Rems-Murr-Kreis

Junge Union: Die CDU hat „komplett verkackt“

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Man löst das Klimaproblem nicht, indem man diese jungen Leute als Schulschwänzer bezeichnet: „Fridays for Future“-Demo mit der Umweltaktivistin Greta Thunberg. © Foto: Jörg Carstensen/dpa
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Die CDU hat „komplett verkackt“, sagt Ann-Cathrin Simon, Junge Union. © Bernhardt

Waiblingen. Diese Wahl war ein Aufstand der Jugend, der Youtube-Generation, der „Fridays for Future“-Bewegung. Drei Gespräche mit jungen Leuten von Jusos, Junger Union und Grüner Jugend.

Diese Zahlen sind brutal deutlich: Hätten bei der Europawahl nur Menschen unter 30 wählen dürfen, dann hätten die Grünen mit 33 Prozent Platz eins geholt – haushoch vor der CDU, 13. Die Satire-Truppe Die Partei wäre mit 8 nur knapp hinter der 10-Prozent-SPD gelandet (und vor der AfD, 6). Wenn das die Zukunft ist, sollten die sogenannten großen Volksparteien endlich mal allerschwerstens ins Grübeln kommen.

Ann-Cathrin Simon, Junge Union: Jugend wurde nicht ernstgenommen

Manchmal tut ein klares Wort not, auch wenn es in den Ohren der Alten schrill klingen mag: „Die Jugend abzuholen“ – diese Aufgabe habe die CDU „komplett verkackt“, sagt Ann-Cathrin Simon, Vorsitzende der Jungen Union Rems-Murr.

Erstens: Wenn „so viele“ junge Leute Freitag für Freitag „auf die Straße gehen“, könne man die Sorge ums Klima nicht einfach „vom Tisch wischen“, indem man sagt: Schuleschwänzen geht aber nicht.

Zweitens: Im Streit um Artikel 13, der das Urheberrecht im Internet regelt, habe sich die Junge Union „ganz klar gegen Uploadfilter positioniert“ und in einer Stellungnahme an die Mutterpartei gegen den Kurs der Alten protestiert. „Es kam überhaupt nichts zurück, wir wurden schlicht ignoriert. Das ist schon sehr deprimierend.“

Drittens: Dass die CDU auf das flotte, argumentativ starke, wenn auch nicht bis zum öffentlich-rechtlichen Gähnkrampf ausgewogene Video des Youtubers Rezo „mit einer elfseitigen Hausarbeit“ antwortete, „zeigt, dass man gar nichts verstanden hat“. Und davor hatten viele Rezos Recherchen einfach pauschal abgetan als „Pseudoinformationen“. Folge: „Da fühlt sich die Jugend nicht ernstgenommen, völlig zu Recht!“

Wenn’s die Alten dermaßen verpeilen, müssen eben die Jungen den Dialog suchen: Ann-Cathrin Simon will jetzt Einladungen an Youtuber schicken, eine Podiumsdiskussion organisieren, „gemeinsam überlegen, welche Lösungen man finden kann“; auch streiten, natürlich. Die Junge Union will zum Beispiel in Sachen Klimaschutz „keine Verbote“, sondern „Innovationen“ im Einklang mit der Wirtschaft. Das Ziel aber sei doch für alle gleich: „Wir wollen ja noch ein paar Jahrzehnte auf dem Planeten leben.“

Arnad Kajtezovic, Jusos: Die SPD muss sich verjüngen

Er sei „nicht sonderlich überrascht, dass wir so schlecht abschneiden“, sagt Arnad Kajtezovic vom Vorstand der Jusos Rems-Murr. „Die jungen Menschen haben einfach kein Vertrauen mehr in so eine alteingesessene Regierungspartei“ wie die SPD. Die verwaltet so vor sich hin, sturzvernünftig und visionsfrei, die Funktionäre funktionieren und machen, was sie machen, weil sie’s immer so gemacht haben, und jede auch nur ansatzweise freche Idee wird kleingeschreddert. Wenn Kevin Kühnert mal etwas grundsätzlicher nachdenkt über den Kapitalismus, dann moderieren die Alten das gönnerhaft weg nach dem Motto: Ach, der ist halt noch jung. Bei den Alten gelten die Jusos als eine Art „Schule,“, wo die Kinder „üben, Politiker zu werden“.

„Mein halber Freundeskreis“, sagt Kajtezovic, „hat Die Partei gewählt“: keine Berufspolitiker, die zu ihrer Kaste halten, sondern Satireprofis; keine Hinterzimmerkungler, sondern Transparenz-Erzeuger, die den europäischen Politbetrieb in seiner ganzen Schwerfälligkeit und manchmal auch Absurdität öffentlich vorführen.

Mehr „junge Leute in den Parlamenten“ wünscht sich Kajtezovic – aber die sollen dann bitte nicht „ihr ganzes Leben dort vergammeln“. Die Jugend „hat einfach keinen Bock mehr auf Leute“, die bis zum Lebensende im Parlament sitzen, „damit ihr Geld verdienen“ und sich längst mit jedem angeblichen Sachzwang arrangiert und jedes Denken in Alternativen abgewöhnt haben.

Das Wahlprogramm war „ja nicht schlecht: Besteuerung von Amazon und Apple, CO2-Steuer, Mindestausbildungsvergütung“. Aber das reicht nicht. Vielleicht müsse sich die SPD „einfach damit abfinden“, dass es die Grünen und Die Linke auch gibt – und anstatt sich dauernd eifersüchtig von denen abzugrenzen, die in Vielem ganz ähnlich denken, könnte man ja mal „mit ihnen zusammenarbeiten“.

Melissa Zier, Grüne Jugend: Jetzt Dinge umsetzen

„Die Menschen wissen, wo wir stehen. Deshalb haben wir nun diesen Vertrauensvorschuss bekommen“, sagt Melissa Zier. Sie ist Vorstandssprecherin der Grünen Jugend Rems-Murr und hat die ersten Wahlergebnisse am Sonntag „mit einem Strahlen“ am Handy verfolgt, im Zug Richtung Jena. Die 21-Jährige aus Welzheim hat ihren Zweitwohnsitz mittlerweile in Thüringen. Mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern bei der Grünen Jugend konferiert sie meist via Skype, denn alle sind beruflich eingespannt und weit verstreut, aber dennoch „durchaus aktiv“ in Sachen grüne Politik.

Es stehen Vorstandswahlen an in naher Zukunft, berichtet Melissa Zier. Für ihre Partei sei nun nach diesem Wahlergebnis die Zeit gekommen, „dass wir die Dinge umsetzen“. Gespräche mit anderen Parteien stehen an, und politischen Entscheidungen gehen komplexe Verfahren voraus. Umso besser, dass die Grünen so viel Rückenwind bekommen von einer Art neuen, jungen außerparlamentarischen Opposition, wie Melissa Zier sagt: Die Schülerinnen und Schüler der Fridays-for-future-Demos hätten ernsthaft etwas bewirkt.

„Die Jugend hat durchaus Interesse an einer Debatte“, so schätzt die 21-Jährige das Grundgefühl ihrer Generation ein. Die Jungen waren’s, die das Klimathema nach vorne gebracht haben, und die Jungen haben zu einem nicht unerheblichen Teil den Grünen bei diesen Wahlen zum Erfolg verholfen: „Ich freue mich sehr, dass wir so viele Erstwählende gewinnen konnten.“

Einige von ihnen haben das Video des Youtubers Rezo, der dringend davor gewarnt hatte, CDU, SPD oder AfD zu wählen, vielleicht in ihre Wahlentscheidung einfließen lassen, mutmaßt die Welzheimerin. Doch innerhalb der gesamten Wählerschaft bringen es die Jüngeren nur auf einen vergleichsweise kleineren Teil, weshalb Melissa Zier nicht davon ausgeht, dass das Video letztlich „allzu sehr ausschlaggebend“ fürs Wahlergebnis war.

Und mittlerweile, glaubt Zier, verstünden sowieso Menschen aller Generationen, dass es ohne Schutz der Erde kein Überleben für die Menschen gibt.