Rems-Murr-Kreis

Junger Autist gründet Selbsthilfegruppe

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Marco Mayerle nutzt Hilfsmittel, um der Reizüberflutung Herr zu werden. Autismus „ist halt komplex“. © Benjamin Büttner / ZVW

Remshalden/Schorndorf. Marco Mayerle ist Autist. Und? Welche Bilder erzeugt das Wort im Kopf? Autist? Ein Gespräch mit dem Studenten rückt den Blick auf Facetten des menschlichen Seins, wie sie vielleicht jeder in sich trägt, in welcher – vielleicht abgeschwächten – Ausprägung auch immer. Marco Mayerle möchte in Schorndorf eine Selbsthilfegruppe gründen, zumal es bisher keine Angebote für erwachsene Autisten gebe.

Wie begegnet man einem Autisten, wie spricht man mit ihm, wie verhält man sich da? Das fragt sich Marco Mayerle selbst auch, und zwar auf eine sehr professionelle Art. Der 23-Jährige aus Remshalden studiert Sonderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und forscht nach Bausteinen, die er zu einer Bildungstheorie fügen möchte. Seine Stichworte lauten: Emotionalität, Stress, Neurodiversität. Es gibt Wechselwirkungen unter diesen drei Komponenten. Wie ein Mensch mit Stress umgeht, wie er seine Gefühle erlebt und reguliert, hängt eng zusammen mit der Beschaffenheit seines Nervensystems, mit der Art und Weise, wie sein Gehirn die Dinge verarbeitet.

Ohne Zweifel gibt es innerhalb der Spezies Mensch große Unterschiede. Neurodiversität bedeutet, von der Norm abweichende Gegebenheiten nicht automatisch als krank einzustufen, sie dagegen als eine von vielen möglichen Ausprägungen zu begreifen.

Anhängern der Neurodiversitätsbewegung wird zuweilen vorgeworfen, sie würden Krankheit verharmlosen, Pathologisches verleugnen, Behinderung bagatellisieren. Marco Mayerle hat selbst zu lange zu viel gelitten, als dass er irgendetwas verharmlosen könnte oder wollte.

Den Brüdern abgeschaut, wie „man“ sich verhält

Als Kind hat er seinen drei älteren Brüdern abgeschaut, wie „man“ sich verhält, wie „man“ kommuniziert, wie „man“ Gefühle ausdrückt. Große Mengen Hirnschmalz investierte er in sein Bemühen, so zu sein, wie „man“ zu sein hat – bis er ernsthaft erkrankte. Kopfschmerzen, Verdacht auf eine Erkrankung des Herzens, Probleme mit dem Blutdruck, Denkstörungen, Depressionen. Klinik.

Während seines Freiwilligen Sozialen Jahres hatte der junge Mann mit autistischen Kindern zu tun. Einen der Jungen bewundert Marco Mayerle regelrecht; es entwickelte sich ein „gutes, andauerndes und wertschätzendes Verhältnis“. Mayerle lernte von dem Jungen – und merkte irgendwann: Das ist es.

Seine eigene Diagnose erhielt er erst vor ein paar Monaten: Asperger-Autismus. „Ich war erleichtert.“ Endlich eine – diesmal plausible – Erklärung für seine allgegenwärtigen Schwierigkeiten und das Gefühl, „was stimmt nicht mit mir?“Marco Mayerle weiß sich zu helfen, und das konsequent. „Ich habe Überempfindlichkeiten“, sagt er, „und das schränkt mich sehr ein.“ Draußen trägt er auffällige Kopfhörer, die ihn vor dem Ansturm der Geräusche schützen. Während eines Gesprächs benutzt er Ohrstöpsel, damit ihn Nebengeräusche nicht zu sehr ablenken. Er trägt eine Art Sonnenbrille, die hochenergetisches blaues Licht filtert. Seit der Student diese und andere Hilfsmittel nutzt, geht es ihm besser. Sein Reizfilter, sein Gehirn konnte sich endlich erholen – was für ihn erheblich mehr Lebensqualität bedeutet. Seit dreit Monaten kommt der junge Mann ohne Medikamente aus.

Seine Hilfsmittel helfen gegen Reizüberflutung. Gegen Einsamkeit, gegen das Nicht-Verstanden-Werden helfen sie nicht. Marco Mayerle wirkt zunächst etwas steif und zurückhaltend. Es braucht etwas Zeit, um den ersten Eindruck zu korrigieren, um die Wärme und die Herzlichkeit dahinter zu entdecken. Also bleiben Autisten oft allein, und entgegen einem gängigen Vorurteil ist es überhaupt nicht das, was sie wollen, sagt der Student.

Autisten fallen in der Schule öfters unangenehm auf - wegen Reizüberflutung

Wieder hat er große Mengen Hirnschmalz investiert. „Ich habe versucht, meine Kommunikationsabläufe zu optimieren.“ _ „Man findet eine andere Bedienungsanleitung für sein menschliches Sein.“ – „Es ist halt komplex.“ Solche Sätze sagt dieser außergewöhnliche junge Mann. Er besuchte Seminare, befasste sich mit Meditation, Intuition, emotionaler Intelligenz, Tiefenpsychologie, mit dem Unbewussten, mit Selbsthypnose. Er hat gelernt, wie er sich autonom in einen Zustand tiefer Entspannung versetzen, wie er Energie tanken und Selbstheilungskräfte aktivieren kann. Das hilft ihm im Umgang mit anderen, vor allem in der Kommunikation, denn „gesellschaftliche Kommunikation braucht viel Energie“, wie er sagt. „So komme ich auch durch den Tag.“ - „Ich habe lange gebraucht, bis ich das erreicht habe.“

Autisten fallen in der Schule öfters unangenehm auf. Reizüberflutung verursacht Stress, und Stress kann aggressiv machen. Ein Autist muss irgendetwas tun, um nicht in der Reizüberflutung unterzugehen. Zu viele Menschen, zu viel Lärm, zu viele Gerüche, zu viele optische Reize – Angst. Wut. Panik.

Oder vollkommener Rückzug. Das gibt es auch.

Marco Mayerle ist sich sicher, die medizinischen Paradigmen der Psychiatrie funktionieren mit Blick auf Autismus und die Psyche nicht. Psychiatrie richtet den Fokus auf organische Ursachen psychischer Störungen und greift mit Medikamenten in den Gehirnstoffwechsel ein. Aber, gibt Marco Mayerle zu bedenken: Medikamente können erst Wirkung zeigen, wenn der Stress schon eine Dimension angenommen hat, die organische Veränderungen im Gehirn bereits bewirkt hat. Besser wäre, ein solch hohes Stress-Level gar nicht entstehen zu lassen, findet Mayerle.

„Das Wesen des Autistischen ist sehr trickreich“

„Die Schwergreifbarkeit der eigenen Gefühls- und Gedankenwelt, das Wesen des Autistischen ist sehr trickreich“ – wieder so ein weiser Satz. Marco Mayerle erzählt ganz nüchtern, wie er lernte „zu emotionalisieren“, zu weinen – Stunden über Stunden über Stunden. „Blind gegenüber den eigenen Gefühlen“ – so beschreibt er seinen Zustand davor. „Weinen kann emotionalen, körperlichen Stress reduzieren“, das sagt er so, als sei es gar nicht verwunderlich, Hunderte Stunden geweint zu haben.

Vielleicht ist es das auch gar nicht. Vielleicht meint „man“ das nur. Und vielleicht sind autistische Merkmale etwas, das mehr Menschen betrifft als vermutet. Davon geht Marco Mayerle aus – und weiter: „Die Welt ist nicht grade so für Autisten gemacht.“ – „Es ist anspruchsvoll, damit zu leben.“

„Aber eigentlich weiß man nicht genau, was Autismus ist.“

Die neue Selbsthilfegruppe ist gedacht für Menschen ab 16 Jahren mit Diagnose oder mit einem Verdacht auf eine Autismus-Spektrum-Störung. Es geht um gegenseitige Unterstützung oder auch gemeinsame Freizeitaktivitäten. „Man kann auch einfach nur zum Zuhören kommen.“

Ansprechpartner ist Marco Mayerle, Asperger-Autist und Student der Sonderpädagogik. Er ist unter dieser Mailadresse erreichbar: shg-e-schorndorf@autismus-verstehen.de

Das erste Treffen findet am Freitag, 7. September, 18 bis 19.30 Uhr, statt. Die Treffen sind alle zwei Wochen freitags zu dieser Uhrzeit geplant.

Die weiteren Termine: 21. September, 5. und 19. Oktober, 9. und 23. November und 7. Dezember. Am 2. November kann das Treffen NICHT stattfinden.

Treffpunkt ist das Familienzentrum, Karlstraße 19 in Schorndorf.

Weitere Infos gibt’s auf der Webseite:

„Wir müssen einen Weg finden, die erweiternden menschlichen Aspekte des Autismus wahrzunehmen und wertschätzend zu unterstützen, zu fördern.“ Marco Mayerle