Verhaltenshinweise sind individuell vom Selbstbewusstsein und der Hundeerfahrung des Joggers und dem Hund abhängig.

Ist zum Beispiel bei Schäferhunden oder Rottweilern besondere Vorsicht geboten?

Man kann es nicht an Hunderassen festmachen. Es kommt tatsächlich darauf an, ob der Hund erzogen ist und er weiß, wie er sich in unserer Gesellschaft verhalten soll oder nicht. Weiterhin ist es wichtig, dass der Hund zufrieden ist, dass er generell richtig und sinnvoll beschäftigt und ausgelastet ist. Liegt das alles vor, dann ist es unerheblich, welcher Hunderasse man auf dem Spaziergang begegnet. Man kann aber leider nicht in den Hund hineinschauen. Deswegen sollte man bei jedem Hund die Situation von neuem einschätzen.


Vorfälle mit schilmmen Folgen

Zwar nicht sehr häufig, aber doch immer wieder verletzen Hunde Menschen schwer. Gut zwei Jahre liegt ein Vorfall in Fellbach zurück. Ein Rottweiler griff einen 26-Jährigen an und verletzte ihn schwer. Der Mann war mit dem Hund in den Weinbergen spazieren gegangen; das Tier gehörte einer Bekannten. Der 26-Jährige hatte zunächst mit dem Tier gespielt und getobt – bis der Rottweiler ihn angriff. Anwohner hörten Hilfeschreie und retteten den Mann. Die Gemeinde Remshalden – dort wohnte die Halterin – verfügte seinerzeit, dass der Hund nur noch mit Maulkorb und an der Leine vor die Tür darf.

Anfang Februar 2018 verletzte ein Rottweiler auf einem Firmengelände in Geradstetten eine Frau sehr schwer. Die Frau musste mit einem Rettungshubschrauber in eine Klinik geflogen werden. Auch in diesem Fall waren der Hund und die Frau sich eigentlich vertraut gewesen. Die 40-Jährige arbeitete seit längerem bei der Firma. In einem umzäunten Areal durften sich dort seinerzeit drei Rottweiler frei bewegen.

Im Bärenbachtal in Urbach gab es lange Zeit Ärger, weil zwei Schäferhunde immer wieder von einem landwirtschaftlichen Anwesen ausbüxten. Einer der Hunde biss eine Spaziergängerin und verletzte sie leicht. Die Gemeinde schritt ein, und in jüngster Zeit „ist mir nichts mehr untergekommen“, sagt Hauptamtsleiter Jürgen Schunter auf Anfrage.