Rems-Murr-Kreis

Kaum Pilze in den Wäldern

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Sammlerglück mit einem Lärchengoldröhrling – doch Achtung: Pilze sollte man nie mit dem Messer abschneiden, sondern immer vorsichtig herausdrehen. Das Messer hat der Sammler nur dabei, um schadhafte Stellen herauszuschneiden © Alexander Roth
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Pilzsammler Manfred Hennecke bei der Arbeit.
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Remshalden. Mit den Temperaturabfällen der vergangenen Tage und dem einsetzenden Regen hat die Pilzsaison begonnen – eigentlich. Tatsächlich ist in den Wäldern nicht viel zu finden, wie der Buocher Pilzfachmann Manfred Hennecke berichtet. Die Trockenheit wirkt sich auch hier aus. Der in der letzten Zeit gefallene Regen, war zu wenig und hat daran nichts geändert.

In diesem Juli hat Manfred Hennecke in seinem Garten eines seiner Hochbeete repariert und dafür auch gegraben. Vorher hatte es – ausnahmsweise in diesem Sommer – ergiebig geregnet, 23 Zentimeter auf den Quadratmeter. Beim Graben hat der Buocher dann gemessen, wie tief der Regen in den trockenen Boden eingedrungen ist: 16 Zentimeter. Vor einigen Tagen, sagt er, seien jetzt 3,5 Zentimeter Regen auf den Quadratmeter gefallen, woraus Hennecke auf eine Eindringtiefe von 2,5 Zentimetern schließt. Sprich: „Es ist nur die Grasnarbe feucht geworden.“

Das erklärt, warum nach diesem Regen nur so wenige Pilze aus den Waldböden geschossen sind. „Normalerweise sind jetzt die Täublinge da“, sagt Manfred Hennecke. Unter diesen verortet er einige der schmackhaftesten Pilze, sie sind also lohnende Sammelobjekte. Aber dieses Jahr ist bisher nicht viel los im Wald.

Es besteht noch Hoffnung

Die Wetterlage, nach denen die Pilze normalerweise im Spätsommer und Herbst kommen, ist immer die gleiche: ein starker Temperaturabfall und ordentlich Regen, dann geht es einige Tage später los. Das, was wir als Pilze sammeln, sind ja nur die Fruchtkörper eines riesigen, weit verfaserten Organismus, der im Waldboden wuchert. Myzel heißt dieses unterirdische Wesen, das weder zum Tier- noch zum Pflanzenreich gehört. Im Spätsommer sind die Knospen für die Fruchtkörper bereit, knapp unter dem Boden. „Und wenn es regnet, wird nur noch Wasser reingepumpt“, erklärt Manfred Hennecke. Dann schießen die Pilze aus dem Boden.

Schon 2015 und 2016 gab es fast keine Pilze, weil es viel zu trocken war. Dieses Jahr hat es noch viel weniger geregnet. Manfred Hennecke geht deswegen davon aus, dass nur sehr wenige Pilze zu sehen sein werden. Wenn die Temperaturbedingungen in den kommenden Wochen stimmen und es ausgiebig regne, dann könne noch etwas gehen. Aber es werde keine Masse an Pilzen in den Wäldern geben.

Sterben die Pilze, dann sterben Bäume und viele andere Pflanzen

Die Pilzarmut ist nicht nur für Liebhaber und „Küchenmykologen“ bedauerlich, es hängt viel mehr daran. „Pilze leben mit 80 Prozent der Pflanzen in Symbiose“, erklärt Manfred Hennecke. Die Myzele sind mit den Wurzeln von Bäumen und auch Wiesenpflanzen verbunden. Sie liefern Wasser und Nährsalze und bekommen im Austausch Kohlenhydrate. Das heißt: Wenn die Pilze verschwinden, dann sind davon auch Bäume und Pflanzen betroffen. Das könne man auf den Wiesen beobachten, so Manfred Hennecke.


Fünf Regeln für Pilze

  1. Regel 1: ist die absolute Grundregel, die eigentlich auch jeder kennt, die aber dennoch oft missachtet wird: Kein Pilz kommt in die Pfanne oder den Kochtopf, den man nicht mit 100-prozentiger Sicherheit bestimmt hat!
  2. Regel 2: Niemals einen Pilz mutwillig zerstören. Pilze sind die Fruchtkörper eines im Untergrund lebenden Wesens, des Myzels. Diese Lebewesen spielen im Kreislauf der Natur eine wichtige Rolle. Hat man einen Pilz gepflückt und merkt, dass man ihn nicht brauchen kann, stellt man ihn einfach auf den Boden zurück. So kann der Pilz trotzdem seine Sporen verteilen.
  3. Regel 3: Pilze nie abschneiden, sondern vorsichtig herausdrehen. Das Messer hat man nur zum Durchschneiden dabei und um damit zu erkennen, ob der Pilz verwurmt ist, und zum Putzen. Durch das Herausdrehen wird der unterirdische Teil des Pilz-Organismus am wenigsten beschädigt. Außerdem braucht man den Stielgrund zum Bestimmen. Einen giftigen Karbol-Champignon zum Beispiel kann man vor allem durch die chromgelbe Farbe am Stielgrund von einem essbaren Champignon unterscheiden.
  4. Regel 4: Pilze wie leicht verderbliches Hackfleisch behandeln. Wie Fleisch enthalten sie Proteine, die schnell schlecht und sogar giftig werden. Deswegen: Pilze in offenen Körben sammeln. Trockenes Reinigen, zum Beispiel mit einem Pinsel, reicht. Gesäubert kann man Pilze problemlos offen über Nacht im Kühlschrank aufbewahren. Wer sie nicht gleich verzehrt, sollte sie im Backofen oder mit einem Dörrautomaten trocknen. 
  5. Regel 5: Pilze lieber nicht roh essen. Ausnahme sind Champignons.

Der Buocher hat auch schon versucht, Pilze zu Hause zu züchten. Doch dazu gibt es zwar Anleitungen und Möglichkeiten. Manfred Hennecke ist es aber selbst nicht gelungen: „Ich habe alles probiert. Bei mir hat es nie geklappt.“ Wer Champions oder Austernpilze aus dem Supermarkt hole, der bekomme allerdings ausschließlich in Kulturen gewachsene Pilze, so Hennecke. Die kauft er auch selbst.

"Aus diesen Staaten würde ich nie Pfifferlinge essen"

Die Finger lässt der Buocher dagegen von Pfifferlingen. „Die kann man nicht züchten“, sagt er. Stattdessen stammen sie meist aus Osteuropa, aus Ländern wie Polen oder Rumänien. Manfred Hennecke sagt: „Aus diesen Staaten würde ich nie Pfifferlinge essen.“ Der Grund: die Radioaktivität, die nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Böden vielerorts nachhaltig kontaminiert hat. Man könne nicht sicher sein, dass man im Supermarkt keine verstrahlten Pilze bekomme.

Diese Sorge will Martin Steiner, Leiter des Fachgebiets Radioökologie beim Bundesamt für Strahlenschutz, nicht bestätigen. Er hält den Konsum von Pilzen aus Osteuropa für unbedenklich . Laut Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz wurden in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren keine Überschreitungen der Strahlen-Grenzwerte bei an im Handel erhältlichen Stichproben gefunden.


Pilze aus dem Supermarkt

Pilze, die bei uns in den Handel kommen und die nicht wie Champignons oder Austernpilze auf Kulturen gezüchtet werden können, zum Beispiel Pfifferlinge, stammen häufig aus Osteuropa. Kann man diese unbedenklich essen oder besteht die Gefahr, dass sie radioaktiv belastet sind? Manfred Hennecke rät dazu, die Finger von diesen Pilzen zu lassen.

Martin Steiner, Leiter des Fachgebiets Radioökologie beim Bundesamt für Strahlenschutz, sieht es etwas anders. Ja, sagt er, die Waldböden und damit die Pilze seien durch die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 immer noch vielerorts kontaminiert, nicht nur in Osteuropa, sondern in Deutschland zum Beispiel im Bayerischen Wald. Aber: Für alle Produkte aus dem Wald, also zum Beispiel Wildbret oder Pilze, die in der EU in den Handel kämen, gelte ein Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm, erklärt er. „Wenn die amtliche Lebensmittelüberwachung funktioniert, dann bestehen aus Sicht des Strahlenschutzes keine Bedenken“, sagt Steiner.

Laut Auskunft des Landesministeriums für ländlichen Raum und Verbraucherschutz werden in Baden-Württemberg jährlich zwischen zehn und 20 Stichproben von im Handel befindlichen Pilzen genommen. In den vergangenen Jahren sei davon keine über dem Grenzwert gewesen.

Es ist bei einer solchen Zahl von Stichproben natürlich nicht ausgeschlossen, dass mal eine Ladung Pilze über dem Grenzwert liegt. Das müsse jedoch nicht gleich ein Problem sein, sagt Martin Steiner. Wer mal ein Lebensmittel mit einer erhöhten Strahlendosis zu sich nehme, müsse sich keine Sorgen machen. Es zähle die Gesamtdosis. Sprich: Wer über einen längeren Zeitraum häufig Pilze mit hohen Radiocäsium-Werten zu sich nimmt, der bekommt irgendwann ein Problem. Aber: „Wenn Sie sich ganz normal ernähren, ist das Risiko auf ein Maß gesenkt, das Sie praktisch vergessen können“, so Steiner.

Eine gute Empfehlung für den Genuss von Wildpilzen, ob gekauft oder selbst gesammelt, sei: „Einmal in der Woche 250 Gramm. Da sind Sie auf der sicheren Seite.“ Bei der Beschränkung gehe es nicht nur um Radioaktivität, sondern auch um den Schwermetallgehalt der Pilze.