Rems-Murr-Kreis

Kinderpornografie: Fallzahlen steigen enorm

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Ermittler müssen riesige Mengen an Datenmaterial auswerten. © ZVW/Gabriel Habermann (Archiv)

Waiblingen. Die Fallzahlen und vor allem die Datenmengen steigen enorm: „Kinderpornografie ist ein riesengroßes Thema“, sagt Polizeipräsident Reiner Möller. Bei einer Durchsuchung kürzlich fand die Polizei 20 Festplatten, deren Auswertung mehr als ein Jahr dauern dürfte. Ermittler müssen alle Bilder und Filme sichten.

Fürs Strafmaß spielt es letztlich keine Rolle, ob ein Verdächtiger 10 000 oder 15 000 Dateien mit kinderpornografischen Inhalten besitzt. Ermittler könnten – theoretisch – die Auswertung des Materials ab einer bestimmten Grenze abbrechen. Beim Polizeipräsidium Aalen geschieht das nicht, betont Reiner Möller, der seit 1. August das Präsidium leitet. Das Material sei in Gänze zu sichten, „weil man sonst Missbrauchsfälle, die auf dieser Festplatte drauf sind, gar nicht erkennen würde, sie aber theoretisch erkennen könnte. Und das kann nicht sein.“

Ein Tatverdächtiger hat vielleicht zunächst Tausende Bilder gesammelt – und erst später eigenen Missbrauch dokumentiert. Diese Dateien könnten den Nachweis liefern für einen „möglicherweise andauernden Missbrauch“, so Andreas Krombacher, Sprecher am Landeskriminalamt, das sich ebenfalls fürs vollständige Auswerten aller Daten einsetzt. Gleichwohl: „Die immer größer werdende Zahl gespeicherter kinder- und jugendpornografischer Dateien stellt die sachbearbeitenden Dienststellen immer wieder vor große Herausforderungen“, wie Krombacher in seiner Antwort auf eine Anfrage dieser Zeitung schreibt.

„Gigantisch große Anzahl von Bildern und Videos“

Von einer „gigantisch großen Anzahl von Bildern und Videos“ spricht Reiner Möller. Einschlägige Bilder und Videos sind leicht übers Internet zu beschaffen. Sehr einfach lassen sich Dateien austauschen, kopieren, weiterverbreiten.

Neue Technologien sollen helfen, kinderpornografisches Bildmaterial aufzuspüren. Künstliche Intelligenz wird künftig Fahnder noch mehr dabei unterstützen, strafrechtlich relevantes Material aus der Fülle von Daten herauszufiltern. Dennoch werden auch weiterhin Ermittler vor Bildschirmen sitzen und sich dem Schrecken aussetzen müssen. Aus Reiner Möllers Sicht kann die Polizei in diesem Bereich nur Personen einsetzen, die diese Aufgabe freiwillig annehmen, also davon ausgehen, dass sie den Belastungen gewachsen sein werden. Es gibt regelmäßige Supervision, und jeder kann und soll, so Möller, jederzeit äußern, wenn Probleme entstehen: „Man muss dann auch ehrlich sein mit sich.“

Höhere Strafen für Täter befürwortet Reiner Möller uneingeschränkt: „Wenn Sie ein umfangreiches Verfahren im Zusammenhang mit Kinderpornografie haben, und zum Schluss gibt es eine Einstellung gegen Geldauflage oder eine geringfügige Bewährungsstrafe, dann denken wir: Das ist ja nicht irgendwas.“

Bewährungsstrafe für Familienvater

Noch ist offen, ob sich die Landesinnenminister mit einem entsprechenden Vorstoß durchsetzen: Der Besitz kinderpornografischer Schriften soll strafrechtlich gleich behandelt werden wie Kindesmissbrauch. Der Strafrahmen würde sich auf bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe erhöhen.

Im Rems-Murr-Kreis ist Anfang des Jahres ein 29-jähriger Vater einer Anderthalbjährigen aus Urbach zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden, weil er große Mengen kinderpornografisches Material besessen und Kinder wie auch Erwachsene angestiftet hatte, entsprechende Aufnahmen zu machen. Ein 25-Jähriger erhielt kürzlich eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und fünf Monaten. Er hatte zwei Mädchen in Schorndorf schwer sexuell missbraucht. Die Polizei hatte bei dem Mann große Mengen kinderpornografisches Material gefunden, und der Mann hatte vor Gericht zugegeben, den Missbrauch zum Teil gefilmt zu haben.


Zahlen und Fakten

In der polizeilichen Kriminalstatistik waren 2018 im Gebiet des Polizeipräsidiums Aalen 70 ermittelte Fälle erfasst im Zusammenhang mit „Verbreitung/Erwerb/Besitz/Herstellung von Kinderpornografie“. Im Jahr davor waren es 50 Fälle.

In Baden-Württemberg zählte die Polizei im vergangenen Jahr 843 Fälle dieser Art, im Jahr davor 624.

Unter Kinderpornografie sind pornografische Darstellungen zu verstehen, die sich auf sexuelle Handlungen von, an oder vor Personen unter 14 Jahren beziehen. Auch das Darstellen von teilweise entkleideten Kindern in „unnatürlich geschlechtsbetonter“ Körperhaltung (§184b StGB) gilt als Kinderpornografie.

Strafbar sind Herstellung, Verbreitung und Besitz kinder-/jugendpornografischer Schriften. Bereits der Versuch, an kinderpornografische Schriften heranzukommen, ist strafbar.