Rems-Murr-Kreis

Kein Führerschein für auffällige Jugendliche

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Symbolbild. © ZVW/Sarah Utz

Waiblingen. „Wer säuft, riskiert den Führerschein, auch wenn er noch gar keinen hat“: Die Polizei wählt ungewohnt drastische Worte, um klarzumachen: Jugendliche, die öfter mal über die Stränge schlagen, müssen mit Konsequenzen rechnen. Sie steuern vielleicht erst mal kein Auto oder müssen zum Check, noch bevor sie je einen Fuß aufs Gaspedal gesetzt haben. So selten kommen diese Fälle gar nicht vor, heißt es bei der Führerscheinstelle am Landratsamt.

Schon länger verteilt die Polizei Gelbe Karten, etwa jüngst zur Faschingszeit: Die Karten sind als Schuss vor den Bug zu verstehen, genau wie auf dem Fußballplatz. Die Rote Karte könnte folgen, sofern Jugendliche wiederholt auffallen. Sei es, weil sie auf Festen alkoholbedingt die Kontrolle verlieren, mehrfach kiffend erwischt werden - oder sich prügeln. Das hat zwar direkt nichts mit Autofahren zu tun – indirekt aber schon. Ein Auto darf nur steuern, wer charakterlich dazu geeignet ist. Jugendliche Schläger und dem Alkohol zugeneigte Minderjährige geben Anlass zur Vermutung, ihre Eignung als Autofahrer könnte noch etwas Zeit zum Reifen brauchen.

Die Führerscheinstelle am Landratsamt hat es laut Sprecherin Martina Keck „immer wieder“ mit Minderjährigen zu tun, die erst Auflagen erfüllen müssen, bevor sie zur Führerscheinprüfung dürfen, oder eine Wartezeit nach dem 18. Geburtstag verordnet bekommen. Meist ist es die Polizei, die mehrfach auffällige Jugendliche der Führerscheinstelle meldet. Die Behörde kann selbst Leute zur medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) schicken, die noch keinen Führerschein haben: Der im Volksmund als „Idiotentest“ bekannte Check ist nicht allein alkoholauffälligen Autofahrern vorbehalten. Wer als junger Mensch öfter mal in Schlägereien verwickelt ist, könnte dort ebenfalls landen.

Ein bunter Strauß an Repressalien steht zur Verfügung

Bevor ein minderjähriger zukünftiger Autofahrer eine Einladung zur MPU erhält, muss er sich schon mehr leisten als einen einmaligen Ausrutscher. Die Behörden verfügen über einen bunten Strauß an Repressalien, und in jedem Einzelfall entscheidet die Polizei, ob die Führerscheinstelle zu informieren ist.

Jan Altenau, Sozialpädagoge und Berater beim Kreisdiakonieverband Rems-Murr, definiert klar, von welcher Grenze an ein Jugendlicher überdurchschnittlich Alkohol konsumiere: Es beginnt bereits ab einer Tagesdosis von mehr als 0,2 Liter Bier. Trinkt ein – als Beispiel – 15-Jähriger jedes Wochenende Alkohol, „ist das für mich auf jeden Fall überdurchschnittlich“, sagt Jan Altenau.

Statistisch erfasst wird die Zahl Jugendlicher bis einschließlich 18 Jahren, die wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus kommen. Der bisher jüngste Patient war laut Landratsamt zwölf Jahre alt. Insgesamt geht die Zahl seit Jahren zurück. Das sagt alles und nichts; Statistiken wie diese lassen wohl keine Rückschlüsse zu aufs Trinkverhalten junger Menschen im Rems-Murr-Kreis. „Es ist mit einer höheren Dunkelziffer zu rechnen“, darauf weist die Suchthilfekoordinatorin am Landratsamt, Sonja Hildenbrand, hin.

 

 

Bereits seit 2010 beteiligt sich der Rems-Murr-Kreis am Alkoholpräventionsprojekt „HaLT“. Die Abkürzung steht für „Hart am Limit“. Zum Projekt gehört, dass Fachkräfte einen Jugendlichen nach einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus besuchen, sobald er wieder einigermaßen klar denken kann.

Im Krankenhaus sind Betroffene „noch geschockt vom Ereignis“

Das geht allerdings nur, wenn die Eltern diesem Besuch zustimmen, erläutert Jan Altenau. Circa in jedem dritten Fall werde die Erlaubnis erteilt. Die Betroffenen sind im Krankenhaus „in der Regel noch geschockt vom Ereignis“ und daher „gut ansprechbar“, berichtet der Sozialpädagoge. Allerdings würden über diesen Weg eher diejenigen erreicht, die sich im Zuge eines „einmaligen Ausrutschers“ eine Alkoholvergiftung zugefügt haben.

Im Gespräch am Krankenbett versuchen die Berater herauszufinden, ob tiefer liegende Probleme hinterm Komatrinken stecken, ob eine Suchtberatung angezeigt ist oder die schlichte Information ausreicht, welche Schäden Alkohol speziell im noch jungen Gehirn anrichtet.

Jan Altenaus Erfahrung nach ist gar nicht der Alkohol „das große Thema“ unter Jugendlichen – sondern Cannabis. Minderjährige Kiffer zählen natürlich ebenfalls zu jener Gruppe, der die Führerscheinstelle Auflagen verordnen kann.


Der erste Rausch

Deutschland gehört zu den OECD-Staaten mit dem höchsten Alkoholkonsum, heißt es auf Infoseiten des Projekts „HaLT“ (Hart am Limit). Demnach haben fast 70 Prozent der 12–bis 17-jährigen Jugendlichen schon einmal Alkohol getrunken. Das erste Mal trinken sie mit durchschnittlich 14,9 Jahren Alkohol. Der erste Konsum findet oft im Freundeskreis statt.

Den ersten Alkoholrausch erleben Jugendliche mit durchschnittlich 16,4 Jahren. 3,7 Prozent der Jugendlichen trinken laut „HaLT“ Alkoholmengen, die über den Grenzwertempfehlungen für Erwachsene liegen.

Die „Rangfolge der Trinkmotive“: Soziale Gründe in Bezug auf das Zusammensein im Freundeskreis, Spaß, der Versuch, durch Trinken Alltagsprobleme zu bewältigen, Gruppendruck.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rät Eltern auf der Plattform „Kenn-dein-Limit“: „Es ist wichtig, dass Sie bezüglich Ihres eigenen Trinkverhaltens ehrlich und glaubwürdig sind.“ Eltern sollten nicht darüber hinwegsehen, wenn ein Jugendlicher angetrunken oder betrunken nach Hause kommt: „Reden Sie darüber, offen und ehrlich.“