Rems-Murr-Kreis

Kreissparkasse: 13 Filialen machen dicht

1/2
Kreissparkasse_0
13 Kreissparkassen-Filialen im Rems-Murr-Kreis schließen. © ZVW/Sarah Utz
2/2
_1
Ines Dietze, die Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse, hat am Montag bei einer Pressekonferenz die „Neuausrichtung des Filialnetzes“ vorgestellt. Ihre Botschaft: Die alte Struktur „war zum Teil nicht mehr zeitgemäß“.

Waiblingen. Weniger Geschäftsstellen – künftig 72 statt bisher 85 –, dafür mehr Internet-Angebote, Telefon-Beratungen oder auch Hausbesuche: So lässt sich die Neuausrichtung des Filialnetzes zusammenfassen, zu der sich die Kreissparkasse entschlossen hat. Die alte Struktur „war zum Teil nicht mehr zeitgemäß“, sagt KSK-Chefin Ines Dietze.

So verhält sich der durchschnittliche deutsche Sparkassenkunde: 192-mal im Jahr nutzt er für Geldgeschäfte die Sparkassen-App am Smartphone, 108-mal loggt er sich am PC ein zum Online-Banking; nur 24-mal – nicht einmal alle zwei Wochen – geht er zum Bankomaten, um Bares zu ziehen; und einmal, ein einziges Mal besucht er eine Filiale, um vorne am Schalter oder hinten im Büro Aug’ in Auge mit einem Berater etwas zu erledigen oder zu besprechen.

Digitalisierung hat Kundenverhalten verändert

Die Digitalisierung hat Fakten geschaffen und das Kundenverhalten massiv verändert. Die Kreissparkasse (KSK) zieht nun Konsequenzen.
 

  • Bislang hat die KSK 25 „Beratungscenter“, quasi Filialen de luxe für komplexe Finanzgeschäfte von der Vermögensanlage bis zur Baufinanzierung – und hier ändert sich nichts: 25 Beratungscenter gibt es auch künftig.
     
  • Dazu hat die KSK bislang 45 mit Personal besetzte normale Filialen – hier kommt es zu einer Reduzierung: Künftig werden es noch 31 Personal-Filialen sein.
     
  • Bislang hat die KSK 15 Selbstbedienungs-Filialen ohne Personal, nur mit technischem Gerät (Bankomat, Kontauszugsdrucker, Überweisungsterminal) – künftig werden es 16 SB-Filialen sein.

Konkret von Änderungen betroffen sind 22 der 85 Geschäftsstellen:
 

  • Geschlossen werden neun Personal-Filialen: in Murrhardt (Hörschbachstraße), Backnang (Stettiner Ring), Nellmersbach und Weiler zum Stein zum 31. August; in Schorndorf (Fuchshof), Miedelsbach, Schnait, Schornbach und Urbach-Nord zum 30. November.
     
  • Geschlossen werden vier SB-Filialen: in Lippoldsweiler und Maubach zum 31. August, in Pfahlbronn und am Cannstatter Platz Fellbach zum 30. November.
     
  • Umgewidmet zu SB-Filialen werden fünf Personal-Filialen: in Beinstein, Fornsbach, Neustadt, Stetten zum 31. August, in Strümpfelbach zum 30. November.
     
  • Nur eingeschränkt weiterbetrieben werden vier Personalfilialen: In Burgstall, Kaisersbach, Großerlach und Spiegelberg sind die Schalter ab dem 1. September lediglich an einem Tag pro Woche besetzt.

"Noch großzügig im Rems-Murr-Kreis vertreten"

Damit, findet Ines Dietze, die Vorstandsvorsitzende der Kreisparkasse, „sind wir immer noch großzügig flächendeckend im Rems-Murr-Kreis verteten“, sie habe „ein sehr gutes Gefühl“ bei der Neuausrichtung. Im Gegenzug „bauen wir unser Beratungsangebot deutlich aus“, auf eine Art, „die mehr der heutigen Zeit entspricht“:
 

  • Ein telefonisches Kundenservice-Center, über das Kunden auch komplexe Geldgeschäfte abwickeln können, befindet sich im Aufbau.
     
  • In der Internet-Filiale sollen die Beratungs- und Geschäftsabwicklungsmöglichkeiten erweitert werden.
     
  • Für „Mobilitätseingeschränkte“ gibt es künftig einen Bargeldservice: Der Kunde kann pro Tag bis zu 500 Euro per Telefon bestellen und bekommt die Scheine via DHL geliefert, „zum Selbstkostenpreis“ von „etwa 3,50 Euro“.
     
  • Schon derzeit gibt es mobile Berater, die zu Kunden nach Hause kommen – „das Angebot werden wir deutlich ausweiten.“
     
  • Die Beratungszeiten für ausführliche Kundengspräche werden ausgedehnt – von 8 bis 20 Uhr.

200 Abhebungen pro Tag, damit sich ein Geldautomat rechnet

Die Kreissparkasse, erklärt Dietze, habe die Neuausrichtung nicht mal eben übers Knie gebrochen. Bereits 2015 ergab eine Analyse aller in den Filialen anfallenden Geschäftsvorgänge, dass das „Nutzungsverhalten deutlich rückläufig ist“, 2017 folgte eine zweite Sudie, die den Befund erhärtete: „Die Kundenfrequenz ist stark zurückgegangen.“ In Kleinstfilialen auf dem Lande kommen „manchmal nur zwei, drei Kunden pro Tag“. Der Trend schlägt auch auf die Geldautomaten durch: Damit sich so ein Apparat rechnet, braucht man gut 200 Abhebungen pro Tag – an manchen Standorten waren es zuletzt nur noch 30, 40, 50. Die Gründe sind bekannt und vielbeschrieben:
 

  • Nicht nur, dass der Mensch heutzutage vielerorts mit Karte zahlt – selbst wenn er Scheine braucht, muss er nicht zur Bank: „Viele Discounter bieten mit dem Einkauf Kunden an, Bargeld auszuzahlen.“
     
  • Vor allem Kleinstfilialen in Dörfern, wo es keine größeren Einkaufsmöglichkeiten gibt, vereinsamen – die Leute gehen tendenziell im nächstgrößeren Ort, wo sie ihre Besorgungen machen, nebenbei dort gleich noch zur nahen Bank.
     
  • Für Kleinstfilialen ist es „fast unmöglich“, Kunden mit komplexem Bedarf zu betreuen. Ein Berater braucht für seinen Sachkundenachweis eine Mindestzahl von Gesprächen pro Jahr – auf die er im Dorfbüro gar nicht kommt.

Den Beschäftigten gereiche die Neuausrichtung nicht zum Nachteil, verspricht Chefin Ines Dietze: „Den ganzen Tag allein in einer Filiale“ zu sitzen, ohne Kollegen – und oft auch stundenlang ohne Kunden –, sei nicht sehr attraktiv. Im Übrigen: „Es wird kein Mitarbeiter entlassen. Wir brauchen alle.“


Scharfe Kritik von links

Scharfe Kritik an der Neuausrichtung übt der Kreisverband der Partei Die Linke – in einer Pressemitteilung schreibt Kreisrat Stephan Kober: „Im Geschäftsbericht sagt die KSK Rems-Murr, dass es ein gutes Jahr war. Dennoch stehen eine ganze Reihe von Filialen vor dem Aus. Was für den Vorstand der Sparkasse gute Nachrichten sind, muss für die betroffenen Menschen im ländlichen Raum wie reiner Hohn klingen. Gesetzliche Aufgabe der Sparkassen ist es, die angemessene und ausreichende Versorgung aller Bevölkerungskreise und insbesondere des Mittelstands mit geld- und kreditwirtschaftlichen Leistungen in der Fläche sicherzustellen.“ Von den Schließungen „im ländlichen Raum sind vor allem ältere Menschen betroffen, die kein Auto oder Computer für Online-Banking haben. Gerade sie, die nicht mehr so mobil sind, müssen dann schauen, wo sie ihr Geld her kriegen oder die Überweisung tätigen können.“ Kober grundsätzlich: „Darf es immer nur um die Rendite gehen? Die Sparkasse gehört doch letztlich dem Kreis und damit den Bürgern. Sie hat daher auch einen gesellschaftlichen Auftrag.“ Aber wenn es schon um „Kostenfaktoren“ gehe, „gehören allem voran auch die Vorstandsgehälter auf den Prüfstand.“